„It’s not a contest of ideas, it’s a competition for jobs.“ Der damalige leitende Redakteur der amerikanischen Zeitschrift „First Things“, Mark Bauerlein, versuchte mit diesem Satz vor wenigen Jahren zu erklären, warum im kulturellen Bereich die Linke dominiere: Diese nämlich habe verstanden, dass es nicht in erster Linie um Ideen und Argumente gehe, sondern schlicht und einfach darum, die verfügbaren Stellen zu besetzen. Konservative, so die Schlussfolgerung aus Bauerleins Analyse, schreiben Bücher, während Linke Personalpolitik machen, und deshalb gewinnt in der Regel die Linke.
Caspar von Schrenck-Notzing hätte Bauerleins Analyse vermutlich zugestimmt. Denn sein Lebensthema war das Organisieren und Netzwerken im politisch konservativen Bereich. Dies arbeitet Alexander Eiber in seiner nun schon in zweiter Auflage erschienenen Dissertation über Schrenck-Notzing klar heraus. Allerdings hatte Schrenck keine oder nur sehr wenige Jobs zu vergeben und war zudem als Autor von einem halben Dutzend Büchern und zahllosen Aufsätzen und Artikeln selbst Verbreiter von Ideen. Und doch liegt Schrencks eigentliche Bedeutung, wie Eiber zeigt, anderswo: in dem unermüdlichen Versuch, die Arbeit konservativer Intellektueller zu vernetzen, zu organisieren und zu institutionalisieren.
Schrencks Konservatismus war dabei auch in der frühen Bundesrepublik schon oppositionell oder mindestens semioppositionell. Schrenck akzeptierte Adenauers CDU als pragmatische Partei mit Sammlungscharakter, an der Post-Adenauer-CDU fand er wenig Gutes, an Strauß’ CSU schon mehr. Da diese aber nicht bundesweit expandierte, interessierte Schrenck sich zudem für die Parteien rechts der Union, vor allem für die DP, aber auch zeitweise für die NPD, was Eiber als kurzzeitige Verirrung und als ein „Missverständnis“ des tatsächlichen Charakters der Partei interpretiert.
Pragmatismus und Organisationsfähigkeit
An den 1983 gegründeten Republikanern missfiel ihm der Populismus. Ähnlich wie dem befreundeten Armin Mohler ging es Schrenck um einen dezidierten und radikalen Konservatismus, wobei Schrenck sich, anders als Mohler, weniger an der antidemokratischen rechten Intelligenz der Weimarer Republik orientierte, sondern stärker am US-Konservatismus, dessen Pragmatismus und Organisationsfähigkeit er schätzte. Und anders als Mohler hatte Schrenck durchaus auch vorsichtige Sympathien für einen liberalen Konservatismus und bevorzugte die Selbstbezeichnung „konservativ“ statt „rechts“.
Bekannt wurde Schrenck-Notzing 1965 durch sein aus den US-Besatzungsakten gearbeitetes Buch „Charakterwäsche“ über das amerikanische Reeducation-Programm nach 1945, eine scharfe Abrechnung mit der „Umerziehung“, die trotz zahlreicher Neuauflagen vom Feuilleton und der Fachwelt großenteils ignoriert wurde. Es folgten 1968 mit dem Buch „Zukunftsmacher“ eine ebenso scharfe Abrechnung mit „1968“ und der Neuen Linken sowie 1972 mit „Honoratiorendämmerung“ eine Kritik am Mitte-Kurs der CDU. Seine hauptsächliche Bedeutung gewann Schrenck-Notzing aber als Gründer und Herausgeber der Zeitschrift Criticón ab 1970. Das Blatt diente als Sammlungsbewegung einer intellektuellen Rechten in der Bundesrepublik, Schrenck begriff die Zeitschrift als „Organ des kämpferischen Konservatismus“.
Religiös war Schrenck eigentlich nicht, doch der evangelisch Getaufte trat im Alter noch in die katholische Kirche ein; zum einen, um der Peinlichkeit eines „heidnischen“ Begräbnisses zu entgehen, zum anderen, weil er mit Papst Benedikt XVI. die von ihm ersehnte „geistig-moralische Wende“ eingeleitet sah.
Offenheit für Rechtsradikalismus?
Eibers ausdrückliches Ziel ist es, weder einseitig positiv noch einseitig kritisch über Schrenck zu schreiben, sondern sine ira et studio ein objektives Bild zu zeichnen. Die bisherige Forschung bestehe entweder aus dezidierten Freunden oder dezidierten Feinden Schrenck-Notzings, von beiden will Eiber sich gleichermaßen fernhalten. Von Schrencks Freunden grenzt er sich insofern ab, als Eiber Schrencks Bedeutung nicht im Intellektuellen sieht, sondern in erster Linie im Organisieren und Netzwerken. Von Schrencks Feinden insofern, als er Schrenck ausdrücklich gegen den Vorwurf der Offenheit für Rechtsradikalismus in Schutz nimmt und Schrenck auch nicht einer diffusen „Neuen Rechten“ zuordnen mag, sondern in der Tradition des deutschen und europäischen Konservatismus verortet, für den Schrenck eben als Organisator und Netzwerker erhebliche Bedeutung entfaltete. Bis heute sichtbares Ergebnis dieser Tätigkeit ist die Bibliothek des Konservatismus, deren Grundstock die Privatbibliothek Schrencks bildet und die aus der von Schrenck gegründeten Förderstiftung Konservative Bildung hervorgegangen ist.
Eiber hat als Erster den umfangreichen Privatnachlass Schrencks ausgewertet und hatte zudem Zugang zu mehreren weiteren Privatarchiven von Weggefährten Schrencks. Auf dieser Grundlage ist ihm eine umfassende politische Biografie Caspar von Schrenck-Notzings gelungen, die Schrencks politisches Schrifttum und sein Denken gründlich ausleuchtet, die vor allem aber zeigt, mit welcher Energie Schrenck-Notzing sein Ziel einer Institutionalisierung des deutschen Konservatismus vorantrieb.
Alexander Eiber: Caspar von Schrenck-Notzing. Konservatives Leben und Denken in Deutschland nach 1945, Wien: Karolinger Verlag, 2. Auflage 2026, 440 Seiten, gebunden, EUR 38,–
Der Autor ist habilitierter Historiker und Akademischer Oberrat a. Z. am Lehrstuhl für Neueste Geschichte der Julius-Maximilians-Universität Würzburg.
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