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Kirche - Haus des lebendigen Gottes 

Warum Eucharistie nur in der vollen Gemeinschaft mit der Kirche gefeiert werden kann.

The Basilica of the Visitation
"Liturgische Feiern ohne den Bekenntnisglauben der Kirche sind innerlich zu austauschbaren Ritualen entleert, die beliebig jedwedes religiöse und mystische Gefühl ausdrücken können", meint Kardinal Müller. Foto: imago stock&people (imago stock&people)

Nichts konnte schlagender den Zerfall der „deutschen Kirche“ beweisen als die überschwänglichen Loblieder führender Kirchenvertreter auf den verstorbenen Hans Küng. Wie ein Theologieprofessor Menschen von heute für das Christentum neu gewonnen haben soll, der die Gottheit Christi rundweg leugnete, wird wohl immer ihr trauriges Geheimnis bleiben. Allen ökumenisch-theologischen Mühen um die sichtbare Einheit aller Christen in Christus und seiner Kirche wäre der Boden entzogen, wenn Jesus nicht der Christus wäre, Gottes ewiges Wort, das Fleisch geworden ist und unter uns gewohnt hat, und wenn er nicht leiblich und real (keineswegs nur in unserem subjektivem Gedenken) in der Eucharistie bei uns bleibt bis zu seiner Wiederkunft. 

Kirche stirbt Kältetod der Christologie 

Nicht irgendwelche Meinungen über ihn sind maßgebend. Was er selbst von sich sagt, gibt seiner Kirche die Orientierung: „Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, ich gebe es hin für das Leben der Welt.“ (Joh 6, 51). Die Situation ist heute so grotesk wie zur Zeit Jesu, als es wegen der inkarnatorischen und sakramentalen Gegenwart des ewigen Wortes des Vaters zur Spaltung seiner Jünger kam. (Joh 6, 60- 71). 

Die Kirche stirbt in den Seelen den Kältetod der Christologie, doch katholische Bischöfe erhitzen sich über das Nein der Glaubenskongregation zur Segnung von sexuellen Kontakten, die die Heilige Schrift schwere Sünde nennt (Röm 1, 27; 1 Kor 6, 9). In aberwitziger Revolutionsrhetorik lassen sie es auf eine Trennung von der römischen Kirche und ihrem Bischof ankommen, wenn er sich nicht ihren Vorstellungen unterwirft. (Das romantische Gesäusel von der Liebe, die alles versteht und verzeiht, vergeht einem, wenn man von einem nun weiblich empfindenden Mann hört, der nach 25 Ehejahren seine treue Frau verrät, seine Vaterpflichten gegenüber seinen minderjährigen Kindern verletzt, um für einen andern Mann dessen Frau zu spielen). Dass der Papst von Petrus her das von Christus gestiftete Prinzip und Fundament der Einheit in Glauben und der Gemeinschaft aller Bischöfe darstellt (II. Vatikanum, Lumen gentium 18), erscheint einem säkularisierten Denken allenfalls als ein überzogener weltlicher Machtanspruch. Hier liegt aber ein fataler Knick in der Optik des Glaubens vor. Wir haben es zu tun mit einer Perversion der katholischen Hermeneutik, in der das Gefüge von Heiliger Schrift, Apostolischer Tradition und Kirchlichem Lehramt unauflösbar ist (II. Vatikanum, Dei verbum 7-10). Verloren gegangen ist das sichere katholische Gefühl für den organischen Zusammenhang aller Glaubensartikel untereinander und für ihr einziges Fundament in der Selbstoffenbarung des dreifaltigen Gottes, in der Menschwerdung seines Sohnes, im Heilsgeschehen von Christi Kreuz und Auferstehung, in der Sendung der Kirche als Mutter der Gläubigen und Lehrerin der Wahrheit. 

Den Sakramenten droht die Auszehrung

Den demütig-bittenden Aufruf von Papst Franziskus zur Einheit der Katholiken in der Neuevangelisierung hat man uminterpretiert in eine Bestätigung des Synodalen Weges. Nur wer gutgläubig bis zur Selbstverblendung bleiben möchte, kann den offenen Widerspruch übersehen gegen die biblische und kirchliche Lehre vom Bischofsamt und dem sakramentalen Weihepriestertum. Wo nur noch die publizistische Relevanz der Kirche vor dem Tribunal des in seiner Tiefe nihilistischen Naturalismus zählt, müssen das Dogma von der Gründung der „Kirche in Christus als allumfassendes Sakrament des Heils der Welt“ (II. Vatikanum (Lumen gentium 1; 48; Gaudium et spes 45) als peinliches Erbe aus einer unaufgeklärten Vorgeschichte möglichst schnell entsorgt oder die „Kirche als Haus des lebedigen Gottes, Säule und Fundament der Wahrheit“ (1 Tim 3, 15) restlos entkernt werden, um nur noch mit der Fassade Identität und Kontinuität vorzutäuschen. Dieses Schicksal der Auszehrung droht auch den Sakramenten, wenn ihrer Umfunktionierung zu nur soziologisch wirksamen Bindemitteln einer religiös angehauchten Vereinigung nicht entgegengewirkt wird. 

Von den heiligen Sakramenten bekennt die Kirche, dass sie von Christus eingesetzt sind als Zeichen, die die Gnade wirksam vermitteln und von denen es im Neuen Bund nicht mehr und weniger als sieben gibt. (Tridentinum, Dekret über die Sakramente; DH 1601). 

Die Einheit der Kirchenmitglieder ist jedoch nicht begründet in ihrem menschlichen Zusammengehörigkeitsgefühl, der Orientierung an Jesus als einem ethischen Vorbild und in gleichgesinnten mystischen Empfindungen, sondern in der Lebensverbindung der sakramentalen Kirche mit Christus, ihrem Haupt. Weil die Kirche der Leib Christi ist und den Mensch gewordenen Sohn Gottes in der Welt repräsentiert, der sich in seinem Leib am Kreuz zum unserem Heil seinem Vater geopfert hat, ist unsere Teilnahme am „eucharistischen Opfer, Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens.“ (Lumen gentium 11). 

Der geistliche und mündliche Empfang des sakramentalen Leibes und Blutes des auferstandenen Sohnes Gottes, der für uns am Kreuz starb und der von den Toten auferstanden ist, bewirkt heilige Kommunion, nämlich innerste Lebens-Gemeinschaft mit ihm in der Teilhabe am Leben des dreifaltigen Gottes. Als Gottes Söhne und Töchter sagen wir durch Christus, den ewigen Sohn des Vaters im Heiligen Geist zu Gott: Abba, Vater (Gal 4, 6; Röm 8, 15). 

Hier zeigt sich die für das katholische (und auch orthodoxe) Verständnis von Kirche typische wechselseitige Konstitution von Kirche und Eucharistie. Das II. Vatikanum drückt diese innerste katholische Glaubensüberzeugung so aus: „Durch den Leib Christi in der heiligen Eucharistiefeier gestärkt, stellen sie [die Gläubigen als Glieder des Leibes Christi] sodann die Einheit des Volkes Gottes, die durch dieses hocherhabene Sakrament sinnvoll bezeichnet und wunderbar bewirkt wird, auf anschauliche Weise dar.“ (Lumen gentium 11). 

Einheit von Sakrament, Glaubensbekenntnis und Lebenswandel ist unauflösbar

Die Rede ist hier von „den katholischen Gläubigen“, die „der Gemeinschaft der Kirche voll eingegliedert“ sind und im Besitz des Geistes [hier gemeint: ohne schwere Sünde] „ihre ganze Ordnung und die alle in ihr eingerichteten Heilsmittel annehmen und in ihrem sichtbaren Verband mit Christus, der sie durch den Papst und die Bischöfe leitet, verbunden sind, und dies durch die Bande des Glaubensbekenntnisses, der Sakramente und der kirchlichen Leitung und Gemeinschaft.“ (Lumen gentium 11). 

Dieser innere Zusammenhang von sakramentaler Eucharistie und sakramentaler Kirche hat das Kirchenverständnis seit den apostolischen Anfängen grundlegend geprägt. Diese unlösbare Einheit von Sakrament, Glaubensbekenntnis und Lebenswandel stellte (ca. 150 n. Chr. in Rom) Justin der Märtyrer in einer Verteidigungsschrift der Christen an die heidnischen Kaiser dar: „Diese Nahrung heißt bei uns Eucharistie. Niemand kann daran teilnehmen, als wer unsere Lehre für wahr hält, das Bad der Wiedergeburt zur Nachlassung der Sünden und zur Wiedergeburt empfangen hat und nach den Weisungen Christi lebt.“ (Apologie I, 66). 

Bis auf die (volle) Gemeinschaft mit dem Papst gilt auch für die orthodoxe Ekklesiologie die Einheit im Glaubensbekenntnis und dem Bischof in apostolischer Sukzession als Bedingung des äußeren liturgischen Empfangs der eucharistischen Gestalten und der inneren mystischen Kommunion untereinander in Christus. Im Brief an die Kirche von Smyrna schreibt der Bischof Ignatius von Antiochien (anfangs des 2. Jh.): „Keiner soll etwas ohne den Bischof tun, was die Kirche betrifft, jene Eucharistiefeier gelte als zuverlässig, die unter dem Bischof oder einem von ihm Beauftragten stattfindet. Wo der Bischof erscheint, dort soll die Gemeinde sein, wie da, wo Christus Jesus ist, die katholische Kirche ist.“ (IgnSmy 8, 1f). 

Äußere und innere Gemeinschaft bedingen sich 

Auch die aus den reformatorischen Bewegungen um Luther, Zwingli, Calvin u.a. hervorgegangenen Konfessionen und kirchlichen Gemeinschaften (seit dem 16. Jh.) haben immer bis in die jüngere Zeit hinein den Bruch mit der katholischen Kirche zum Ausdruck gebracht sowohl durch die Nicht-mehr-Teilnahme an der sakramentalen Kommunion der katholischen Kirche wie auch durch die Verweigerung des Abendmahls für Christen anderer Konfessionen. Denn der wechselseitige Bedingungszusammenhang von kirchlicher und sakramentaler Kommunion liegt auf der Hand. 

Wo aber die dogmatische Wahrheit aufgegeben wird zugunsten von subjektiven religiösen Erfahrungen eines unerkennbaren Absoluten, die sich beliebig im kollektiven Bewusstsein historischer Traditionen partikulärer „Kirchen“ spiegeln, variieren und gegenseitig relativieren, wird jeder Anspruch der Kirche auf die objektive Repräsentation der Offenbarung als unerträgliche Anmaßung empfunden oder als voraufgeklärtes Bewusstsein diffamiert. Die Gleichung „kirchliche Kommunion ist sakramentale Kommunion“ hat dann ihren Sinn verloren. Sie gilt als Ausdruck der Selbsterhaltung und des Machterhalts einer verknöcherten Institution oder eines in Lehr-Formeln erstarrten Dogmatismus. Demgegenüber gelten die Gefühle und Wünsche nach der Einheit in Christus als religiös und moralisch überlegen, ohne sich festlegen zu müssen auf ein genaues Verständnis von Einheit der Kirche und des Bekenntnisses zu Christus oder auf die konstitutiven dogmatischen und liturgischen Elemente der Eucharistie (das Opfer Christi und der Kirche, die somatische Realpräsenz kraft der Wesensverwandlung, die Notwendigkeit des geweihten Priesters, die sichtbare Gemeinschaft mit den Bischöfen und dem Papst in apostolischer Amts-Nachfolge). 

Mit dem „Gewissen“ wird Lehre ad absurdum geführt 

Wo von den Voraussetzungen der katholischen Glaubenslehre her noch Bedenken erscheinen, meint man den Königsweg der Berufung auf „das Gewissen“ gefunden zu haben. 

Anhand einer mehrdeutigen Formulierung von Papst Franziskus in der deutschen evangelischen Kirche zu Rom hält man sich sogar von höchster Stelle autorisiert, den konstitutiven Zusammenhang von ekklesialer und sakramentaler Kommunion zu unterlaufen und sogar ad absurdum zu führen. 

Dem einzelnen Katholiken oder Protestanten sei es überlassen, gemäß dem Spruch seines Gewissens die katholische Kommunion zu empfangen bzw. das evangelische Abendmahl zu nehmen. Katholische Bischöfe entziehen sich ihrer lehramtlichen Verantwortung, indem sie niemanden einladen, aber auch den Priestern befehlen, niemanden auszuladen. 

Unter der Oberfläche dieser scheinbaren Großzügigkeit lauert aber auch der klerikale Machtmissbrauch, wenn lehramtstreuen Priestern mit disziplinarischen Strafen gedroht wird. Wenn aber dem Priester die Verantwortung für den stiftungsgemäßen Vollzug der Sakramente entzogen ist, dann entscheidet der Empfänger, ob er etwa die Taufe als Entrebillet für die Gesellschaft erbittet oder ob er aufgrund des Glaubens durch die Taufe zu einem neuen Geschöpf in Christus wird und sich eingliedern lässt in den Leib Christi, der die Kirche ist. Das Glaubensbekenntnis der Kirche und ihre sakramentalen Feiern treten dann mehr oder weniger weit auseinander. 

Liturgische Feiern ohne den Bekenntnisglauben der Kirche sind innerlich zu austauschbaren Ritualen entleert, die beliebig jedwedes religiöse und mystische Gefühl ausdrücken können. Warum soll ein nichtchristlicher Jugendlicher mit seinem Freund nicht auch zur Firmung nach vorne kommen oder ein Katholik die freireligiöse Jugendweihe empfangen, wenn die Bedeutung einer Zeichenhandlung nicht von der sie vollziehenden Gemeinschaft, sondern von einem Nichtmitglied festgelegt wird? 

Echte Ökumene ist der Offenbarung verpflichtet 

Gewiss gibt es noch diesseits solch extremer Konsequenzen aus falschen Prinzipien in Deutschland die klassische ökumenische Bewegung, die dem Gebot Jesu zur Einheit seiner Jünger gehorsam ist und aus Liebe zu seiner Kirche eine größere Einheit sucht. Und dankbar ist festzustellen, dass in der ökumenischen Theologie begehbare Brücken über die Abgründe der früheren Kontroversen gebaut worden sind. Auch im alltäglichen Zusammenleben von katholischen, evangelischen und orthodoxen Christen ist die frühere Entfremdung und Feindseligkeit einer echten Erfahrung der Gemeinsamkeit im Glauben an die Grundgeheimnisse der Offenbarung Gottes in Jesus Christus gewichen. 

Aber die Glaubenseinheit in „der einzigen Kirche Christi, die wir im Glaubensbekenntnis als die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche bekennen und die in dieser Welt als verfasste und geordnete Gesellschaft“ real existiert, ist nach den Kriterien der katholischen Lehre keineswegs voll erreicht. Gemeinsam sind uns durchaus auf der Ebene der Sichtbarkeit der Kirche Christi die Heilige Schrift als Quelle und Kriterium aller kirchlichen Lehre, wesentliche Elemente der Apostolischen Tradition (Trinität, Inkarnation, Erlösung, Gnade, Taufe, Hoffnung auf das ewige Leben), während beim Verständnis der Kirche und der Sakramente immer noch erhebliche Lücken bestehen. Was aber die Gleichung von ekklesialer und eucharistischer Kommunion aus katholischer Sicht erst stimmig werden lässt, ist die Einsicht, „dass zur vollen Wirklichkeit und Einheit der Kirche die Anerkennung des Papstes als Nachfolger Petri und der Bischöfe in Gemeinschaft mit ihm gehört.“ (II. Vatikanum, Lumen gentium 8). 

Das klingt sicher in den Ohren evangelischer Christen, die von einem anderen Kirchenverständnis an diese Problematik herangehen, provokativ und zumindest unfair, weil sie von den zu ihrem Abendmahl eingeladenen Katholiken nicht die Anerkennung ihres Landesbischofs oder Kirchenpräsidenten als Lehrautoritäten verlangen. 

Aber diese Asymmetrie ergibt sich eben aus der spezifischen Fassung der Rechtfertigung aus dem subjektiven Vertrauens-Glauben allein, der die zentrale Stellung der Sakramente und besonders der Eucharistie im katholischen (und orthodoxen) Verständnis der Kirche (als allumfassendes Sakrament des Heils der Welt in Christus) nicht zulässt oder wenigstens schwer verständlich macht. 

Das gemeinsame Hören und Bezeugen des Wortes Gottes, das Gebet zu „unserem Vater im Himmel“ bringt uns der Einheit näher als spektakuläre Medienauftritte und kontraproduktive Übersprungshandlungen, die ohne der Einheit wahrhaft zu dienen, nur neue Polemiken und Zerwürfnisse, Spaltungen und Feindschaften hervorrufen.