Ein Land im Ausnahmezustand“, verkündet eine Offstimme zu Bildern aus den späten siebziger Jahren. Die Rote Armee Fraktion habe der Bundesrepublik Deutschland den Krieg erklärt. Politiker, Unternehmer und Vertreter der Justiz werden zu Zielscheiben terroristischer Anschläge. Am 7. April 1977 erschießen RAF-Mitglieder Generalbundesanwalt Siegfried Buback und zwei seiner Begleiter in Karlsruhe. Genau an diesem Tag tritt Silke Maier-Witt endgültig der RAF bei. Zuvor hatte sie die Gruppe mehrfach unterstützt.
Mehr als vier Jahrzehnte später ist Maier-Witt die Kronzeugin in Claus Räfles Dokumentation „Staatsgeheimnis RAF – Terroristen in der DDR“. Sie gehörte zur zweiten RAF-Generation und war an der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer logistisch beteiligt. Während jener Wochen im Herbst 1977, die in der Ermordung Schleyers gipfelten, wurde ihr nach ihren eigenen Worten jedoch das Ausmaß der Gewalt bewusst.
Sie will aussteigen – wie auch andere RAF-Mitglieder. Einfach in der Bundesrepublik unterzutauchen ist jedoch unmöglich: Ihr Gesicht ist auf allen Fahndungsplakaten zu sehen. Hinzu kommt, dass die RAF selbst ein Interesse daran hat, ihre ehemaligen Mitglieder aus der Schusslinie zu bringen, bevor sie von der Polizei gefasst werden oder sich stellen und aussagen können. Die Lösung: Inge Viett verfügt bereits über Kontakte in die DDR.
Neuer Name, neues Leben
Dass die DDR RAF-Aussteigern Unterschlupf gewährt hatte, wurde nach dem Mauerfall bekannt. Räfle erzählt also keine völlig unbekannte Geschichte. Er rekonstruiert aber mit großer Detailfülle, wie es der Staatssicherheit gelang, aus gesuchten Terroristen scheinbar gewöhnliche DDR-Bürger zu machen, und welches politische Risiko sie damit einging. Die zehn Aussteiger wurden in einem Schulungsheim der Staatssicherheit in Briesen bei Frankfurt an der Oder auf ihr neues Leben vorbereitet. Sie erhielten einen neuen Namen, einen neuen Lebenslauf – die sogenannte „Legende“ – sowie Wohnung und Arbeitsplatz.
Um eine „humanitäre Aktion“ handelte es sich dabei sicherlich nicht, zumal ausgerechnet die für Terrorabwehr zuständige Abteilung 22 des Ministeriums für Staatssicherheit die Operation organisierte. Dahinter stand vielmehr das Prinzip „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“. Offenbar ging es auch darum, die Bundesrepublik zu destabilisieren. Streng geheim musste die Aktion allerdings bleiben. Dass die DDR gesuchte RAF-Terroristen nicht nur duldete, sondern unterstützte, hätte ihr internationales Ansehen schwer beschädigt. Besonders brisant wurde dies vor dem Hintergrund des lange angestrebten Staatsbesuchs Erich Honeckers in der Bundesrepublik im Jahr 1987.
Räfle erzählt diese Geschichte als zeitgeschichtlichen Thriller. Wie in Fernsehdokumentationen üblich, wechseln Archivmaterial sowie Gespräche mit Zeitzeugen und Experten einander ab – in schnellem Schnitttempo: Die Interviewpassagen bleiben häufig kurz, der Film springt rasch von einem Gesprächspartner zum nächsten. Zugleich besitzt die Dokumentation mit Silke Maier-Witt eine außergewöhnliche Protagonistin, an deren Lebensweg sich die Absurdität dieses deutsch-deutschen „Staatsgeheimnis Nr. 1“ ablesen lässt.
KI-Künstlichkeit wirkt besonders echt
Bemerkenswert ist Räfles Dokumentation noch aus einem weiteren Grund: Solche Filme bestehen üblicherweise aus drei Elementen: Archivbildern, Interviews und nachgestellten Szenen. Letztere gehören jedoch häufig zu den schwächeren Bestandteilen historischer Fernsehproduktionen. Räfle ersetzt sie weitgehend durch KI-animierte Sequenzen, die Helmut Fischer und Parviz Balucci geschaffen haben. Das Ergebnis ist verblüffend – auch wenn bei der Qualität noch „Luft nach oben“ bleibt.
Denn die künstlich erzeugten Szenen wirken mitunter weniger künstlich als konventionell nachgestellte Sequenzen. Vermutlich wird mancher Zuschauer zunächst gar nicht bemerken, dass es sich um KI-Rekonstruktionen handelt. Das weist über „Staatsgeheimnis RAF – Terroristen in der DDR“ hinaus: Gerade die Technik, der Künstlichkeit vorgeworfen wird, erscheint natürlicher als manche „historische“ Szene mit realen Darstellern. Die Kehrseite dieser KI-Entwicklung: Solche nachgestellten Szenen boten bislang weniger bekannten Schauspielern kleinere Rollen und damit Beschäftigungsmöglichkeiten. Wenn sie durch KI-generierte Figuren ersetzt werden, fällt diese Arbeit einfach weg. „Staatsgeheimnis RAF“ zeigt deshalb nicht nur, was mit künstlich erzeugten Bildern inzwischen möglich ist, sondern auch, welche Veränderungen diese Technik für die Produktionspraxis mit sich bringen dürfte.
Je realistischer künstlich erzeugte historische Bilder werden, desto wichtiger wird deshalb ihre eindeutige Kennzeichnung. „Staatsgeheimnis RAF“ macht damit auch sichtbar, wie grundlegend KI die Bildsprache historischer Dokumentationen verändern dürfte – und womöglich vielleicht auch ihren Inhalt?
„Staatsgeheimnis RAF – Terroristen in der DDR“. Ein Film von Claus Räfle. Deutschland 2026, 90 Min, in der ARD-Mediathek.
Der Autor schreibt als Historiker über Kultur und Kunst.
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