Synodaler Weg

Samuel, oder: Ein Lehrstück der Berufung

In den biblischen Berufungsereignissen lassen sich Muster des Rufes Gottes finden. Das Ziel ist immer eine Aufgabe im Dienst des Gemeinwohls.

Gerbrand van  den Eeckhout Eli und Samuel
Die Berufung zum Propheten wurde dem kleinen Samuel bereits in die Wiege gelegt. Das Gemälde des niederländischen Malers Gerbrand van den Eeckhout (1621–1674) zeigt Hanna, die ihren Sohn Samuel in Elis Obhut gibt. Foto: IN

Unter den Berufenen gibt es mehrere Typen: den Unwilligen, der den Ruf nicht hören will und dagegen „vernünftig“ argumentiert: bin ungeeignet, aussichtslose Lage… So der Prophet Jona, den erst der Bauch des Walfisches das Fürchten und Nachgeben lehrt. Ungehorsam könnte also tödlich sein… Dann gibt es den Verräter, der zu einer Säule der Mitarbeit bestimmt war, wie Judas Ischariot. Der dritte Typus dagegen stellt sich in den Ruf: so der Knabe Samuel, später die Propheten, dann die Frau (Lk 1,26ff), auf die überhaupt alles zuläuft und von der alles abhängt.

"Jede Berufung dient nicht zuerst dem Berufenen, sondern der ganzen Gemeinschaft."

Die geschliffene kleine Erzählung 1 Sam 3,1–18 wirft ein Blitzlicht sowohl auf das Mustergültige als auch auf das Einmalige des göttlichen Rufes. Mustergültig: Die Auswahl geschieht im Alten Testament frühzeitig; meist werden die Kinder schon contra naturam empfangen durch alte oder unfruchtbare Mütter wie Sara, Rachel, Hanna, Elisabeth.

Die Wahl Gottes stellt alle Beteiligten unter ein agere contra, ein Handeln wider die eigenen Wünsche und die eigene Natur. Samuel ist noch unmündig, als der nächtliche Ruf kommt. Im Unbewussten sät Gott den Keim, der wächst, bis er anschaulich wird. Darauf antwortet das Unbedingte der knabenhaften Hingabe. Wie aber wird der Ruf gesichert? Viermal ruft die unbekannte Stimme, dreimal wird sie mit dem irdischen Meister und Lehrer verwechselt. Aber eben dieser Umweg der Erkenntnis ist nötig. Der religiöse Anstoß kann tief und heftig sein – dennoch bedarf er zur Sicherung eines Dritten, eines selbst berufenen Trägers der Tradition, hier des Priesters. Alles Neue muss vor dem Horizont des Alten bestehen. Sonst kann es in Eigenwille und Sonderweg abgleiten; jede Berufung dient nicht zuerst dem Berufenen, sondern der ganzen Gemeinschaft.

Gott wirbt um das Verstehen der Beteiligten

Ähnlich bei der Berufung des Paulus. Vor Damaskus bis ins Mark getroffen und davon blind geworden, muss ihm ein anderer auslegen, was er gehört hat. Es ist die Gemeinschaft im Glauben, die das Erleben des Einzelnen in die Feuerprobe nimmt. Aber nun das Einmalige: Während Paulus von einem einzigen Ruf niedergestreckt wird, bedarf es bei Samuel der geduldigen Wiederholung der Stimme. Sie setzt nicht aus, sie ist „treu“ im Sinn des hebräischen aman, was ebenso „wahr“ heißt. Sie wirbt um das Verstehen der Beteiligten, obwohl sie dadurch verlangsamt wird.

Darauf findet spiegelverkehrt statt, was Samuel geschieht: Auch der Priester begreift, dass der Herr im Spiel und in der Drohung ist. Sie sind sich gegenseitig Boten, der Alte wie der Junge – und so wird die langmütige Wiederholung endlich verstanden. Könnte die Stimme auch irgendwann schweigen, unentschlüsselt? Es ist nicht auszuschließen. John Henry Newman sagte über den unachtsamen Propheten Bileam: „So höret auch ihr, meine Brüder, was ihr vielleicht nie wieder hören werdet (…), solltet ihr es auch mit den Ohren des Leibes noch hundertmal hören. Vielleicht berührt es euch heute, um nie wieder Eindruck auf euch zu machen – dass ihr Gottes Stimme gehört und ihr nicht gehorcht habt.“

"Es gehört zur Größe der Gnade, dass sie die Mitwirkung des Menschen wünscht."

Und was ist der Sinn von Berufung? Immer gilt sie einer Aufgabe. Nicht eigene Erbauung ist das Ziel, sondern Sendung. Wobei die Sendung ihre Konturen oft erst noch gewinnen muss – der Berufene ist selten nur bewusstloses Werkzeug. Bei der Erwählung Samuels zielt die Gnade auf Israel, dessen heilige Führung versagt. Schon als Kind muss er einen schweren Dienst leisten, vielleicht sogar durch sein Kindsein geschützt: nämlich dem höchstrangigen Priester ein Strafgericht ansagen.

Das Kind belehrt den Alten, der Unkundige die Institution. In der Unbefangenheit der Unschuld überführt er die Schuld. Samuel revoltiert nicht gegen die Ehrwürdigkeit des Amtes, er reinigt es vielmehr und muss es selbst „pontifikal“, eine Brücke bauend, übernehmen. Seine Sendung ist die sakrale und gleichzeitig politische Führung des – wie so häufig – störrischen Volkes Israel, nachdem der unwürdige Hohepriester abgetreten ist, bis sich Saul als königlicher Nachfolger findet. All das bedarf der Zeit und der persönlichen Reifung des Berufenen, und nicht selten kennt er Unsicherheit über den eingeschlagenen Weg, Selbstzweifel und tiefe Ermüdung. Aber eines leuchtet heraus aus dieser Geschichte: Es gehört zur Größe der Gnade, dass sie die Mitwirkung des Menschen wünscht. Berufung ist Befehl. Aber dieser Befehl ist auch immer herrliches In-Kraft-Setzen.

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