Heiligenkreuz

Ohne Mission hat die Kirche keine Zukunft

Ein Plädoyer für die Mission im Zentrum kirchlichen Handelns.

Papst  Benedikt XVI. besucht Österreich
Blick auf das Stift Heiligenkreuz. Einem Zentrum der Neuevangelisierung: Kloster, Hochschule, Zentrum der Jugendseelsorge. Foto: DB Christian Fürst (dpa)

Papst Franziskus ist im deutschen Sprachraum nach wie vor populär. Das, was er von uns Gläubigen will aber nicht! Ich frage mich oft, ob seine Texte wirklich gelesen werden, ob sie ernst genommen werden, oder ob man die „Reformpolitik“, die man vom Papst erwartet nicht eher von eigenen Wunschvorstellungen geprägt sind. Zur Programmatik eines jedes Pontifikates der letzten Jahrzehnte findet sich in der Antrittsenzyklika: Bei Paul VI. die Reflexion über den Weg der Kirche durch das 20. Jahrhundert (Ecclesiam suam, 1964), bei Johannes Paul II. der erlöste Mensch (Redemptor Hominis, 1979), bei Benedikt XVI. der theologische Blick auf den Kern der Offenbarung, dass Gott die Liebe ist (Deus Caritas est, 2005) und bei Franziskus geht es um die Freude an der Mission, die Freude, die durch die Weitergabe des Evangeliums entsteht (Evangelii Gaudium, 2013). Der Papst stammt aus einem klassischen Missionsland.

Da der Begriff „Mission“ im europäischen Raum durch die unselige Verquickung mit Kolonisation und Indoktrination beschädigt ist, hatten Johannes Paul II. und Benedikt XVI. ihn durch das unbelastete Wort „Neuevangelisierung“ zu ersetzen versucht. Franziskus verwendet den Begriff „Mission“ redundant und ausschließlich positiv. Das entspricht dem angloamerikanischen und spanischen Sprachgebrauch, wonach es das Wichtigste für einen Menschen ist, eine „mission“ (sprich englisch: „mischn“) zu haben, eine Aufgabe, eine Herausforderung, ein Ziel, einen Lebensinhalt! Jede Firma gibt sich ein „Mission-Statement“. Da unsere deutschsprachige Jugend immer mehr vom Englischen beeinflusst ist, sind es nur mehr Hardcore-Kirchenchristen, denen beim Wort „Mission“ eine Gänsehaus über den Rücken läuft. Ansonst ist „Mission“ nur mehr positiv konnotiert und erweckt geradezu Glücksgefühle: „Wir haben eine Mission“, verkündeten etwa die österreichischen Grünen, als sie die Einladung zur Regierungsbeteiligung annahmen.

Kirche ist "mission"

Umso trauriger ist es, dass in der Kirche das Beharren von Papst Franziskus auf einer missionarischen Neuorientierung ungehört verhallt. Zu Christi Himmelfahrt hat Papst Franziskus ein 18-seitiges Dokument über die Vitalisierung der Päpstlichen Missionswerke herausgegeben, da er weiß, wie sehr die Diözesen, in die hinein er durch diese Missionswerke unmittelbar motivierend wirken möchte, päpstlicher Außenimpulse bedürfen, damit sie nicht den Fokus auf die Weltmission verlieren. Seine pastoralen Ratschläge an die Kirche in Amazonien im 4. Kapitel von Querida Amazonia sprechen Bände! Wollen wir nicht hören? Können wir nicht hören? Sind wir wie pawlowsche Hunde in unseren „Ideen“ von Kirchenreform blockiert? Schaffen wir es nicht mehr, „outside the box“ zu denken? Haben wir Angst? Flüchten wir uns in Themen, die gesellschaftlich konsensfähig sind?
Nach dem Corona-Lockdwon haben die Österreichischen Bischöfe ein Hirtenwort „Für eine geistvoll erneuerte Normalität“  gegeben, das durchaus orientierungsstark ist und das größere Aufmerksamkeit verdient hätte.

Einen missionarischen Aufbruch
„ad extra“ wird es nur geben,
wenn wir unsere Mentalität,
unser „ad intra“ ändern.

Es gibt nur einen Wermutstropfen: Als ich den Suchbegriff „Mission“ eingegeben habe, hat die Wortsuche nur folgende Formulierung ausgespuckt: „Mit dem Wiederaufbau der Wirtschaft ergeben  sich Möglichkeiten, emissionsarme und klimasensible Wirtschaftskreisläufe zu schaffen – mit einer radikalen Reduktion fossiler Brennstoffe.“ Steht die Sorte um emissionsarme Wirtschaftskreisläufe mehr im Fokus unserer Verkündigung als die Sorge um die genuine Aufgabe der Kirche: Menschen für das Reich Gottes zu begeistern? Sind wir noch die Kirche, die sich auf dem 2. Vatikanum in ihrem Selbstverständnis als „ihrem Wesen nach missionarisch“ definiert hat? Verstörend war auch die Nichtrezeption der Anliegen von Papst Franziskus, der in seinem Brief vom 29. Juni 2019 anlässlich des Synodalen Weges in Deutschland an vielen Stellen eine missionarische Ausrichtung eingefordert hat. In diesem Brief an das pilgernde Volk Gottes in ist das meistzitierte Dokument sein Appell zur Mission „Evangelii Gaudium“. 

Das Rezept, das uns Franziskus für die Zukunft der Kirche vorlegt, ist einfach: Einen missionarischen Aufbruch „ad extra“ wird es nur geben, wenn wir unsere Mentalität, unser „ad intra“ ändern. Sonst strukturieren und organisieren wir uns zu Tode. Sonst werden unsere hochaktiv betriebenen Reformprozesse nur zu Formen der Sterbebegleitung einer wesenlos gewordenen Kirche. Es ist nach Papst Franziskus entscheidend, eine missionarische Spiritualität zu entwickeln. Mission bedeutet Fruchtbarkeit; Fruchtbarkeit schenkt Freude. In die Zukunft kommen wir nur, wenn wir unseren Glauben mit vielen anderen teilen wollen; wenn wir begreifen, dass das Christsein nicht darin besteht, eine Mission „zu haben“, sondern eine Mission „zu sein“. Das Beruhigende ist, dass Aufbruchsprozesse in der Kirche nie abhängig sind von Quantitäten. Marx hat nicht recht, wonach Quantität Qualität erzeugt, es ist umgekehrt. Die wirklichen gesellschaftlichen Veränderungen wurden nie durch Massen erzeugt, sondern durch qualitative Eliten. In der Kirche sind das die Heiligen, also einzelne Frauen und Männer, die sich unter den Totalanspruch des Evangeliums gestellt haben, und so für viele Erneuerung und Fruchtbarkeit gebracht haben.  Jeder Getaufte, unabhängig von Weihe und Amt, hat die Möglichkeit, die Kirche von ihren Grundfesten her zu erneuern, wenn er sich mit ganzem Herzen mit der Mission Christi verbindet!

Aber wollen wir als Kirche überhaupt Zukunft? Wollen wir wachsen? Oder haben wir uns schon abgeschrieben? Sind wir uns in unseren westlichen Ländern der Dramatik der Situation bewusst? Mir fehlt die Gewissenserforschung! Mir fehlt die innere Motivation durch eine missionarische Gesinnung. Ohne Wille zur Zukunft führt jeder Reformplan automatisch zu Frustration und endet in Resignation.

Strukturierungsprozesse müssen substantielle Fragen stellen

In vielen Diözesen, Orden und kirchlichen Organisationen laufen Programme zur Neustrukturierung. Man beschäftigt sich mit der Frage, „wie“ man sich für die nächsten 10, 20 oder 30 Jahren aufstellt. Dabei blendet man aus, dass uns angesichts der Entwicklungen schon eher die Sorge umtreiben, „ob“ es uns als Kirche in den nächsten Jahren überhaupt noch geben wird. Strukturierungsprozesse sind sinnvoll, aber nur wenn sie sich auch die substantiellen Fragen stellen: Was tun wir, um die Gläubigkeit zu stärken. Wie fördern wir das Gottvertrauen, die Hingabe, die persönliche Beziehung zu Jesus Christus, das Leben aus den Sakramenten, die missionarische Gesinnung?! Vor allem das letztere! Ohne Mission, aktiv werbende Weitergabe des Glaubens auch bei uns, gibt es schlechthin keine Zukunft! 

Der dramatischste Appell zur Binnenmission stammt aber von unserem derzeitigen Papst Franziskus. In seinem Antrittsschreiben „Evangelii Gaudium“ formuliert der Papst programmatisch: „Ich weiß sehr wohl, dass heute die Dokumente nicht dasselbe Interesse wecken wie zu anderen Zeiten und schnell vergessen werden. Trotzdem betone ich, dass das, was ich hier sage, eine programmatische Bedeutung hat und wichtige Konsequenzen beinhaltet: Ich hoffe, dass alle Gemeinschaften dafür sorgen, die nötigen Maßnahmen zu ergreifen, um auf dem Weg einer pastoralen und missionarischen Neuausrichtung voranzuschreiten, der die Dinge nicht so belassen darf wie sie sind. Jetzt dient uns nicht eine ‚reine Verwaltungsarbeit‘. Versetzen wir uns in allen Regionen der Erde in einen Zustand permanenter Mission.“  Hier handelt es sich nicht um Fußnoten, sondern um ein klares Programm. Und was geschieht? Was tun wir? 

Wo ist jenes innere Drängen bei uns Priestern, bei den Theologen, Pfarrern, Bischöfen, pastoral Engagierten und kirchliche Sozialisierten, von dem der Urmissionar Paulus spricht: „Die Liebe Christi drängt uns, da wir erkannt haben: Einer ist für alle gestorben…“ (2 Kor 5,14) Wo ist das Missionarische in unserem Denken, in unseren Planungen, in unserem Handeln? Sollte sich nicht jeder Verantwortungsträger in der Kirche bei finanziellen, organisatorischen und personellen Entscheidungen zuerst und vor allem die Frage stellen: Dient es der Weitergabe des Glaubens? Ist dieses Projekt missionarisch? Wagt diese Unternehmung etwas Neues? Unser „Mission-Statement“ als Kirche ist unserer Natur nach die Mission.

Die Eucharistie ist der Ursprung missionarischer Sendung

Die schaffen wir einen „Change of mentality“, vom bewahrenden Organisieren zum innovativen Fruchtbarwerden durch Mission? Wie kommen wir raus aus der vorpfingstlichen Verschlossenheit in eine fröhlich werbende Stimmung, der es Freude macht, das Evangelium von der Liebe Gottes den Menschen unserer Zeit weiterzugeben? Ich plädiere seit vielen Jahren für eine liturgische Korrektur der Übersetzung des Schlussrufes der Messe. Die Eucharistiefeier schließt mit dem Entlassruf „Ite missa est!“ Die deutsche Übersetzung ist katastrophal, denn das kraftvolle „Ite, missa est“ wir mit einem blassen „Gehet hin in Frieden!“ wiedergegeben. Kein Fußballtrainer würde seine Mannschaft mit einem derart banalen, faden, faulen und demotivierenden Ruf auf das Feld hinausschicken! Die Kirchenbesucher können es nicht anders auffassen als in dem Sinn: „Jetzt könnt ihr gehen, jetzt habt ihr endlich Frieden von der Kirche, ihr habt es überstanden…“ Schlimm! In Wirklichkeit ist das „Ite missa est“ der Appell: Ihr habt eine Sendung, ihr seid gesandt. Man müsste es richtig übersetzten: „Und jetzt raus mit Euch, jetzt habt ihr genug Kraft getankt, - missa est! - jetzt seid ihr hinaus gesandt.“ Und das Volk antwortet mit „Deo gratias!“, „Dank sei Gott“. Es nimmt die Motivation an und übt zugleich das Recht aus, im Gottesdienst immer das letzte Wort zu haben. Gott sei Dank haben wir eine Mission! Weil der Ruf im Lateinischen so sinnvoll war, hat man ja die ganze Feier nach ihm benannt: „Messe“, also die sakramentale Feier, die uns stärkt, um unsere „Mission“ in der Welt von heute zu erfüllen .
Natürlich wäre es naiv, Heilserwartungen an die Änderung von liturgischen Formulierungen zu knüpfen! Aber ein Schlussruf etwa im Sinn von: „Geht, ihr seid gesendet“ oder „Geht, ihr habt eine Mission!“ wäre zumindest ein kleiner Schritt. Denn Kirche ist nicht dazu da, selbstreferentiell um sich selbst zu kreisen. Die Kirche hat nicht Mission, sie ist Mission. Sie sollte uns das auch immer wieder zurufen in einem frohen und mutigen: „Ite missa est!“ Seid missionarisch!


Prof. P. Dr. Karl Wallner OCist ist Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke in Österreich, Professor für Dogmatik an der Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz  und Mitautor der „Mission Manifest“ vom Jänner 2018

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