Wer Franz Marc (1880–1916) vor allem als Schöpfer farbenreicher Tiergemälde kennt, der staunt beim Betreten der Sonderausstellung „Franz Marc – Die Suche nach einer besseren Welt“ nicht schlecht. Spätimpressionistische, bisweilen naturalistische Bilder eröffnen die Werkschau des Mitbegründers des „Blauen Reiters“. Diese anfängliche Überraschung gehört zu dem Konzept der Düsseldorfer Ausstellung, die chronologisch aufgebaut ist und damit auch zeigt, wie kurz die berühmteste – und wohl auch entscheidende – Werkphase des Künstlers war. Denn Marc, der zu den bedeutendsten deutschen Künstlern des frühen 20. Jahrhunderts zählte, starb mit gerade einmal 36 Jahren an der Westfront des Ersten Weltkriegs. Dennoch zeigen auch die frühen Werke bereits ganz typische Züge der künstlerischen Physiognomie des Malers: Es finden sich zahlreiche Tiermotive, wie sie auch späterhin das Schaffen Marcs bevölkern. Bevorzugt malt er in den frühen Jahren Katzen und Rehe, nicht zuletzt aber auch den eigenen sibirischen Schäferhund „Russi“, der ihn ständig begleitet. Er liebt das Landleben und verbringt viele Sommer in Oberbayern, wo er zahlreiche seiner Motive auffindet. Aus dem Umkreis des Naturalismus aber löst er sich bald, zugunsten einer Malweise, der es nicht mehr darum geht, illusionistisch eine Wirklichkeit vorzutäuschen: Die artifiziellen Züge treten stärker hervor, die Natur wird malerisch interpretiert und nicht mehr bloß abgebildet.
Dem Tier menschlich zugeneigt
Was aber hat es mit der besonderen Vorliebe für Tierabbildungen auf sich? Für diese ist Marc berühmt geworden, und sie hat andere Aspekte seines Schaffens derart in den Hintergrund gedrängt, dass viele Besucher fast überrascht auf den späten Weg ins Abstrakte reagieren. An der Tiermalerei reizte ihn denn auch weniger die Darstellung als vielmehr der Versuch, die Welt durch den Blickwinkel der Tiere zu sehen, die Perspektive der Pferde, der Rehe und der Vögel einzunehmen, die seine Bilder bewohnen. Seinen Aufzeichnungen lässt sich entnehmen, dass er den Betrachter dazu bringen wollte, das „innerlich zitternde Tierleben“ herauszufühlen. Paul Klee hat das Tierverständnis seines Freundes in einem Nachruf zu charakterisieren versucht und meinte, dass dieser sich den Tieren „menschlich zuneige“ und sie damit „zu sich erhöhe“. Tatsächlich zeigen einige seiner entsprechenden Gemälde typische Figurenkompositionen, die auch den Zuschauer dazu bringen, die Distanz zu den Tieren aufzugeben. Das Tier wird vermenschlicht; er schreibt ihm eine innere Empfindsamkeit zu, die sich auch in der Abbildung zeigt, so etwa in „Blaues Pferd II“ aus dem Jahr 1911.
1910 trifft Marc auf den rheinischen Künstler August Macke, der zu einem Freund und Mitstreiter für die Sache der modernen Kunst wird. Dieser vermittelt ihm auch den Kontakt zu dem Industriellen Bernhard Koehler, der einige Werke ankauft und ihm dadurch größeren finanziellen Freiraum ermöglicht. Vor allem aber findet er künstlerisch immer mehr zu einer eigenen Darstellungswelt, in der Farbe vom reinen Abbildungs- zu einem Ausdrucksmittel gerät. Die Formen hingegen werden vereinfacht, gleichwohl sie bei Marc – anders als etwa bei seinem künstlerischen Weggefährten Kandinsky – noch lange auffindbar bleiben.
Begegnung mit dem Kubismus
Verblüfft stellt der Besucher fest, dass selbst die kurze „reife“ Schaffensphase Marcs in sich keineswegs abgeschlossen ist und sich auch in den expressiven Tiergemälden immer wieder stilistische Wechsel erkennen lassen. Der Blick darauf wird leider nur allzu oft dadurch verstellt, dass Motive des Künstlers auf Kaffeetassen, Tellern, Regenschirmen und allerlei anderen Gegenständen des täglichen Gebrauchs sich wiederfinden (freilich verkauft auch der Museumsshop des K20 solche Artikel). Der Ausstellung gelingt es aber, diese Trivialisierung zu umgehen und die produktiven Kräfte dieser Malerei hervorzukehren: So wird darauf hingewiesen, dass insbesondere die Begegnung mit dem Kubismus Braques und Picassos im Jahr 1912 enormen Einfluss auf Marc ausübte. Gemälde wie der „Steinige Weg“ (1912) stehen für diese Entwicklung ein; hier verbinden sich expressionistischer Farbeinsatz und kubistische Aufsplitterung des Gegenstandes.
Als „das Auftauchen an einem anderen Ort“ wollte Marc seine Bilder verstanden wissen, und so finden sich auch immer wieder idyllisch anmutende Landschaften in seiner Malerei, etwa in dem Gemälde „Die verzauberte Mühle“ (1913). Je näher aber der Krieg rückt, desto mehr verdüstert sich auch die Perspektive des Malers, der nach einer Tirol-Reise im Vorjahr des Kriegsbeginns die apokalyptische Landschaft „Das arme Land Tirol“ schuf. Nur wenig später wandte sich Marc, der sich auch in seinen Tierbildern immer mehr von der Gegenständlichkeit entfernt hatte, der Abstraktion zu; an den Freund Kandinsky erinnern nun auch die Werktitel wie „Komposition“ und verschiedene „Formen“. Hier treten nun die Einflüsse des italienischen Futurismus hervor, dessen Dynamismus er im Rahmen der von ihm mitkonzipierten „Futuristen-Ausstellung“ in Köln kennenlernte. Die letzte Zeit im Leben Marcs stellt ein Rätselbild dar: Abstrakte Gemälde stehen solchen gegenüber, die noch auf Tierdarstellungen verweisen. Hätte er sich ganz der Abstraktion verschrieben? Das weiß auch die Ausstellung nicht zu beantworten. Ihr Verdienst aber ist die Möglichkeit eines umfassenden Einblicks in das Schaffen eines Künstlers, der gleichermaßen bekannt und in seiner Bedeutung doch unterschätzt ist.
Der Autor schreibt als promovierter Musikwissenschaftler und Dramaturg über Kultur.
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