Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Buchrezension

Die Zukunft der Freiheit

Während Postliberale längst den Abgesang auf den Liberalismus angestimmt haben, formuliert Vittorio Hösle einen Gegenentwurf. Nicht auf Überwindung, sondern auf Reform komme es an.
Erleben wir den Untergang des Liberalismus nach US-amerikanischem Vorbild?
Foto: Imago/Dreamstime | Erleben wir den Untergang des Liberalismus nach US-amerikanischem Vorbild?

Möglicherweise empfindet auch manch ein Leser dieser Buchbesprechung eine unterschwellige Sympathie mit jener inzwischen in Amerika wie in Europa recht einflussreichen Strömung, die sich „Postliberalismus“ nennt und das Ende der Epoche, die der liberalen Idee folgte, einzuläuten sich anschickt. Ihnen wie allen anderen ist ein Buch zu empfehlen, das der Philosoph Vittorio Hösle unter dem Titel „Warum wir den Liberalismus reformieren müssen, statt ihn aufzugeben“ vorgelegt hat. Hösle zieht eine Art Zwischenbilanz angesichts des an Schärfe zunehmenden Streites zwischen Vertretern des Liberalismus und seinen erklärten Gegnern – nicht ohne seine Überlegungen mit einem eindringlichen Appell zu beschließen.

Am Beginn jedweder Auseinandersetzung über die Zukunft der Freiheit steht die Schwierigkeit, einigermaßen eindeutig zu bestimmen, was unter „Liberalismus“ zu verstehen ist. Das ist schwer genug. Und schon hier zeigt sich eine weitere, aus der ersten abgeleitete Schwierigkeit: Im Blick auf prominente Vertreter des amerikanischen „Postliberalismus“ zeigt Hösle, dass diese die europäische Tradition des Liberalismus, die eine ziemlich andere als die amerikanische ist, gar nicht im Blick haben. Die – wenn auch heute gelegentlich ausgetrockneten – christlichen Quellen des europäischen Liberalismus haben diesem von Beginn an eine andere Richtung gegeben als jene, der der amerikanische „liberalism“ folgt, der – in deutscher Begrifflichkeit – eher eine Spielart sozialliberaler Programmatik ist und daher in unübersehbarem Gegensatz zu jeder Form des Konservatismus steht.

Ressentiments ohne erfolgversprechende Handlungsansätze

Wie immer man nun den Begriff bestimmt, unverkennbar ist bei nüchterner Betrachtung, dass es seit geraumer Zeit Entwicklungen in beiden – der europäischen wie der amerikanischen – Strömungen gibt, die geeignet sind, Stirnrunzeln, ja Ablehnung hervorzurufen. Tatsächlich gibt es eine ganze Reihe von Kritikpunkten, die mit Fug und Recht gegen den politischen Liberalismus und seine Folgen ins Feld geführt werden können. Besonders beängstigend zeigen sich solche Fehlformen des Liberalismus in den Folgen der Ideologie des Globalismus und dem Programm einer Ökonomisierung aller Lebensbereiche. Die durch beide Fehlentwicklungen bewirkte Funktionalisierung des Menschen als „Humankapital“, die mit seiner Entwurzelung und dem Gefühl einhergeht, jeder Sicherheit und jedes Schutzes zu entbehren, hat nicht zuletzt in Europa neue „populistische“ Parteien entstehen lassen. Diese pflegen vorzugsweise Ressentiments, ohne erfolgversprechende Handlungsansätze erkennen zu lassen – die Empfehlung, das Rad der Geschichte zurückzudrehen und allein dem Nationalstaat letzte Entscheidungsbefugnisse zuzuerkennen, scheint wenig realistisch.

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In fünf Schritten nähert sich Hösle dem Liberalismus, seiner Bestimmung und seinem Reformbedarf. Er erkundet seine Ursprünge und die Grundformen seiner Anliegen im 17. und 18. Jahrhundert, vergleicht sodann die gegenwärtige Krise des Liberalismus mit jener vor rund hundert Jahren und verteidigt schließlich die Idee des klassischen Liberalismus in Wirtschaftsfragen gegen die Fehlformen der Ökonomisierung, die von dem um die Jahrtausendwende sich breitmachenden sogenannten „Neoliberalismus“ zu verantworten sind. Dieser sei ein ganz anderer als der Neo- und Ordoliberalismus, für den Namen wie Friedrich August von Hayek, Wilhelm Röpke, Ludwig Erhard oder Walter Eucken stehen. In einem vierten Schritt widmet sich Hösle der Verbindung von Liberalismus und Demokratie und begründet, warum im Konfliktfall der liberale dem demokratischen Gedanken überzuordnen und vorzuziehen ist. Fünftens und letztens zielt seine Betrachtung auf die internationalen Beziehungen und betont, dass die Idee des Liberalismus mit der Perspektive des Realismus zusammengehen muss.

Wie frei können wir in Zukunft leben? 

Hösles Buch ist auch denjenigen Lesern zu empfehlen, die nicht von Berufs wegen mit politischer Ideengeschichte vertraut sind. Denn das, worum es in dem Buch geht, wird die öffentliche Auseinandersetzung noch lange beschäftigen – und betrifft ausnahmslos alle. Von dem noch lange nicht entschiedenen Ausgang des Streites um den Liberalismus wird abhängen, wie frei wir in Zukunft werden leben können. Am Ende seines Buches macht Hösle deutlich, dass unser Denken vor einer Weggabelung steht: Es ist, schreibt Hösle, „unerlässlich“ geworden, „über die enormen Vorteile nachzudenken, die der Liberalismus in den letzten acht Jahrzehnten für die Rechtskultur, das Wirtschaftswachstum und die erhöhte Sicherheit der Welt gebracht hat. Ja, der Liberalismus befindet sich in einer Krise. Er ist durch externe und interne Feinde gefährdet und hat viel von dem moralischen Enthusiasmus verloren, der ihn in den letzten zwei Jahrhunderten beflügelt hat. Die Entkopplung der Idee der Menschenrechte von den moralischen Prinzipien, auf denen sie beruhen, die Reduzierung der wirtschaftlichen Freiheit auf grenzenlose Gier ohne Rücksicht auf die Haftung für externe Kosten und ohne Verantwortung für kommende Generationen und die Schwächsten der Welt, die Ersetzung der tief verwurzelten kulturellen Voraussetzungen liberaler Demokratien durch Wahlen, die von einigen wenigen Oligopolisten der modernen Medien zugunsten von Populisten manipuliert werden, die das System der Gewaltenteilung und den öffentlichen Dienst von Experten verachten, sowie die Ablehnung des Völkerrechts und seiner Verurteilung von Angriffskriegen sind in der Tat alarmierend. Aber die Erfahrungen mit illiberalen Regimes in den 1930er Jahren verpflichten uns, zu versuchen, die moralischen Wurzeln des Liberalismus wiederzugewinnen und ihn an die neuen Herausforderungen anzupassen, anstatt ihn für gescheitert und überholt zu erklären. Denn trotz all seiner Grenzen können wir eines mit ziemlicher Sicherheit voraussagen: Was auch immer ihn ersetzen wird, wird schlimmer sein.“

Das sind eindringliche Worte, die dem von vielen noch nicht erkannten Ernst unserer Lage angemessen sind. Das postmoderne Theorem, dem zufolge alles im Leben – samt der Stimmabgabe bei Wahlen – bloß ein Spiel ohne Haftungsfolgen ist, weist den kürzesten Weg in die Katastrophe.

Vittorio Hösle: Warum wir den Liberalismus reformieren müssen, statt ihn aufzugeben, Baden-Baden: Verlag Alber, 2026, 120 Seiten, Softcover, EUR 19,–


Der Rezensent ist Außerordentlicher Professor für Philosophie an der Hochschule Heiligenkreuz.

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