Sexualmoral

Humanwissenschaft gegen kirchliche Lehre instrumentalisieren?

Der Synodale Weg beruft sich zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare auf Humanwissenschaftler. Doch einige zeigen, dass Homosexualität nichts Festgelegtes ist.
Segnung homosexueller Paare in München
Foto: Felix Hörhager (dpa) | Pfarrvikar Wolfgang Rothe (München) verstößt in einem Gottesdienst mit Segnung homosexueller Paare gegen die Lehre der Kirche.

Während Rom sich zur Frage der Möglichkeit der Segnung homosexueller Partnerschaften negativ äußert, hält der Synodale Weg in Deutschland mit einem Ja dagegen. Die Begründungen liegen dann auch weit auseinander. Die Glaubenskongregation begründet ihr Nein mit dem Hinweis, dass ein Segen nur dann gespendet werden kann, „die zu segnende Wirklichkeit objektiv und positiv darauf hingeordnet ist, die Gnade zu empfangen und auszudrücken, und zwar im Dienst der Pläne Gottes, die in die Schöpfung eingeschrieben und von Christus dem Herrn vollständig offenbart sind“. Der Synodale Weg beruft sich für sein „Ja“ dagegen auf die Humanwissenschaften.

„Allein dieser kurze Blick auf Forschungsergebnisse zeigt,
dass die Humanwissenschaften mehr Fragen in Bezug auf
Homosexualität und Bisexualität aufwerfen,
als dass sie wirklich den homosexuellen Menschen offenbaren“

Denn sie hätten eindeutig gezeigt, dass es sich bei der Homosexualität und Bisexualität „weder um Krankheiten oder Störungen noch um etwas, was man sich aussuchen kann. Vielmehr stellen sie natürliche Minderheitenvarianten sexueller Präferenzstrukturen von Menschen dar.“ Diese würden sich als sexuelle Orientierung während der Pubertät manifestieren und seien dann auch nicht mehr veränderbar. Letztlich – so die Begründung des Synodalen Weges – müsse man auf der Grundlage dieser humanwissenschaftlichen Aussage die bestehende kirchliche Lehre und Tradition fortentwickeln und solche Verbindungen segnen, die sich in Liebe, Treue, gegenseitiger Verantwortung und ausschließlicher Dauerhaftigkeit und einer neu zu definierenden – etwa sozialen – Fruchtbarkeit verpflichtet wissen.

Zugespitzt formuliert stellt der Synodale Weg damit den Stand der Humanwissenschaften gegen die kirchliche Lehrmeinung. Danach ist in die Ordnung der Schöpfung nicht nur die Ehe von Mann und Frau eingeschrieben, sondern auch der homo- und bisexuelle Mensch. – Wer so selbstbewusst auftritt, muss wahrlich auf unerschütterliche Quellen bauen. Betrachtet man aber humanwissenschaftliche Befunde zu diesem Thema, so trifft man dort weder auf eindeutige Aussagen zur Homosexualität, noch findet man dort Erkenntnisse, die als Konsens gelten können. Vielmehr distanziert man sich innerhalb der Sexualwissenschaften schon seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts von der These, dass es sich bei der Homosexualität um eine Art „dritten Geschlechts“ handele. Homosexualität oder Bisexualität als Schöpfungsvariante wird damit eine Absage erteilt. So bezeichnet der homosexuell lebende Sexualforscher Rolf Gindorf diese These sogar als „Ideologie des dritten Geschlechts“.

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Die sexuelle Disposition eines Menschen scheint nicht genetisch fixiert

Auch ein Blick in die Biologie verrät, dass man bis heute nicht den Nachweis erbringen kann, Homosexualität sei angeboren. So kommt etwa eine Metauntersuchung im Jahr 2019, in die 477 552 Datensätzen von homosexuellen Personen eingegangen sind, zur abschließenden Aussage, dass die genetische Architektur hinter dem Phänomen der sexuellen Orientierung hochgradig komplex sei und man daraus keinerlei relevante Vorhersage in Bezug auf das Sexualverhalten einer einzelnen Person treffen könne. So konnte die Analyse zwar zeigen, dass es etwa fünf genetische Marker gibt, die häufiger bei homosexuellen Menschen als bei heterosexuellen auftauchen.

Etwa einer, der auf die Glatzenbildung und ein anderer, der auf den Geruchssinn wirkt. Wie diese Auffälligkeiten aber mit der sexuellen Orientierung zusammenhängen oder ob daraus eine Homosexualität im engeren Sinne abgeleitet werden kann, konnte nicht erhellt werden. Im Gegenteil wird angenommen, dass die Sexualität des Menschen ein so komplexes bio-psycho-soziales Konstrukt sei, dass es nicht mit der Biologie allein begründet werden könne. Sogar der deutsche Lesben- und Schwulenverband erklärt auf seiner Homepage, dass alle Versuche, Homosexualität in der Biologie des Menschen nachzuweisen, gescheitert seien.

Unbelegbare Behauptungen als Thesengrundlage des Synodalen Weges

Die Forschungen, die sich mit der Frage von Jugend und ihrer sexuellen Orientierung befassen, widersprechen den Aussagen des Synodalen Weges sogar gänzlich. Denn dort wird behauptet, die Homosexualität und die Bisexualität sei mit Ende der Pubertät, also der Geschlechtsreife im Alter von derzeit 15 Jahren manifest. Unterschiedliche Untersuchungen zeigen dagegen, dass sich homosexuelle Empfindungen noch zwischen dem 16. und dem 22. Lebensjahr stark verändern. So hält es etwa der Forscher Ritch Savin-Williams für 25 Mal wahrscheinlicher, dass ein 16-Jähriger, der sich als homo- oder bisexuell bezeichnet, sich bereits ein Jahr später als heterosexuell bezeichnet, als dass ein 16-jähriger Heterosexueller sich später als homosexuell outet.

Andere Untersuchungen, etwa eine europaweit durchgeführte Befragung, in die 11.754 Datensätze eingegangen sind, sprechen sogar von einer erhöhten Flexibilität der sexuellen Orientierung zwischen dem 14. und dem 29. Lebensjahr. Folgt man dem Wortlaut der Synodaltexte, so dürfte es solche Veränderungen aber gar nicht geben beziehungsweise müssten sie höchst fragwürdig sein. Allein dieser kurze Blick auf Forschungsergebnisse zeigt, dass die Humanwissenschaften mehr Fragen in Bezug auf Homosexualität und Bisexualität aufwerfen, als dass sie wirklich den homosexuellen Menschen offenbaren. Denn welche Homosexualität und Bisexualität liegt etwa vor, wenn junge Menschen in einer Untersuchung zu Protokoll geben, dass sie sich gar nicht an den Etiketten von homo- oder bisexuell orientierten wollen.

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Sexualität wird zunehmend zur Selbstverwirklichung benutzt

Sie, so ist dort zu lesen, wollen mit dem Sex haben, der ihnen gefällt – egal welches Geschlecht er hat. Dass es sich hierbei nicht um Einzelaussagen handelt, machen die Forscher Sari M. Anders oder Charles Moser deutlich, wenn sie nachweisen, dass sexuelle Orientierungen auch unter Erwachsenen sich längst nicht mehr an der Kategorie „Sex und Liebe“ oder „Geschlecht und Sexualität“ orientieren. Kriterien für die sexuelle Selbstverwirklichung werden vielmehr frei verhandelt und orientieren sich etwa an dem Kriterium der Erlaubnis, des Risikos, der sexuellen Lust oder der Attraktivität, die sich im situativen Kontext ergeben.

Je tiefer man in die Aussagen der Humanwissenschaften eintaucht, desto weniger kann in ihnen jene unerschütterliche Quelle gefunden werden, die von einer Homo- oder Bisexualität spricht, die ab der Pubertät festliegt. Auch der homosexuelle Mensch kann in ihren Daten nicht ausgemacht werden. Das wiegt umso schwerer, als die angedachten Segnungen ja auch als Angebot der Kirche zur Orientierung verstanden werden, die zu „situationsgerechten, verantwortlichen Entscheidungen führen“ sollen. Welche Entscheidung aber ist hier gemeint? Etwa die, dass man sich über seine sexuelle Orientierung aufgrund der zur kirchlichen Lehre erhobenen Humanwissenschaften keine Gedanken mehr machen sollte?

Segen oder Absegnen?

Das Gegenteil legen die Humanwissenschaften nahe. Die sexuelle Orientierung des Menschen ist ein komplexes, individuelles Phänomen. Deshalb sollte jeder Mensch die Möglichkeit haben, sie von Grund auf in sich selbst individuell zu verstehen. Dieses Verstehen aber wird dem Menschen dort genommen, wo der Segen der Kirche den Menschen nicht mehr zur Erkenntnis seiner Person im Lichte Gottes führt, sondern sexuelle Orientierungen mit fragwürdigen Behauptungen absegnet. Will der Synodale Weg Segen bewirken und nicht absegnen, dann sollten sich seine Vertreter den Fragen der Humanwissenschaften seriös stellen.

Im Lichte dieser Fragen bestünde dann vielleicht auch die Chance, dass man nicht nur die Menschen in den Blick nimmt, die von der Kirche einen Segen wünschen, sondern auch jene, die in ihrer sexuellen Orientierung vor ganz anderen Fragen stehen. Wie zum Beispiel die traumatisierte Frau, die aufgrund von Missbrauch eher den Schutz beim gleichen Geschlecht sucht. Oder der bisexuelle Mensch, der eine Ehe eingegangen ist und dort mit Fragen der Treue ringt, weil er immer wieder mit gleichgeschlechtlichen Impulsen ringt. Oder solche homosexuellen Menschen, die in Orientierung an der Lehre der Kirche enthaltsam leben und von ihr theologische Ermutigung für ihren Weg erwarten.

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