Leipzig

Großmüttern die Würde wahren

Was früher von Eltern als auffordernder Appell ans Gewissen eingesetzt wurde, wird heute medial oder aus der Politik heraus moralisierend instrumentalisiert, um zu bremsen. Dass bei dieser Art Fürsorge die individuelle Entscheidung genommen wird, wirkt entwürdigend.
Lisa Eckhart, Kabarettistin
Foto: imago-images | Lisa Eckhart plädiert für Eigenverantwortung der Großeltern im Umgang mit Enkeln und Kindern. So kann die Würde der "Großmütter" gewahrt werden.

„Das könnte dieses Jahr Großmutters letztes Weihnachtsfest sein.“ Dies war seit je ein Peitschenhieb auf das faule Enkelfleisch, Großmutter an Weihnachten gefälligst zu besuchen. Heuer gilt derselbe Verweis auf Großmutters Sterblichkeit als ein Befehl, sie nicht zu besuchen. Ein gehöriges Dilemma! Doch damit scheinen nicht alle zu hadern. Stattdessen verfallen viele dem Irrglauben, dass Einsamkeit unsterblich mache.

„Wer scheitert, ist selbst schuld. Wer verscheidet, ebenfalls.“

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Sie glauben an die frohe Botschaft von Krimis und Gesundheitsexperten: Der Tod sei immer Menschenwerk. Er sei mutwilliger Mord oder eigenmächtiger Selbstmord. Großmutter stirbt nicht, wenn ich sie nicht töte. Niemals! Ganz im Sinne des Neoliberalismus wird auch der Tod privatisiert und somit angeblich „vermeidbar“ (Lauterbach). Er unterliegt nicht der Biologie und erst recht nicht dem Plan Gottes, sondern allein der eigenen Verantwortung. Wer scheitert, ist selbst schuld. Wer verscheidet, ebenfalls. Mein Geschenktipp dieses Jahr: Schenken Sie Großmutter doch etwas Würde und fragen Sie sie selbst, ob sie Besuch wünscht oder nicht.


Die Autorin ist Kabarettistin und Romanautorin („Omama“, 2020).

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