Würzburg

„Verherrlicht Gott in Eurem Leib“

Von „falschen“ Körpern und „wahren“ Identitäten.

Gender und Synodaler Weg
Die französischen Katholiken gingen für die christliche Geschlechter-Ordnung auf die Straße. Der Synodale Weg der deutschen Katholiken sucht dagegen die Angleichung an postmoderne Wertvorstellungen. Foto: Etienne Laurent (EPA)

Um eine Kultur des Lebens und der Schönheit, den „Glanz der Ordnung“ ins Spiel der Geschlechter zu bringen, muss die Gender-Perspektive gründlich verstanden werden. Gender bedeutet „soziales Geschlecht“, also Lebensweisen von Männern und Frauen, die kulturell geprägt und vom biologischen Geschlecht (engl. sex) unabhängig sind. Erst so ist nachzuvollziehen, warum beim Synodalen Weg darüber diskutiert wird, ob ein Priester „in persona Christi“ männlichen Geschlechts sein muss. Warum sollte der biologische Leib eine symbolische Dimension haben? Warum könnte das Priesteramt nicht als „Rolle“ (engl. gender) wie jeder andere Beruf von einer Frau ausgeübt werden? Die biblischen Bilder leuchten kaum noch ein: Braut und Bräutigam – im Zeitalter von „Schwulenhochzeit“ und „Tinder-App“ (die anzeigt, wo jemand in der Nähe gerade Sex will)? Vater und Mutter – in Zeiten von „Elter 1“ und „Elter 2“, von Samenbanken, Leihmutterschaft, Adoption durch Homo-Paare, Sterilisation für 20-jährige Mädchen (Deutschland3000), um folgenlosen Sex zu haben? „Familie ist, was wir daraus machen“, so das Motto eines katholischen Queer-Gottesdienstes in München.

Vertreter der Gender Studies sprechen von einem „Kulturkampf um die Gesellschafts- und Geschlechterordnung“ (Hark/Villa, „Antigenderismus“, 2017). Das „Natürliche“ liegt der Freitags-Jugend zwar für Klima, Tierschutz und Umwelt am Herzen, nicht mehr aber für den Leib und sein Begehren. Daher lautet die zentrale Frage: Gibt es eine Sprache, in der unser Leib zu uns spricht? Und können wir auf sie hören, ohne sie nach selbstsüchtigen Interessen zu manipulieren? Ist der Leib beseelt und trägt daher einen Sinn in sich, dessen symbolische und konkrete Bedeutung wir verstehen können („Naturrecht“), unabhängig vom Lebensstil? Oder ist der Leib ein Körper, ein seelenloses Ding, das von außen durch Menschen „besprochen“ wird, wie im Konstruktivismus behauptet?
Judith Butler, die geistige Mutter der „Gender-“ und „Queer“-Theorie, analysiert in „Gender Trouble“ (1990, dt. „Das Unbehagen der Geschlechter“) den Leib als „besprechbaren“ Körper: Wenn der Arzt ein neugeborenes Baby hochhebt und sagt „Es ist ein Mädchen“, dann lese er nicht eine Botschaft, die diesem Leib biologisch eingeschrieben und damit „natürlich“ ist. Sondern er lege diesem Leib ein kulturelles Programm gewaltsam auf, damit er der „Bio-Macht“ (= Fortpflanzung, M. Foucault) diene, später einen Mann begehre und Mutter werde. Dem Körper wird daher laut Butler gewaltsam eine einengende Rolle („gender“) von heterosexuellen Macht-Instanzen zugeschrieben: „Du wirst später für Haushalt und Kinder da sein.“ Der Körper werde irrtüm-lich „essenzialisiert“, das heißt ihm werde ein „Wesen der Frau“ und „des Mannes“ unterstellt, das es nicht gebe. „Eine Frau wird nicht als Frau geboren, sondern zur Frau gemacht.“ (S. de Beauvoir)

Nach Butler „gibt es“ den Körper als biologisches natürliches Geschlecht („sex“) gar nicht, sondern der Körper des ICH sei immer schon rollenbesetzt (gegendert). Bisher habe man aber viele Rollen einfach übersehen, etwa die für intersexuelle Körper („Bodies that matter“, 1993, dt. „Körper von Gewicht“, 1995) oder für homosexuelle Lebensweisen, in denen die Zeugungs- und Empfängnisfähigkeit des Leibes gar nicht aktiviert wird. Daher sei die Kategorie „natürliches“ Geschlecht und „Zwei“-Geschlechtlichkeit theoretisch aufzulösen. Fruchtbarkeit wird damit etwas Zufälliges, das man aktivieren kann oder nicht. Würde Butler den Blick allerdings nicht auf das ICH des (evtl. intersexuellen oder potenziell homosexuellen) Babys richten, sondern „umkehren“ zum WIR der Eltern, wäre klar: ICH bin nur da, weil meine Eltern in komplementär-leiblicher Er-gänzung mich ermöglichten. Die Zweigeschlechtlichkeit anzuerkennen ist damit ein Akt der Dankbarkeit für das Leben und eine Folge des Gebots: „Ehre Vater und Mutter, damit du lange lebst in diesem Land.“

Gleichberechtigung bei Würdigung der Unterschiede

Dem teils berechtigten Vorwurf der Gender-Theorie gegen die Engführung Frau = Mutter („Essentialismus“) lässt sich mit Jesu Erlösungsordnung begegnen, die zugleich ermöglicht, Anschluss an die Natürlichkeit des Geschlechtsleibes zu halten. So zeigt Edith Stein auf, wie Frauen durch den zölibatären Lebensstil zu Berufungen jenseits des leiblichen Mutterseins freigesetzt wurden. Man könne „über die natürlichen Grenzen hinauswachsen“, das gelinge jedoch nicht „durch einen eigenmächtigen Kampf gegen die Natur“. Hier liegt die theologische Wurzel, warum wir die positive Seite der kulturanalytischen Gender-Theorie begrüßen können: Am Vorbild der gebildeten Ordensfrau wurde historisch-kulturell deutlicher als an einer Frau innerhalb einer reinen Familienkultur (zum Beispiel im Islam), dass der Anteil am gemeinsamen Menschsein zwischen Mann und Frau größer ist, dass das biologische Geschlecht eine Kultivierung erfährt und die androzentrische Perspektive einer Ergänzung aus Frauen-Sicht bedarf (Beckmann-Zöller 2010).

Wie Gleichberechtigung bei Würdigung der Unterschiede – in gegenseitiger Achtung, jenseits von Misogynie und Misandrie – gelebt werden kann, ist weiterhin auch in der Kirche ein offenes Projekt – jenseits der Ämterfrage. Während in der Gender-Theorie ergänzende Perspektiven etwa für die Medizin hilfreich sind, so dass man nun Herzinfarkte auch an Frauen, nicht nur an Männern untersucht („Frauenherzen schlagen anders“), werden andere Differenzierungen ignoriert. Zum Beispiel unterscheidet man in der Naturphilosophie den „natürlichen“ Geschlechtsleib, der zu einer Lebensweitergabe befähigt, vom „naturwüchsigen“, der intersexuelle Abweichungen von der Norm aufweist („drittes Geschlecht“, „divers“, „*“). Am intersexuellen Leib lässt sich eine Kultivierung der Sexualität – was ja „Lebensweitergabe“ meint – gerade nicht ausrichten. Denn Fruchtbarkeit ist zwar nicht das einzige Ziel von Sexualität, aber sie gibt eine Orientierung, die in den zweigeschlechtlichen Leib eingeschrieben ist. Auch unfruchtbare heterosexuelle Paare können (medizinisch oder durch ein Wunder) potenziell ein Kind empfangen, weil ihre Organe einander exakt zugeordnet sind. Ein homosexuelles Paar muss jedoch eine andersgeschlechtliche Person oder Teile derselben für seine Interessen instrumentalisieren. Das bringt das Kind um Mutter oder Vater, also um die Hälfte seiner genetischen Identität. Da von seinem homosexuellen „Eltern“-Paar die Bedeutung der leiblich-natürlichen Mutter- oder Vaterschaft praktisch geleugnet wird, erlebt das Kind keine natürliche Nähe zu dem fehlenden Eltern-Teil, dessen Verwandtschaft und somit seiner Identität.

Homoerotische Begehren werden als "Schöpfungsariante" missverstanden

Dem Leib als Frau ist eingeschrieben, dass es eine andere Form des Menschseins gibt: den Mann (und umgekehrt). Darüber hinaus erfolgt die Zuordnung zum anderen Geschlecht auf psychologischem Weg (Bischof-Köhler 2011, Maccoby 2000). Hierbei kann es, wie die Sexualtherapie zeigt, zu vielen Störungen kommen (Fend 2005). Der Übergang vom Ablehnen des anderen Geschlechts in der Vorpubertät (für Jungs sind Mädchen „doof“ und umgekehrt) zum Begehren des anderen Geschlechts gelingt nicht „au-tomatisch“. Dem heterosexuellen Begehren liegt eben kein absoluter biologischer Mechanismus zugrunde, daher können seelische Verletzungen und biographische Irritationen die psychosoziale Entwicklung der sexuellen Anziehung stören (Miltenberger u.a. 2014; Baier/Loewit, Sexualmedizin, 2011). Der Mensch als geistige Person kann sich jedoch entscheiden, die seelischen Konflikte, die dem homoerotischen oder anderen Formen des Begehrens zugrunde liegen (Mentzos 1984), zu erforschen, um besser auf die Sprache des komplementär angelegten Leibes zu hören (Malo 2018).

In etlichen Pastoralpapieren (etwa Freiburg 2019) heißt es unkritisch, dass „Natur– und Humanwissenschaften“ (alle?) heute davon ausgehen, dem Empfinden von Lesben und Schwulen liege eine unveränderliche „homosexuelle Anlage“ zugrunde, parallel zur Anziehung zwischen Mann und Frau. Daher könne man nicht mehr von einer Sexualethik sprechen, die auf Ehe und Familie angelegt ist, sondern von Beziehungsethik. Wissenschaftliche Untersuchungen (Dannecker 2000, L.S. Mayer u.a. 2016) zeigen jedoch, dass die behauptete biologische Verankerung des gleichgeschlechtlichen Begehrens im Menschen hinterfragt wird, zum Beispiel aufgrund der hohen Fluidität von homosexuellen Orientierungen im Jugendalter (Kinnish u.a. 2004). Biografien von A. Lombard (2015) oder D. Mattson (2019) verdeutlichen, wie diese Orientierungen sich auch verändern können. Wenn selbst liberale Sexualwissenschaftler wie Gunter Schmidt (2001) Berichte von Veränderungen dokumentieren, zeigt das, dass das homoerotische Begehren leider von Theologen als „Schöpfungsvariante“ missverstanden wird. So fordert etwa P. Zulehner mehr „Schöpfungsvertrauen“, dass die „homosexuelle Anlage“ unter Gottes positives Urteil falle: „und er sah, dass es sehr gut war“ (2019). Und wie kann man fordern, dass jemand seine „von Gott geschaffene“ sexuelle Anlage nicht auslebt? Den homoerotischen Gefühlen wird also eine „quasi-biologische“ Grundlage zugeschrieben.

Spricht der Leib oder das Begehren?

Aber: Spricht hier tatsächlich der Leib oder nicht vielmehr das Begehren? Könnte sich in die ein oder andere Weise der Homosexualität nicht ähnlich wie in der Heterosexualität eine Krise eingeschlichen haben, vielleicht die fehlende Bestätigung des eigenen Mann- oder Frau-Seins (Mentzos 1984)? Auch wenn man heute von einer komplexeren biologischen Geschlechtswerdung des Embryos ausgeht (H.-J. Voß, 2010), konnte keine biologische Disposition zur Homosexualität entdeckt werden (Sullins 2019). Daher sollte in der Sexualmoral weiterhin unterschieden werden zwischen dem natürlichen Leib (Grundlage der Identität als Mann oder Frau, an dem auch intersexuelle Menschen je nach Befund Anteil haben), der Psyche (sexuelles Begehren, homoerotische Gefühle) und den Handlungen (Lebensstil), die daraus nicht automatisch erwachsen, sondern der Zustimmung des Willens bedürfen: Ein Mann, der homoerotisch empfindet und begehrt, sündigt nicht, wenn er seinem Gefühl nicht in der Praxis nachgibt. Nach Gender-Lesart aber entsteht durch sein Begehren bereits ein „neues“ Geschlecht, eine weitere „sexuelle Identität“: „der Homosexuelle“ jenseits von „Mann“. Eine Frau, die sich „im falschen Leib“ fühlt (Gender-Disphorie), hat nicht die wahre Identität eines biologischen Mannes (Transgender). Man könnte ihr aber helfen, die Ursachen der seelischen Spannung zu finden und einen Weg der inneren Versöhnung mit ihrem Leib zu gehen (D. Cloutier 2019). Wenn sie sich jedoch für eine hormonelle und operative Behandlung entschließt (transsexuell), das heißt ihrem Gefühl nachgibt und sich für eine Handlung gegen die Sprache ihres Leibes entscheidet, versucht sie mit Hilfe der Medizin, eine Spannung der Psyche durch die Veränderung des Leibes zu lösen.

Im Synodalen Weg kämpfen viele Theologen dafür, homoerotische und außereheliche Formen von erotischer Lust-Stimulation, auch „self sex“, „als Quelle menschlicher Daseinsfreude“ positiv anzuerkennen. Wollen sie uns katholischen Eltern für die Erziehung ihrer Teenager keine andere Leitlinie anbieten als: „anything goes“, soweit du es mit deiner eigenen subjektiv empfundenen Würde und der des anderen vereinbaren kannst? Wenn ihr Sado-Maso-Sex mögt, warum nicht? Wenn bei homosexuellen Akten sowieso keine Lebensweitergabe eingeschlossen ist, dann müssten auch andere sexuelle Vorlieben nicht mehr auf Ehe und Familie hin geordnet werden. Missbrauch an Kindern wird übrigens im Arbeitspapier „Sexualethik“ nur kritisiert, weil das Kind nicht von seiner „sexuellen Selbstbestimmung“ Gebrauch machen kann. Wenn ich die „Würde“ des anderen achte, achte ich allerdings auch die Bedeutung seines Leibes und seiner psychosozialen Entwicklung, seiner leiblichen Anlage zu Ehe und Mutter- oder Vaterschaft. Sonst hieße es: den anderen minus seiner leiblichen Fruchtbarkeit lieben und achten, was ja schon bei der künstlichen Verhütung im ehelichen Akt der Fall ist.

Seelische Verletzungen machen nicht bindungsfähiger

Wenn die Norm verschwindet, liegt der Schmerz, der nicht zu unterschätzen ist, nicht mehr allein bei denjenigen, die anders als die Norm (Mann und Frau) fühlen. Diesen Schmerz sollten wir lernen, mitzutragen. Löst man jedoch die zweigeschlechtliche Norm auf, würde der Schmerz durch allgemeine Verwirrung und Orientierungslosigkeit „vergemeinschaftet“. Jugendlichen wird heute nicht mehr Ehe und Familie als Ziel des sexuellen Empfindens vorgeschlagen, sondern ein freizügiges Ausprobieren, ob sie nun Homo, Hetero, Bi, Trans oder was immer seien. Die seelischen Verletzungen, die dabei entstehen, machen nicht bindungsfähiger – im Gegenteil. Durch eine entwicklungssensible Sexualpädagogik kann man Jugendlichen helfen, die Sprache des Leibes von der der Sinnen-Seele zu unterscheiden, und ihnen die gute Ordnung einer Kultur des Lebens vor Augen stellen.

Die Kirche hat sich aus der Sexualerziehung größtenteils zurückgezogen. Zu Recht bemerkt Klaus Berger (2019), „mit einer innerlich ausgehöhlten Theologie lasse sich keine Sexualmoral verkünden“. Wer den liebenden (Gott-)Vater nicht kennt und ihm vertraut, der wird seine beglückenden Wege gar nicht erst kennen lernen wollen. Nämlich: im eigenen Leib heimisch sein; die Konflikte seelischen Begehrens in Christus lösen lernen; im Hl. Geist die eigene Berufung entdecken – entweder den Leib einem andersgeschlechtlichen Ehepartner und Kindern zu schenken oder in der Ehelosigkeit um des Himmelsreiches willen den Leib Ihm „reinen Herzens“ zu geben, das Leben aber allen Menschen. Diese Beheimatung in einer christlichen Geschlechter-Ordnung kann mit Gottes Hilfe gelingen, damit nicht noch mehr Menschen dem kanadischen Transgender-Künstlx (sic) Rae Spoon zustimmen: „Ich bin nicht im falschen Körper geboren. Ich bin in der falschen Welt geboren.“ (Goodbye Gender, 2014)

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