Synodaler Weg

Man muss Gott und jungen Menschen etwas zutrauen!

Die 24-jährige Klarissin Sr. Serafina und der 26-jährige Theologiestudent Maximilian Mattner im Dialog über Berufung – und ihre Erfahrungen in der Kirche. Ein Gespräch.

Ordensmänner auf dem WJT 2019
Ob eine Berufung die richtige ist, erkennt man daran, dass man sich bei dem Gedanken glücklich und lebendig fühlt. Den beiden jungen Augustinerbrüdern sieht man die Freude an. Foto: Jean-Matthieu Gautier (KNA)

Maximilian Mattner: Berufung ist eigentlich ein starkes Wort, wenn ich so darüber nachdenke. Was meinen wir damit eigentlich? Geht es mehr um Eignung und Neigung, etwas zu tun oder hast du wirklich jemanden „rufen“ hören?

Schwester Serafina: Nein, eine Stimme habe ich nicht gehört, aber es geht sicher nicht nur darum, was ich selbst kann und will. Für mich ist Berufung ein Prozess mit vielen Erfahrungen, aus denen sich etwas entwickelt. Viele denken, es gäbe den einen Moment und dann sei alles klar.
So war es bei mir nicht. Da stehen eher viele Situationen, in denen Gott mich gepackt hat. Ich erinnere mich an eine Reli-Stunde, in der wir eine Bibelstelle durchnahmen und ich dachte: „Das ist meine!“ – Ohne es erklären zu können: Da hat er mich einfach berührt!

Und wann wusstest du, dass du dich zum Ordensleben berufen fühlst?

Eigentlich schon ab sieben Jahren. Unsere Familie war jedes Jahr bei Schönstatt-Schwestern im Urlaub, ich kannte viele Ordensschwestern und wollte auch gerne eine werden. Als ich dann mit 13 Jahren zum ersten Mal nach Bautzen kam in unser Klarissenkloster, wusste ich, dass ich hier hingehöre. Man kann solche Erfahrungen schwer weitergeben, sie sind eben ganz persönlich und wenn man versucht, darüber zu sprechen, gilt es einen Graben zu überwinden: Der andere kennt die eigene Erfahrung vielleicht nicht und kann da nichts mit anfangen. – Ich weiß nicht, wie dir das geht? Wie steht es denn mit deiner Berufung?

Sr. Serafina Adler

Ich hatte in der Vorbereitung meiner Taufe mit 17 Jahren durchaus einige solche Erlebnisse, wo ich dachte: „Hier bist du richtig!“ und habe mir schon bald danach auch die Frage gestellt, ob Gott mich nicht zum Priester berufen will. Ich hatte auch einige Erlebnisse, habe viel darüber gebetet und einmal kam sogar ein unbekannter Missionsfranziskaner unvermittelt in unsere Provinzkirche und forderte mich auf, ich solle Priester werden. Das hat mich damals sehr beschäftigt, ich hatte aber immer auch Zweifel, das nun wirklich als „Berufung“ zu deuten. Wie kann ich wissen, dass wirklich Gott solche Erfahrungen schenkt?

Für mich ist es vor allem die Frage, ob ich glücklich bin, wenn ich dem Ruf Gottes folge. Gott ruft ja nicht nur den halben Menschen, sondern er will uns ganz, also will er auch, dass wir ganz glücklich werden. Das heißt nicht, dass ich immer mit allem zufrieden sein muss, aber es gibt in mir ein innerliches Gefühl, dass ich hier einfach richtig bin und lebendig werde, dass ich zu dem Leben finde, das Gott für mich bestimmt hat! Die Bibel sagt: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen!“ (Mt 7,16) – Wenn eine Last abfällt, meine anfänglichen Ängste schwinden und ich mich wohlfühle, weiß ich, dass ich auf dem Weg meiner Berufung richtig gehe.

Bei mir war nach dem Abi auch ein Aspekt, dass man als Neugetaufter und junger Mensch ja schnell im Ruf steht, bei allem 150%ig unterwegs zu sein und zu übertreiben. Während einige Priester und Gemeindemitglieder mir viel Mut gemacht haben – Interessierte lud unser Pfarrer zum Beispiel immer zu Einkehr- und Erholungstagen nach Weihnachten ein – meinten andere, ich solle mir erstmal anderweitig die Hörner abstoßen. Als ich einen Gemeindereferenten auf meine Berufungsfragen ansprach, meinte der nur: „Lass den Quatsch und such dir ne Frau!“

Solche Erfahrungen kenne ich. Ich wäre am liebsten mit 14 schon in den Orden eingetreten und nach dem Abi war für mich ganz klar, dass ich dorthin gehöre. Warum soll man dann warten, wenn das klar ist? Jungen Menschen wird so eine Entscheidung oft nicht zugetraut, man versucht sie davon abzuhalten und dann folgt eine Verunsicherung. Mir hat es viel Mut gemacht, als wir vor Jahren einen jungen Diakon hatten, der plötzlich über Berufung predigte und dem Thema Raum gab.
In der Pfarrei waren es die Umsichtigkeit und geistliche Lebensform unseres Pfarrers, der unsere Ministrantengruppe zu einer Einheit geführt hat, die mir sehr guttaten. Auch einer Ordensschwester, die ich von klein auf kannte, bin ich sehr dankbar. Sie schrieb mir immer Briefe und war bereits in Kindertagen jemand, mit dem ich über meine Berufung sprechen konnte. Rückblickend fasziniert mich das, dass sie mich so jung geistlich begleiten konnte.

Das hat ja auch damit zu tun, was wir Jesus eigentlich noch zutrauen. Als ich nach der Schule meine Bankausbildung fast abgeschlossen hatte, sprach mich ein Abteilungsleiter an, der mich gerne übernommen hätte. Als ich ihm sagte, dass ich Theologie studieren will, meinte der als Nicht-Christ: „Dann brauch ich mit Ihnen nicht verhandeln, gegen den lieben Gott hab ich nichts anzubieten, das Sie überzeugen könnte!“

Wen Gott beruft, der geht seinen Weg – und das ist kein Ding der Unmöglichkeit.
Für mich ist es auch ein Kriterium, an dem man die Lebendigkeit einer Gemeinde prüfen kann: Wird echt gebetet? Trauen wir Gott etwas zu und wollen wir wirklich mit ihm leben? Oder sagen wir nur Texte auf? Das fasziniert mich an Heiligen wie Franziskus: Ihm folgten tausende Menschen nach, und das, weil er auf den Heiligen Geist gehört hat und sich hat leiten lassen. Wir müssen einfach nur offen sein für den Ruf Gottes und dann passiert einfach was!

Mir hat es vor einigen Monaten gut getan, dass mein geistlicher Begleiter mir dazu eine ziemlich anspruchsvolle Ansage gemacht hat: täglich heilige Messe, Stundengebet, Rosenkranz und eine Stunde Anbetung. Da bäumte sich zuerst der Diabolos in mir auf und fragte, was der wohl denkt, was ich nicht den ganzen Tag zu tun habe! – Ich habe mich aber darauf eingelassen und gemerkt, dass mein Tag dadurch eine Richtung gewinnt, dass ich mein Leben viel mehr von Gott her und auf Gott hin denke und er mir hilft, zu sehen, was jetzt konkret dran ist.

Vielleicht brauchen wir mehr Priester, die den Mut haben, so klare Empfehlungen auszusprechen, damit mehr Menschen zu ihrer Berufung finden, auch wenn ich das Pensum schon echt heftig finde. Beten ist immer auch ein Verzicht auf eigene Zeit, die ich dem Herrn schenke und Gebet ist auch ein wenig wie das Wunder der Geburt: Ohne Schmerzen gibt es keine Kinder, kein neues Leben – aber wir wären so viel ärmer ohne den Verzicht, der damit einhergeht.
Es braucht das Gebet, damit ich meine Berufung finden kann: Ich könnte – meine Mitschwestern werden lachen, das zu lesen – nicht auf die stillen Momente verzichten. In der Kirche, besonders den Pfarreien, zählt es oft, aktiv zu sein und etwas zu machen. Vielleicht ist es aber auch wichtig, still zu werden und nach mehr Tiefe zu suchen. Berufung braucht den Mut, aus der Tiefe des Glaubens zu leben und ihn ins Gespräch zu bringen.

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