Der Satz „Ich wurde geboren und das Wort war in mir.“ steht in einem Künstlerbuch von Gabriele Stötzer. Man kann darin einen Widerhall des Johannes-Evangeliums hören: „Im Anfang war das Wort“. Bei Stötzer wird daraus kein Glaubensbekenntnis. Eher eine Selbstbehauptung. Das Wort ist in mir. Ich bin da. Das Künstlerbuch gehört zu einer Werkgruppe aus den Jahren 1982 bis 1988. Wer durch die Ausstellung „Dabei sein und nicht schweigen“ im Berliner Gropius Bau geht, begegnet solchen Sätzen immer wieder. Dazu kommen Fotografien, Zeichnungen, bemalte Stoffe, Keramik, Künstlerbücher, Super-8-Filme, Masken und Körperskulpturen. Vor allem Körper. Füße, Brüste, Münder, Köpfe, Scham. Der weibliche Körper wird bei Stötzer nicht zum schönen Gegenstand für den Blick anderer. Er wird Material und Ausdrucksmittel, manchmal Schutzschild.
Rund 150 Arbeiten versammelt der Gropius Bau in der bislang größten institutionellen Einzelausstellung der Künstlerin. Das Spektrum reicht von Malerei und Literatur über Fotografie, Textilkunst und Videos bis zu Performance und Aktionen im öffentlichen Raum. Die Lebensgeschichte dahinter beginnt lange vor dieser späten Anerkennung. Gabriele Stötzer wurde 1953 in Emleben bei Gotha geboren. Sie studierte Germanistik und Kunsterziehung an der Pädagogischen Hochschule Erfurt. 1976 wurde sie nach einer Protestaktion von der Hochschule ausgeschlossen. Nach ihrer Beteiligung am Protest gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann wurde sie wegen „Staatsverleumdung“ zu einem Jahr Haft verurteilt, das sie im Frauengefängnis Hoheneck verbrachte. Nach der Haft arbeitete sie zunächst in einer Fabrik, leitete dann in Erfurt die private „Galerie im Flur“, bis diese 1981 verboten wurde. Viele ihrer Freunde verließen Erfurt Richtung Ost-Berlin oder Westdeutschland. Sie blieb.
Der eigene Körper als Bildträger
„Bleiben ist auch eine Entscheidung“, steht an einer Wand der Ausstellung. Dieser Satz verändert den Blick auf das, was folgt. Bleiben bedeutet bei Stötzer keineswegs, sich einzurichten. Sie schreibt, zeichnet, fotografiert und dreht Filme. Später gehört sie zu den Initiatorinnen der Künstlerinnengruppe Erfurt. 1989 beteiligt sie sich an der Bürgerinneninitiative „Frauen für Veränderung“ und an der Besetzung der Erfurter Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit. Der eigene Körper wird früh zu einem ihrer wichtigsten künstlerischen Mittel. Erste fotografische Selbstinszenierungen entstehen 1981. In Stegreifspiele von 1982, mit Birgit Bronnert, arbeitet Stötzer mit Silbergelatineabzügen. In Mumie von 1984 fotografiert sie Claudia Räther; die Serie besteht aus 25 Vintage-Silbergelatineabzügen auf Barytpapier, von Stötzer selbst abgezogen.
Besonders eindringlich ist „Die Auslöschung eines Blicks – Ich trage meine Wunden heute offen“ von 1983. Das Gesicht ist teilweise von dunklen Farbstreifen überzogen. Der Gropius Bau hat gerade dieses Werk zum Leitmotiv der Ausstellung gewählt. In „Mir gegenüber – Selbst im Spiegel“ von 1985 begegnet Stötzer dem eigenen Spiegelbild. Ein Vintage-Silbergelatineabzug auf Barytpapier, von der Künstlerin handabgezogen und mit schwarzer Plakatfarbe überzeichnet.
Liebe, Tod und Eifersucht
Wer beobachtet wird, beginnt hier selbst zu beobachten. Stötzer inszeniert ihren Körper, bemalt ihn, zerlegt ihn im Bild und setzt ihn neu zusammen. In einer im Gropius Bau gezeigten Arbeit bilden versetzte Schwarz-Weiß-Fotografien eines Frauenkörpers ein Kruzifix. Kreuz und Körper geraten ineinander. Für christliche Betrachter liegt die Assoziation nahe, doch man sollte Stötzer nicht vorschnell religiös vereinnahmen. Das Kreuz gehört hier zu einer Bildsprache von Verletzung, Körperlichkeit und Ausgesetztheit. Auch in der Installation „Der große Verführer – Die große Verführerin“ treffen körperliche und religiöse Zeichen aufeinander: ein rotes Dreieck für die Frau, ein schwarzes Kruzifix für den Mann.
Daneben stehen Sätze, die provozieren und Gewissheiten durcheinanderbringen. „Die meisten Menschen können sich nicht riechen, sie waschen sich zu oft“, notiert Stötzer. Oder: „Jedes Bild braucht sein Grab.“ Liebe, Tod, Eifersucht, Zeit und Endlichkeit erscheinen in gezeichneten Bildergeschichten. Masken erinnern an rituelle Gegenstände, textile Mischwesen dominieren in den Ausstellungsräumen. Eines von ihnen heißt Meine große Schwester. Die 2022 entstandene Arbeit gehört zum Triptychon Frauenkraft. Stötzer verwendete dafür verschiedenfarbige Schafwolle, knüpfte sie auf ein Netz und verband sie mit Keramikelementen. Material aus unterschiedlichen Jahrzehnten wird so Teil eines neuen Körpers. Das Weiterarbeiten mit älterem Material reicht bis in die Gegenwart. Für die Berliner Ausstellung schuf Gabriele Stötzer die überlebensgroße Figur Undine kommt (2026), unter anderem aus Keramik und Schafwolle. Ein Teil der Wolle stammt aus Arbeiten der 1980er-Jahre.
Auch der Film gehört zu diesem Kosmos. Im Super-8-Film Austreibung aus dem Paradies von 1984 arbeitet Stötzer mit einem Titel, der unmittelbar auf die biblische Genesis verweist. Der Film dauert 25 Minuten. Später entstehen Arbeiten wie Veitstanz/Feixtanz von 1988, in dem Menschen ekstatisch tanzen.
Haft, Isolation und Überwachung
Manches in dieser Ausstellung ist komisch, manches sperrig, anderes schwer auszuhalten. Gerade diese Wechsel machen den Rundgang interessant. Stötzer lässt sich weder auf die Rolle des DDR-Opfers noch auf die der politischen Künstlerin reduzieren. Kunst scheint für sie früh eine Möglichkeit gewesen zu sein, sich der eigenen Existenz zu versichern. Nach Haft, Isolation und Überwachung bemalte sie Möbel, Tapeten und Keramik. In den Notizen zur Ausstellung steht dafür der knappe Gedanke: „ich existiere“.
Das bekommt vor dem Hintergrund ihrer Biografie Gewicht. Der Staat konnte eine Studentin exmatrikulieren, eine Frau einsperren, eine Galerie schließen und Menschen überwachen. Aber die eigene Vorstellungskraft zu behindern, das schaffte er nicht. Ihre Arbeiten stellen eine Frage, die religiösen Menschen vertraut ist: Was bleibt vom Menschen, wenn äußere Mächte versuchen, über seinen Wert, seinen Körper und seine Freiheit zu bestimmen? Heute lebt und arbeitet Gabriele Stötzer in Erfurt und in den Niederlanden. Seit Jahrzehnten schreibt, fotografiert, zeichnet, filmt und arbeitet sie mit Keramik und Textilien. 2013 erhielt sie für ihr politisches und künstlerisches Engagement das Bundesverdienstkreuz und am 10. Oktober 2026 den Kaiserring der Stadt Goslar, den vor ihr bereits Henry Moore und Max Ernst oder Pioniere der Gegenwartskunst wie Joseph Beuys, Gerhard Richter, Nam June Paik und Christo erhielten.
Mehr als vier Jahrzehnte nach ihren Arbeiten im künstlerischen Untergrund füllen ihre Werke die Säle des Gropius Baus. Die Künstlerin selbst hat an dieser Ausstellung mitgearbeitet und produziert weiterhin neue Werke. Und da steht noch immer dieser Satz: „Bleiben ist auch eine Entscheidung.“ Bei Gabriele Stötzer bedeutet Bleiben bis heute keinen Stillstand.
Gabriele Stötzer: Dabei sein und nicht schweigen, Gropius Bau, Niederkirchnerstraße 7, Berlin, bis 6. Dezember 2026.
Der Autor ist Historiker und schreibt zu Kunst und Kultur.
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