Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung 100. Geburtstag von Michel Foucault

Foucault lesen lohnt sich

Zum 100. Geburtstag des französischen Philosophen: Wie sein Denken die Gegenwart beeinflusst hat und sich doch den gängigen Schablonen entzieht.
100. Geburtstag von Michel Foucault
Foto: DT/ IMAGO / ZUMA Press Wire | Der unverklärte Blick auf Foucault verlangt auch, den entscheidenden Grundfehler in seinem Denken zu benennen: seine Weigerung, ein Wesen des Menschen anzuerkennen.

Wer den synodalkirchlichen Debatten in Deutschland lauscht, wird immer wieder auch auf Michel Foucault (1926–1984) stoßen. Angeprangert wird da unter Verweis auf Foucault die „Pastoralmacht“ und überhaupt das vermeintlich ungerechte Macht- und Herrschaftssystem Kirche. Wie so oft, wenn deutsche Theologen sich auf Philosophen berufen, wird auch bei Foucault regelmäßig zu kurz gegriffen.

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Ja, Foucault beschäftigte sich in seinem Werk mit konkreten Machtkonstellationen, ihren historischen Entstehungsprozessen und der Art und Weise, wie Machtverhältnisse den Zugang und Zugriff auf die Wirklichkeit im Ganzen prägen. Von abseitigen Utopien, wie einer völlig machtbefreiten Gesellschaft oder einem herrschaftsfreien Diskurs à la Jürgen Habermas, findet sich bei Foucault aber nichts. So wäre der deutschsynodale Wunschtraum einer herrschaftsfreien und hierarchielosen Kirche mit Foucault vielmehr selbst unter dem kalten Blick der Machtanalyse zu untersuchen. Foucault war viel zu sehr von Friedrich Nietzsche beeinflusst, um nicht zu wissen, dass gerade auch die ostentative Machtverachtung ein äußerst nützliches Mittel zur Machtausübung sein kann.

Viel klüger als die Ideologen und Aktivisten

Überhaupt zeigt sich bei der Lektüre Foucaults, dass er viel klüger ist als die Ideologen und Aktivisten, die sich so gern auf ihn berufen – auch außerhalb der Kirche. Wer etwa seine Vorlesungen zur Entstehungsgeschichte des Liberalismus liest (veröffentlicht als „Die Geburt der Biopolitik“ als zweiter Teil einer „Geschichte der Gouvernementalität“), wird erstaunt sein, in welch positivem Licht der Liberalismus, vor allem der die soziale Marktwirtschaft begründende Ordo-Liberalismus, erscheint. Philipp Sarasin hat in seiner Einführung zu Foucault treffend formuliert, dass „nicht zu erkennen“ sei, „was Foucault in seinem Vorlesungstext gegen diese liberale Konzeption der Freiheit einzuwenden hätte.“

Und doch erkennt Foucault auch, wie sich der liberale Staat durch den Zugriff auf das Individuum in einen totalitären verwandeln kann. Wie Foucault am Beispiel der staatlichen Reaktion auf die Pocken im 18. Jahrhundert zeigt, weist insbesondere der medizinisch-epidemiologische Zugriff des Staates auf den Menschen totalitäre Tendenzen auf. Zu Recht ist das foucaultsche Wort von der „Biopolitik“ seit den staatlichen Überwachungs-, Absonderungs- und Impfmaßnahmen während der Corona-Pandemie weit über den philosophischen Fachdiskurs bekannt geworden.

Was Foucault so stark macht

Auch in seinem gerade erst aus dem Nachlass auf Deutsch bei Suhrkamp erschienenen Band „Die Hermaphroditen“ zeigt sich, was Foucault so stark macht: der scharfe Blick für die Ausnahme, den Grenzfall, das Abnormale und den historischen Umgang damit. Die Ausnahme fordert nämlich den menschlichen Drang zum Klassifizieren heraus, stellt ihn in Frage oder schiebt ihn allererst an. Den von Foucault aufgeworfenen Fragen müssen sich unweigerlich auch Katholiken stellen. Wie etwa passen Hermaphroditen – also Menschen, die auf irgendeine Weise beiderlei primäre Geschlechtsmerkmale zeigen – in die üblichen juristischen, medizinischen oder theologischen Raster? Wer schon den kühlen Hinweis auf diese Phänomene als postmodernen Unsinn von sich weist, gibt sich sicher als Philister, nicht aber unbedingt als Christ zu erkennen.

Der unverklärte Blick auf Foucault verlangt aber auch, den entscheidenden Grundfehler in seinem Denken zu benennen: seine Weigerung, ein Wesen des Menschen anzuerkennen. Lebenslang wandte Foucault sich gegen stabile Identitäten. Ohne festes Wesen des Menschen gibt es aber auch keine Lebensweise, die ihm objektiv entspricht und ihm guttut. Es gibt, mit anderen Worten, keine Bestimmung und kein Ziel des Menschen. Ohne eine feste Natur hängt zudem auch die Moral und mit ihr das Recht in der Luft. Der durchaus existente Gerechtigkeitssinn Foucaults bleibt aus seinem eigenen Denken heraus unbegründbar. Der Einsatz für die Unterdrückten und Geknechteten muss daher ein beliebiger und letztlich unverbindlicher Entwurf bleiben.

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