Er steht da wie jemand, der gleich mit einem Freund Kaffee trinken geht. Lässig, in sich ruhend, ein wacher blauer Blick, ein gütiges Lächeln. Wenn Jakob Gfrerer, Geschäftsführer von Alpha Österreich, spricht, merkt man: Dieser Mann brennt für seine Sache. Die Zahlen, die er präsentiert, sind beeindruckend: 414 Alpha-Kurse, 195 Pfarreien, 7 866 Gäste. Ein Drittel davon Jugendliche. 31 Prozent Wachstum gegenüber dem Vorjahr. Rekordjahr 2025. Doch Gfrerer zählt nicht nur. Er erzählt Geschichten. Und plötzlich bekommen die Statistiken ein Gesicht.
Im Gespräch kommt er auf einen Mann namens Franz zu sprechen. Busfahrer, Linie 5 in Salzburg. „Der ist nur gekommen, weil ihn eine Freundin mitgeschleppt hat. Er hat gleich zu Beginn gesagt, er ist nur ein Kulturchrist.“ Aber Franz kam immer wieder – wegen der Leute. Einmal ließ er sich entschuldigen, als er nicht kommen konnte. Beim Heiliggeist-Tag des Kurses, einem besonderen Tag mit Gebetserfahrung, geschah etwas. Der Ort lag genau entlang seiner Buslinie. „Er fährt jetzt jeden Tag mit seinem Bus bei diesem Ort vorbei, wo er das erste Mal Gebet empfangen hat“, sagt Gfrerer. „Solche Geschichten kann man nicht produzieren. Die macht der Heilige Geist.“
Alpha ist eine Reihe interaktiver Treffen, bei denen Freunde ihre Freunde zu Gesprächen über Leben, Glauben und Sinn einladen. Das Konzept ist einfach: gemeinsames Essen, ein Kurzimpuls, oft über Video, dann Austausch in Kleingruppen. In zehn Wochen und einem Wochenende können Menschen in entspannter Atmosphäre zuhören, mitreden und Neues entdecken – ganz ohne Druck. Die Zielgruppe sind vor allem „Suchende“, Zweifler, Kirchenferne.
Gfrerer kennt diese Suche aus eigener Erfahrung. Er lacht, als er sagt: „Früher dachte ich: Entweder du bist cool oder du bist gläubig. Entweder du bist jung oder du bist alt. Dann habe ich einen Raum gefunden, wo das zusammengekommen ist. Wo man beten kann und trotzdem voll in der Welt stehen kann und einfach normal ist.“ Diese Erfahrung treibt ihn an. Seit sechs Jahren leitet er Alpha Österreich.
Was ist das Geheimnis der Alpha-Atmosphäre? „Diese Willkommensatmosphäre: Man kommt dahin, es gibt ein Essen, man ist eingeladen. Und während des Essens baut man Beziehung auf. Jeder darf einfach da sein. Diese totale Offenheit – dass nicht geurteilt wird.“ Und dann kommt für Gfrerer der entscheidende Punkt: Gebet. „Es ist so fein zu wissen: Ich kann einfach diesen Rahmen schaffen – und dann wirkt Gott. Ich muss nicht predigen, ich spiele Videos ab, koche was, und der Heilige Geist darf wirken.“
Ein besonderer Reiz von Alpha liegt für Gfrerer in der Begegnung unterschiedlichster Menschen. „Bei Alpha erlebe ich es immer wieder: Wenn einmal die Rechtsanwältin neben dem Busfahrer und neben dem Werbeagenturtypen sitzt und die sich über das Leben austauschen und komplett andere Meinungen haben – aber es ist okay. Da passiert dann was Großes, und das ist richtig gut.“
2025 legte Alpha Österreich einen Schwerpunkt auf die Arbeit mit Jugendlichen. Die neue Alpha Youth Series wurde in mehreren Städten vorgestellt. In Wien geschah etwas Unerwartetes bei dem Event, das in Kooperation mit dem Zentrum Johannes Paul II. in dessen neugestaltetem Gebäude stattfand: „Wir haben dieses neue Gebäude genutzt, um ganz viele junge Leute einzuladen“, erzählt Gfrerer. „Und da waren einfach Hunderte von jungen Leuten auf verschiedenen Etagen in diesem Haus. Wir haben drei Overflow-Räume gebraucht, weil so viele Leute gekommen sind. Das zu sehen, so viele junge Leute auf einem Haufen, und dann tauschen die sich über den Glauben aus – das hat mir richtig Hoffnung gegeben für die Zukunft.“
Amüsiert blitzt es in seinen Augen auf, als er von der jungen Generation spricht. „Die Gen Z und Gen Alpha sind oft unbedarfter, unverschämter im positiven Sinn. Also wir hören Geschichten von Schülerinnen, die in ihrer Schule einfach einen Alpha-Kurs machen für ihre Mitschülerinnen. Ich hätte mich das, glaube ich, nicht getraut.“ Und noch etwas fällt ihm auf: „Schon eine Offenheit für die Lehre und für die Wahrheit – also gar nicht so um den heißen Brei herumreden.“ Was junge Menschen vor allem wollen? „Dass sie gehört werden. Nicht das Bepredigtwerden, sondern das Zuhören, das ist ihnen sehr wichtig.“ Bei Alpha sitzt man im Kreis, nicht in Reihen. Jeder darf seine Meinung sagen, jeder ist gleichwertig.
Die Geschichte von Agnes berührt ihn besonders. Anfang 20, kam aus einer Familie ohne Glauben. Bei Alpha Youth erlebte sie junge Leute, die einen Glauben leben, der relevant ist. „Das war für sie stimmig“, sagt Gfrerer. Und dann stand sie plötzlich vorne, moderierte ein Event – mit einer Spur Nervosität, aber sie tat es. „Zu sehen, wie junge Leute den Glauben entdecken und dann beginnen, Verantwortung zu übernehmen, das ist unglaublich cool.“
2026 setzt Alpha Österreich den Fokus weiter auf die junge Generation. Geplant sind „Alpha Youth Partys“ in mehreren Landeshauptstädten und „Circles and Spaces“ zur Vernetzung von Jugendleitern. Der Höhepunkt aber wird die LEAD26-Konferenz am 6. und 7. November in Wien sein.
Dazu kommen Nicky und Pippa Gumbel aus London – die weltweiten Pioniere von Alpha. Gfrerer erklärt: „In den 90er-Jahren haben sie Alpha in die Welt hinausgebracht. Jetzt gibt es Alpha in 150 Ländern und in allen Konfessionen. Das ist für mich persönlich auch so ein schönes Zeichen, weil ich glaube, das würde von Menschenhand nicht gelingen.“ Die Konferenz richtet sich an Verantwortungsträger aus allen Bereichen – nicht nur Kirche, sondern auch Wirtschaft, Politik, Familie, Bildung. Die Überzeugung: Von Jesus kann man unfassbar viel lernen, wenn es um Führung geht. Warum ist Leadership so zentral? Gfrerer wird ernster. „Wenn in einer Pfarre ein Alpha-Kurs stattfindet, als isolierter Kurs, dann ist das schön, aber es wird nicht nachhaltig sein. Leute entwickeln eine Offenheit und gehen dann am Sonntag in die Messe und erleben dort vielleicht nicht so eine Willkommenskultur. Dieser Sprung ist viel zu groß. Viele verliert man dann wieder.“ Der Schlüssel sei die Kultur. „Es ist der Leiter oder die Leiterin, die diese Kultur prägt und aufbaut. Durch Vorleben, durch Werte, durch Vision. Ich bin der festen Überzeugung, dass alles mit Leadership steht oder fällt – zum Guten und zum Schlechten.“
Seine Einladung zur Konferenz formuliert er knapp und präzise: „Wenn du lernen willst, wie du deinen Einflussbereich positiv prägen kannst – den Ort, wo du hingestellt bist – dann komm zu dieser Konferenz. Werde inspiriert, vernetz dich mit anderen und lerne, wie Jesus in deinem Einflussbereich zu leiten.“
Sein Wunsch für die Zukunft? Er spricht leise, aber mit Überzeugung: „So viele Menschen fühlen sich lost, haben keinen Sinn, keine Orientierung, betäuben sich mit Konsum, mit Medien. Aber die tiefe Sehnsucht nach Beziehung und Heimat bleibt. Wer, wenn nicht Kirche, kann das geben? Mein Traum ist eine Kultur, wo Menschen wirklich Heimat finden.“ Draußen fällt weiter Tageslicht auf sein Gesicht. Das Strahlen, es kommt von innen.
https://leadlikejesus.at
Die Autorin ist promovierte Theologin und bloggt.
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