Rom

„Humanae vitae“: nochmals gelesen

Die Enzyklika „Humanae vitae“ Papst Pauls VI. ist bis heute anstößig. Der Papst bestand darauf, dass jeder eheliche Akt von sich aus auf die Erzeugung menschlichen Lebens hingeordnet bleiben muss.

Mann bei Abschluss des Katholikentags 1968
Der Essener Katholikentag 1968 wurde zur Zäsur des Nachkriegskatholizismus. Die Entfremdung der deutschen Katholiken von der Weltkirche wurde deutlich. Der Grund: „Humanae vitae“. Foto: KNA-Bild (KNA)

Wahrhaftig Spreng-Sätze! In der aufgeheizten sexuellen Atmosphäre der 68er wirkte die Enzyklika nicht nur antiquiert, sondern betont herausfordernd. Und die These, Liebe und Zeugung gehörten untrennbar zueinander, wurde bald durch die Möglichkeit extrakorporaler Befruchtung gestürzt.

Die Enzyklika führt selbst zwei gewichtige Einwände an, die abzuwägen sind. Der erste ist psychologischer Art: Ehe, ganzheitlich gesehen, setzt sich ja nicht aus einzelnen Akten zusammen. Ehe ist mehr als die Summe von Geschlechtsverkehr. Wird also der einzelne Akt nicht übergewichtet? Vor allem dann, wenn der grundsätzliche Wille zum Kind im Eheversprechen bezeugt ist?

Der zweite Einwand ist empirischer Art. Die „Natur“ selbst trennt Liebe und Zeugung: an den unfruchtbaren Tagen der Frau, während der Schwangerschaft oder bei Unfruchtbarkeit des Mannes, jedenfalls aber im Alter. Also sind Liebe und Zeugung nicht eisern zusammengeschmiedet: Der Schöpfer selbst hat das Band dazwischen gelockert.

Ein anderer Umgang

Dennoch betont „Humanae vitae“, jeder einzelne Akt sei an beides gekoppelt: an die liebende Hingabe und den Willen zum Kind. Sowohl die Kürze des Dokuments als auch die Erlaubnis, die von Natur aus unfruchtbaren Tage zu „nutzen“, beantworten die erhobenen Bedenken nicht ausführlich und räumen sie auch nicht ganz aus. „Nutzen“ enthält ja auch die Absicht, ein Kind auszuschließen. Sonst geschieht es eben manipulativ oder chemisch mit Pille. Was unterscheidet aber dann Absicht von Absicht?

Man kann darauf verweisen, dass bei periodischer Unfruchtbarkeit das vertrauensvolle Gespräch zwischen den Eheleuten zur Rücksicht auf den weiblichen Rhythmus führt, während bei chemischer Verhütung die Frau beständig verfügbar wird. Das führt nahe an ihre Instrumentalisierung heran, zu schweigen von der Belastung durch die Pille. Stattdessen führt die erlaubte „Nutzung“ empfängnisfreier Tage zu einem anderen Umgang miteinander und wird dem weiblichen Rhythmus gerecht, steigert auch die gegenseitige Erwartung. Allerdings ist auch hier Absicht im Spiel. Möglicherweise gehört dieser Sachverhalt zu den Fragen, die nicht befriedigend auszutragen sind, weil dazu rationale Differenzierungen nicht hinreichen.

Leibhafte Verletzung schließt
seelische Verletzung zwangsläufig ein.

Unterwerfung unter den Mann

Daher sei diese Schwierigkeit nicht von der „Absicht“ aus, sondern anders beleuchtet: Was bewirkt es für die Frau, wenn Liebe und Fruchtbarkeit getrennt werden? In einer Zeit, welche die „grüne Natur“ verherrlicht, bleibt unverständlich, weshalb junge Frauen über Jahrzehnte ihren Monatsrhythmus abstellen sollen, teilweise schon in der Pubertät, wenn der Organismus noch gar nicht ausgereift ist. Ferner erlaubt die manipulative Unterbrechung des Geschlechtsaktes nicht, dass das innige Zugehören von Mann und Frau über die Feinabstimmung ihrer Organe erfahren wird, sondern stört ihre Zugehörigkeit ausgerechnet am Höhepunkt. Geradezu leibhaft verletzt wird aber die Frau durch anschließende Praktiken wie die „Pille danach“ oder gar die Abtreibung. Leibhafte Verletzung schließt seelische Verletzung zwangsläufig ein. Psychologisch führt die Sterilisierung des weiblichen Rhythmus zu organischen und nicht selten zu seelischen Blockaden. Insofern kann die beständige Neutralisierung und „Bereitstellung“ des weiblichen Leibes auch als Sargnagel des Feminismus gesehen werden. Die Enzyklika spricht von der Herabsetzung zu einem „Werkzeug der Triebbefriedigung“, also von der klassischen Verdinglichung. Es handelt sich um Emanzipation vom eigenen Leib, seinen Ansprüchen und Seligkeiten – zugunsten einer verdeckten, uneingestandenen Unterwerfung unter den Mann.

Solche Bedenken gelten auch umgekehrt für das Erzwingen von Zeugung. Zwar legt die Enzyklika dazu keine ausführliche Argumentation vor, aber fünfzig Jahre später lässt sich sehen, was das Abkoppeln der Zeugung von der Liebe auslöst: Ei- und Samenbanken mit Gen-Beipackzettel, anonyme Zeugung im Labor; bezahlte Samenspender statt Väter (zum Teil mit über 50 Kindern); Eimutter, Leihmutter, Beimutter – statt einfach Mutter. Die Leihmutter wird zum bloßen Uterus herabgesetzt, was durchaus drastisch mit „Gebärmaschine“ wiederzugeben ist – eine empörende Vermarktung ihres Unterleibs (und des Gefühlslebens in der Schwangerschaft). Und das Kind wird Werkzeug einer Wunscherfüllung oder auszulebender elterlicher „Instinkte“; kann aber auch „zurückgegeben“ = abgetrieben werden.

Innere Logik korrekt formuliert

Die Schärfe dieser Reduktionen war 1968 nicht vorauszusehen, dennoch formuliert die Enzyklika die innere Logik einer von der Liebe getrennten Zeugung richtig. Sie ordnet sich damit in eine keineswegs nur binnenkatholische Warnung ein, die schon früher aufhorchen ließ. Rilke sah bereits in den 1920er Jahren eine tiefgehende Vergessenheit der leiblichen Herkunft wirksam: „die Väter, die wie Trümmer Gebirgs uns im Grunde beruhn, (...) das trockene Flußbett einstiger Mütter, (...) die ganze lautlose Landschaft“ (Dritte Duineser Elegie). Brave New World, die Negativutopie von Aldous Huxley, führte 1932 das Schreckbild einer biologistisch manipulierten Menschheit vor, in der man industriell erzeugt und kollektiv erzogen wird. Ein Wort war von Grund auf verboten: das Wort „Mutter“; nach Gehirnwäsche löste es widerwärtige Empfindungen aus. Der neue Mensch sollte sich nicht als gezeugt und geboren, sondern als gemacht verstehen, einzig der technisierten Gesellschaft verdankt, keinem älteren Du – oder am Ende gar Gott. Übrigens kam das Wort Vater ohnehin nicht mehr vor – offenbar war er noch leichter auszuschalten als die Mutter.

Zeugung und Geburt sind
paradiesisch verliehene Gaben.

Der neue Mensch: nicht gezeugt und geboren

Natürlich war im Raum der (katholischen) Kirche die Verteidigung besonders der Mutterschaft immer gegeben, prallte aber am feministischen Diskurs ab. Nach Simone de Beauvoir war die Kategorie „weiblich“ von Grund auf repressiv – darunter fiel auch Mutterschaft. Das Kind stelle wegen seiner leib-seelischen Abhängigkeit die natürliche „Fessel der Frau“ vor.

Der weibliche Körper müsse „transzendiert“ und neutralisiert werden: durch chemische Einebnung des Biorhythmus, im schärfsten Fall durch Abtreibung. Die Frau bleibt nur noch von der abstrakten Autonomie des Selbstseins bestimmt.

Mit der Gendertheorie hat sich eine noch tiefere Leibvergessenheit durchgesetzt. In all dem kommt es (unausgesprochen) zu einer Abwertung des weiblichen Leibes, sei es in seiner Vermännlichung bei Beauvoir, seiner Entwirklichung (Deontologisierung) bei Judith Butler oder seiner entgrenzen-den Technisierung (Denaturalisierung) bei Donna Haraway. Leib ist der „blinde Fleck“ bisheriger Emanzipation. Man wirft dem Christentum gern Leib- und Frauenfeindlichkeit vor. Aber beides ist heute ausgeprägt im Radikalfeminismus und Gender Mainstreaming zu finden.

Zeugung und Geburt sind paradiesisch verliehene Gaben

Die Enzyklika wäre unterschätzt, würde man sie nur von den Folgen ihrer Nicht-Beachtung auslesen, es wäre ein allzu bitterer Triumph. Daher nochmals: Wenn tatsächlich jeder eheliche Akt Hingabe und Fruchtbarkeit einschließen soll, so bedeutet das für Frau wie Mann, eine Sprache zu ge-winnen, um sich abzustimmen. Der viel tiefere leibliche Einsatz der Frau für das Kind bedeutet klarerweise eine Asymmetrie der Geschlechter. Sie muss immer wieder zu einem Gespräch führen über die Belastbarkeit der Frau durch Geburten, über Arbeitsteilung, über gemeinsam verantwortete Lösungen – statt einer simplen Automatik der Unfruchtbarkeit. Dasein ist Leibsein – mit je anderen Folgen für Frau oder Mann. Wichtig bleibt: Das Glücken der Geschlechtlichkeit kann nicht sakramental garantiert werden, aber die Enzyklika gibt die Elemente an, unter denen die schwierige Balance gelingen kann: a) den Leib in seinem Geschlecht und b) in der Anlage für das Kind anzuerkennen; c) auch den Eros in den Bereich des Heiligen zu stellen: im Sakrament. Zeugung und Geburt sind paradiesisch verliehene Gaben (Gen 1,28). Das ist kein naiver Naturbegriff, sondern schöpferische Überführung von Natur in kultivierte, angenommene, endliche Natur.

Nie wird nur primitive Natur durch das Christentum verherrlicht: Sie ist vielmehr selbst in den Raum des Göttlichen zu heben und dort heilend zu bearbeiten.Könnte über alle Morallehren hinweg die Vision erneuert werden, dass sich im Einlassen auf das fremde Geschlecht eine göttliche Spannung, eine lebendige Fruchtbarkeit und die Not(wendigkeit) asymmetrischer Gemeinschaft ausdrückt? Schöpferisches, erlaubtes, leibhaftes Anderssein auf dem Boden gemeinsamer göttlicher Grundausstattung – mit dem Antlitz von Frau oder Mann: Das ist der Vorschlag der Enzyklika an alle Dekonstruktionen, Neutralisierungen und Verdinglichungen des Geschlechts.

 

KURZ GEFASST

Die Enzyklika „Humanae vitae“ lehrt, dass jeder eheliche Akt von sich aus auf die Erzeugung menschlichen Lebens hingeordnet bleiben muss. Die liebende Vereinigung und Fortpflanzung seien unlösbar durch den Schöpfer miteinander verbunden worden. Paul VI. betont in „Humanae vitae“, dass jeder einzelne Akt an die liebende Hingabe und den Willen zum Kind gebunden sein muss.

Die erlaubte „Nutzung“ empfängnisfreier Tage führt im Gegensatz zu hormonellen Verhütungsmitteln zu einem rücksichtsvollen Gespräch miteinander. Bei der permanenten "Verfügbarkeit" der Frau warnt die Enzyklika vor der Herabsetzung der Frau zu einem „Werkzeug der Triebbefriedigung“, also vor der klassischen
Verdinglichung.

Perspektivisch lassen sich aus der Enzyklika auch Argumente gegen die anonyme Zeugung im Labor, gegen Samenspender und Leihmutterschaft finden.

 

Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz ist Religionsphilosophin und leitet das Europäische Institut für Philosophie und Religion an der Phil.-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. in Heiligenkreuz bei Wien. 

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