Ordo renascendi est crescere posse malis – „Der Wiedergeburt Gesetz ist es, durch Krisen zu wachsen.“ Es sind die Resilienzkräfte der „ewigen“ Stadt, die der Dichter Rutilius Namatianus anlässlich seiner Abreise aus Rom hier beschwört. Kurz zuvor, im Jahr 410, hatten die Scharen des Gotenkönigs Alarich die Metropole erobert und zerstört – zum ersten Mal seit beinahe achthundert Jahren waren Feinde durch die Mauern Roms gebrochen. Dass dieses Schicksal uns auf die himmlische Erlösungshoffnung verweisen sollte, wie es der Kirchenvater Augustinus empfahl, kam für den Heiden Namatianus nicht in Frage. Im Einklang mit traditionellen Vorstellungen beschwor er den zyklischen Verlauf der Geschichte. Aus der ewigen Abfolge von Aufstieg und Zusammenbruch, Gewinn und Verlust würde die gegenwärtige Niederlage auf lange Sicht durch eine erneute Auferstehung aufgehoben.
Nicht nur antike Denker waren in dieser Weise fähig, Krisen und Phasen des Niedergangs als notwendigen Bestandteil eines beständigen Kräftespiels der menschlichen Existenz vorzustellen. Noch bis zum Grabengemetzel des Ersten Weltkrieges predigten keineswegs nur Hurra-Patrioten eine vermeintlich heilsame Läuterung der Zivilisation durch die regelmäßig wiederkehrenden Kriege und Katastrophen der Weltgeschichte. Selbst feine Geister wie der Philosoph Max Scheler (1874-1928) gelangten zur Feststellung, dass „im Laufe der Geschichte“ für „eine wahrhaft dauernde Erhöhung des moralischen Status der Menschheit nicht der Weltfriede, sondern der Krieg“ als „konstruktive Auslösekraft“ verantwortlich zeichne.
Ein Produkt des Völkerschlachtens stellte nicht nur der Völkerbund als erster institutionalisierter Versuch der Konflikteinhegung auf internationaler Ebene dar, sondern auch jenes Buch, das fast ausschließlich in schlagwortartiger Verkürzung zitiert wird. „Neben den militärischen Leistungen Deutschlands“ möge sein zweibändiges opus magnum „nicht ganz unwürdig dastehen“, so wünschte es der Studienrat Oswald Spengler (1880-1936) im Vorwort zu seinem noch im Sommer 1918 erschienenen „Untergang des Abendlandes“. Die darin entfaltete geschichtsphilosophische Vision entsprang nicht weniger den Schlacken des industriellen Krieges als dem Unbehagen der Zeit um das Jahr 1900 daran, dass die Fortschrittsversprechungen von Aufklärung und Liberalismus ausgeblieben waren.
Ein fatalistisches Pathos
Voller Polemik zerschmettert Spengler die Vorstellung einer einheitlichen Menschheitsentwicklung, die die Weltgeschichte auf ein verbindliches Ziel festlege: „Die ‚Menschheit‘ hat kein Ziel, keine Idee, keinen Plan, so wenig wie die Gattung der Schmetterlinge oder der Orchideen ein Ziel hat. ‚Die Menschheit‘ ist ein zoologischer Begriff oder ein leeres Wort. Ich sehe statt jenes öden Bildes einer linienförmigen Weltgeschichte, das man nur aufrecht erhält, wenn man von der überwiegenden Menge der Tatsachen das Auge schließt, das Schauspiel einer Vielzahl mächtiger Kulturen, die mit urweltlicher Kraft aus dem Schoße einer mütterlichen Landschaft, an die jede von ihnen im ganzen Verlauf ihres Daseins streng gebunden ist, aufblühen, von denen jede ihrem Stoff, dem Menschentum, ihre eigne Form aufprägt, von denen jede ihre eigne Idee, ihre eignen Leidenschaften, ihr eignes Leben, Wollen, Fühlen, ihren eignen Tod hat.“
Spenglers Gleichsetzung der großen Gesellschaftsformationen mit pflanzlichen Organismen erzeugt ein fatalistisches Pathos. Ein vegetatives Werden und Vergehen ließe sich nicht nur an den Hochkulturen Chinas, Amerikas oder der europäischen Antike in genau übereinstimmenden Zeitintervallen und Entwicklungsphasen ablesen – der Untergang ist auch die sich mit biologischer Logik ergebende Zukunft der gegenwärtigen Hochkultur, also des christlich-abendländischen Menschen und seiner weltumspannenden Zivilisation. Mit seiner „Morphologie“ der Geschichte verbindet Spengler daher den Anspruch, „Geschichte vorauszubestimmen“, so die berühmten ersten Worte seines Buches.
Beschwörung des unumgänglichen Endes
Dass es sich dabei nicht in Stubengelehrsamkeit erschöpft, sondern seine Beschwörung des unumgänglichen Endes auf die Wahrnehmung der Zeitgenossen, insbesondere der Jugend, wirken will, machen die immer wieder eingeflochtenen leidenschaftlichen Kommentare zur Einordnung des eigenen Befundes deutlich: „Wer nicht begreift, dass sich an diesem Ausgang nichts ändern lässt, dass man dies wollen muss oder gar nichts, dass man dies Schicksal lieben oder an der Zukunft verzweifeln muss, wer das Großartige nicht empfindet, das auch in diesem Kampf mit den kältesten, abstraktesten Mitteln liegt, wer mit dem Idealismus eines Provinzialen herumgeht und den Lebensstil verflossener Zeiten sucht, der muss es aufgeben, Geschichte verstehen, Geschichte durchleben, Geschichte schaffen zu wollen.“
Wie Spengler die einzelnen Hochkulturen bis hinein in ihre Lebens- und Denkformen miteinander vergleicht, macht ihn zu einem der ersten entschiedenen Vertreter des Relativismus. Doch zugleich machen seine Aussagen klar, dass in seinen Augen der amor fati, also die unbedingte Hingabe an ein nicht selbst gewähltes Schicksal, die kein Gebet und keine Illusionen kennt, den nüchternen, harten und schlechthin konservativen Charakter zum eigentlichen Träger der Historie prädestiniert. Wir mögen am Ausgang der Geschehnisse nichts mehr ändern können – was vor der Geschichte zählt, ist eine im Angesicht des Unabwendbaren bewiesene standfeste, heroische Haltung.
Hierin liegt bis heute der große Reiz des zyklischen Geschichtsdenkens. Gerade für diejenigen Gruppen, die den Trends der Gegenwart mit Melancholie, Pessimismus oder jedenfalls abweisender Zurückhaltung begegnen. Ob es sich um die von Rod Dreher 2018 ins Spiel gebrachte „Benedikt-Option“ oder die Rückzugsbemühungen traditionalistischer Gruppen in ländliche Gebiete handelt – die scheinbar unbedingt negative Entwicklung kann, auf den ersten Blick paradoxerweise, neuen Aktivismus freisetzen und gerade darin ihre eigene geschichtsphilosophische Bedeutung besitzen, so der Philosoph Panajotis Kondylis: „Denn die Abkehr ist nicht stumm, auch wenn der sich Abkehrende schweigt; sie signalisiert nämlich an sich, was von dem zu halten ist, zu dem geistige oder auch soziale Distanz eingenommen wird, und zugleich beinhaltet sie einen Aufruf an das Unwerte, sich derart zu ändern, dass es der Abkehr von der Abkehr wert wäre.“
Was ist die christliche Position?
Wir alle verspüren wohl beizeiten den Reiz, den eine solche emphatische Hingabe an den Untergang versprüht. Spengler und sein zyklischer Geschichtsansatz haben denn auch Theologen immer wieder zu Stellungnahmen herausgefordert. Dabei hat etwa Hans Urs von Balthasar richtigerweise darauf hingewiesen, dass eine Opposition zwischen zyklischen und linearen, etwa christlichen, Geschichtsvorstellungen erst ein Produkt des naturwissenschaftlichen, modernen Szientismus der Moderne darstellt: Das historische Geschehen nach Christi Himmelfahrt bilde vielmehr eine „schon transzendente Coda der Weltgeschichte“, also einen durch das Opfer des Sohnes und seinen prophetischen Vorlauf erhöhten, aber dadurch keinesfalls wertlosen oder vorherbestimmten Schlussabschnitt der Menschheit. Das vermeintliche „Vorauswissen künftiger Geschichtstatsachen“ aus der retrospektiven Spekulation darf nie von einem „dauernden Wachsein, Erkenntnis und Verstehen der Weltlage, Deuten der Zeichen der Zeit“ entbinden, so Balthasar.
Der Christ der Gegenwart ist aufgerufen, sich in Distanz zum unbedingten Machbarkeitsglauben der Spätmoderne zu halten – aber ebenso wenig vermeintlichen Naturgesetzen des Geschichtsverlaufs anzuhängen, wie dies etwa manche Tycoons des Silicon Valley predigen. In dieser Hinsicht darf die Kirche mit Balthasar heute, da Untergangspropheten wie Fortschrittsutopisten die Diskurshoheit zu halten scheinen, als selbstbewusste Trägerin das dem Menschen angemessene Bewusstsein um Verantwortung wie Zukunftsoffenheit verteidigen: „Nur im Dunkeln des Nichtsehens gedeihen die kostbarsten Gewächse der Erde: die Hoffnung, der Glaube, die Liebe.“
Der Autor ist Doktorand der Alte Geschichte und nimmt am Programm für junge Autoren der Tagespost teil.
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