Ferienzeit – schöne Zeit: Zu langen Sommerabenden kann auch gehören, dass man gemeinsam mit Familie oder Freunden eine spannende Serie am Fernsehen verfolgt oder per Beamer auf eine weiße Wand projiziert – als Nachbarschaftsvergnügen. Doch niveauvoll soll es sein, gern auch mal spannend. Die internationale Ausrichtung des Angebotskatalogs großer Streaming-Anbieter ermöglicht Einblick in die Bewegtbild-Kultur ganz unterschiedlicher Länder.
Legends
In der Netflix-Serie „Legends“ schildert Neil Forsyth einen Einsatz ganz gewöhnlicher Zollbeamter: Sie schleusen sich als Undercover-Ermittler in britische Drogengangs ein. Großbritannien Anfang der 1990er-Jahre: Die Zoll- und Steuerbehörde verliert zusehends den Kampf gegen den Drogenschmuggel. Die Politik verlangt sichtbare Erfolge, stellt jedoch kaum Mittel bereit. In dieser Lage entsteht ein riskanter Plan: Unter der Leitung des erfahrenen Don (Steve Coogan) soll ein kleines Team aus normalen Beamten verdeckt ermitteln. Sie sind keine Geheimagenten im Stil von James Bond, sondern Amateure, die sich eine „Legende“, also eine neue Identität, zulegen müssen. Guy (Tom Burke) versucht in London Anschluss an eine türkische Bande zu finden, während Kate (Hayley Squires) in Liverpool ermittelt.
Neil Forsyth greift ein wenig bekanntes Kapitel britischer Kriminalgeschichte auf und verdichtet es zu einem Thriller vor allem über die Schwierigkeiten des Doppellebens. Die Serie interessiert sich weniger für spektakuläre Action als für die psychischen Folgen einer erfundenen Identität. Dazu kommen politische Spannungen und ein sorgfältiges Produktionsdesign, das die frühen neunziger Jahre wieder aufleben lässt. Besonders Tom Burke überzeugt als Mann, der zu leicht in seine falsche Rolle hineinwächst. Stark ist ebenfalls Johnny Harris als Gangmitglied mit Gewissen.
Unconditional
Einen wahren Polit-Thriller entwickelt die Apple-Produktion „Unconditional“. Hier kämpft eine israelische Mutter um ihre in Moskau verhaftete Tochter. Wie weit reicht ihre bedingungslose Liebe – fragen sich bei atemloser Spannung die Zuschauer dieser Serie. Als Orna Levy (Liraz Chamami) und ihre Tochter Gali (Ronn Talia Lynne) nach einer Reise durch Indien über Moskau nach Tel Aviv zurückkehren wollen, werden sie am Flughafen von Sicherheitsbeamten festgehalten, getrennt und verhört. Orna kommt frei, Gali verschwindet im russischen Justizsystem: In ihrem Rucksack sollen Drogen gefunden worden sein, ihr drohen Jahre im Gefängnis. Orna weigert sich, an die Schuld ihrer Tochter zu glauben. Doch Rückblenden aus Indien nähren den Verdacht, dass Gali sich tatsächlich in etwas Gefährliches verstrickt hat. Orna beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln – unter anderem mit Hilfe von Rita (Evgenia Dodina), einer Israelin in Moskau.
Die von Adam Bizanski und Dana Idisis entwickelte israelische Serie erinnert zunächst an klassische Genrestoffe mit einem Hauch Alfred Hitchcock: Eine gewöhnliche Frau muss das Unmögliche tun, um ihr Kind zu retten. Besonders spannend wird „Unconditional“ dort, wo die Serie den Zuschauer zu verunsichern beginnt. Gali ist nicht bloß Opfer, Orna keine makellose Heldin, und auch die russischen Figuren bleiben nicht durchgängig böse. Nicht alles wirkt glaubwürdig; Orna findet beinahe zufällig Lösungen, an denen Behörden und Geheimdienste scheitern. Doch Liraz Chamami trägt den Thriller mit großer Energie. Die besten Szenen stellen eine unbequeme Frage: Was blendet man aus, wenn es um das eigene Kind oder um das eigene Land geht?
Urteilsverlust
Im Vergleich dazu nicht gerade originell, aber unterhaltsam erzählt: Die Netflix-Serie „Urteilsverlust“ spielt sommergerecht in Spanien und setzt auf bewährte Zutaten aus bekannten Anwaltsserien.
Die erfolgreiche Anwältin Amanda Torres (Elena Rivera) ist wegen ihres scharfen Verstandes gefürchtet – bis sie nach einer persönlichen Tragödie mitten in einer Verhandlung zusammenbricht. Eine Zwangsstörung macht ihr die Rückkehr in den Beruf nahezu unmöglich und kostet sie sowohl die Karriere als auch die Ehe. Als jedoch ihre Schwester Daniela (Carol Rivera) beschuldigt wird, ihren Verlobten kurz vor der Hochzeit ermordet zu haben, muss Amanda wieder handeln. Eine Chance bietet ihr Gabriel Ochoa (Manu Baqueiro), ein Anwalt mit heruntergekommener Kanzlei, der lieber verhandelt als prozessiert.
„Urteilsverlust“ folgt einer klassischen Dramaturgie: In jeder der zehn Folgen steht ein neuer Rechtsfall im Mittelpunkt, während sich über die gesamte Staffel hinweg der Mordfall um Daniela durchzieht – verknüpft zudem mit Amandas früherer Kanzlei und ihrem Ex-Mann César (Miquel Fernández). Originell ist die Anwaltsserie eher nicht – sie erinnert außerdem an die Serie „High Potential“: Amanda bemerkt Details, die andere übersehen, und ihre Eigenheiten werden zugleich als Belastung und Stärke eingesetzt. Juristische und medizinische Plausibilität sollte man nicht allzu streng prüfen. Dafür bietet die Serie Tempo, ein sympathisches Kanzlei-Ensemble und genug komödiantische Ideen, damit daraus kein Melodram entsteht. Elena Rivera trägt die Mischung aus Fallserie, Familiendrama, Romanze und Krimirätsel souverän.
Spider Noir
Prime Video verbindet Marvel-Mythos und Film Noir: Das Ergebnis ist stilvoll, prominent besetzt und unterhaltsam – und bietet ein Wiedersehen und -hören mit Superstar Nicolas Cage. Im Animationsfilm „Spider-Man: A New Universe“ (2018) sprach Cage noch den Spider-Man Noir als alternative Peter-Parker-Version aus einem schwarz-weißen Universum der 1930er-Jahre. In der Amazon-Serie „Spider-Noir“ kehrt er zwar zu dieser Rolle zurück, spielt nun aber Ben Reilly: einen gealterten Privatdetektiv im New York der Weltwirtschaftskrise. Als maskierter Held „The Spider“ beschützte er einst die Stadt. Nach dem Tod seiner großen Liebe legte er die Maske ab. Als ihn ein rätselhafter Auftrag zu Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten führt, gerät Reilly in eine Verschwörung aus korrupten Politikern und Gangstern, allen voran Silvermane (Brendan Gleeson). An seiner Seite stehen seine schlagfertige Sekretärin Janet (Karen Rodriguez) und der Journalist Robbie Robertson (Lamorne Morris).
Die Anmutung der Serie ist konsequent an den Film Noir angelehnt: Dauerregen, Zigarettenrauch, harte Schatten, Femme fatale, korrupte Cops und Privatdetektive prägen die Bilder. Visuell beeindruckt „Spider-Noir“ – die wahlweise in Schwarz-Weiß oder Farbe zur Verfügung steht – immer wieder. Cage fügt sich mit seiner exzentrischen Präsenz gut in diese künstliche Welt ein, und auch die Nebenrollen sind stark besetzt. Allerdings erzählt „Spider-Noir“ hinter der schönen Oberfläche die bekannte Geschichte vom gebrochenen Helden, der widerwillig zur Maske zurückkehrt. Manche Episode wirkt etwas gedehnt, manche Wendung allzu vertraut. Sehenswert bleibt die Serie dennoch: wegen Cage und wegen ihrer visuellen Kraft.
„Legends“. Großbritannien 2026. Serienentwickler: Neil Forsyth. Sechsteilige Serie, je ca. 55 Min. Auf Netflix.
„Unconditional“. Israel 2026. Serienentwickler: Adam Bizanski und Dana Idisis. Achtteilige Serie, je ca. 50 Min. Auf Apple TV+.
„Spider-Noir“. USA 2026. Serienentwickler: Oren Uziel und Steve Lightfoot. Achtteilige Serie, je ca. 45 Min. Auf Amazon Prime Video.
Der Autor schreibt als Historiker aus Berlin zu Kunst und Kultur.
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