Rom

Gibt es ein Recht auf die Priesterweihe?

Die „anthropologische Wende“ hat den Menschen in den Mittelpunkt der Theologie gestellt. Durch die Selbstermächtigung des Subjekts wird die „Lebenswirklichkeit“ zum herrschenden Maßstab, Offenbarung, Schrift und Tradition verloren ihre normative Kraft. Das führt zu einer neuen Form der „Gnosis“.

Priesterweihe
Inzwischen wird das Priestertum immer öfter als „Recht“ statt als „Berufung“ angesehen. Dadurch rückt der Mensch aber sich selbst ins Zentrum – und das Christentum wird zu seinem Gegenteil. Foto: imago stock&people (imago stock&people)

Vor knapp 100 Jahren sprach Romano Guardini von einem Erwachen der Kirche in den Seelen („Vom Sinn der Kirche“). Damit beschrieb er eine Haltung, wonach sich der einzelne Christ als Teil einer größeren Glaubensgemeinschaft verstand, durch welche die Begegnung mit dem lebendigen Gott möglich wird. Dies führte keineswegs zur Aufgabe der individuellen Freiheit, wohl aber wurde die Kirche als Garant für die Wahrheit verstanden, die zur wahren Freiheit führt.

Ein derartiges Verständnis von Kirche fand Eingang in das Zweite Vatikanische Konzil. Bereits die erste Nummer der dogmatischen Konstitution über die Kirche „Lumen gentium“ unterstreicht, das Christus das Licht der Völker ist und die Aufgabe der Kirche darin besteht, mit Seinem Licht, das „auf dem Antlitz der Kirche widerscheint“, alle Menschen zu erleuchten. Damit wurde ein Weg vorgegeben, der auf der Grundlage eines sakramentalen Verständnisses der Kirche beruht.
In den Jahren nach dem Konzil und unter dem Einfluss einer „vom Menschen her gedachten Theologie“, wurde vor allem in Ländern deutscher Sprache eine mehr und mehr anthropologische Sicht des Glaubens forciert. Nicht mehr die Offenbarung, wie sie von der Kirche autoritativ dargelegt wird, stand im Mittelpunkt, sondern zunehmend trat der Mensch mit seinen Wünschen, Vorstellungen und Lebenswirklichkeiten ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

"Es kam zur Selbstermächtigung des Subjekts.
Der einzelne Gläubige ist nun die maßgebliche Instanz,
die entscheidet, was geglaubt werden soll und was nicht."

In dem Maß, in dem diese Anthropozentrik zunahm, traten der Glaube und dieSakramentalität der Kirche zurück. Damit wurde die in der Tradition bezeugte und vom Zweiten Vatikanischen Konzil geforderte Ordnung umgekehrt: Es kam zur Selbstermächtigung des Subjekts. Der einzelne Gläubige ist nun die maßgebliche Instanz, die entscheidet, was geglaubt werden soll und was nicht. Sehr vereinfacht lässt sich dies beispielsweise in die Formel gießen: „Himmel Ja, Hölle Nein.“ In der Folge verloren Offenbarung, Schrift und Tradition ihre normative Kraft, sie wurden ersetzt durch Wünsche und Vorstellungen, die nicht selten zur neuen Norm wurden.

Diese Entwicklung führt zu einer neuen Form von „Gnosis“. Man geht nicht mehr von der geoffenbarten Wahrheit als Richtschnur des christlichen Glauben aus, sondern ersetzt diese durch eine Erkenntnis, die nicht selten auf rein menschlichen Gegebenheiten basiert. Schon die Kirchenväter sind mit Entschiedenheit dieser Ersetzung der Wirklichkeit durch eigene Konstrukte entgegengetreten, zumal das Johannesevangelium ins Gedächtnis ruft: Das „wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht“ (Joh 1,9–10). Das wahre Licht ist nicht das einzelne Subjekt und seine innere „Erkenntnis“, sondern die göttliche Wahrheit, die sich in Jesus Christus geoffenbart hat.

Durch den Individualismus, Relativismus und Anthropozentrismus erlebt die Gnosis eine Renaissance. Einzelne oder Interessensgruppen wollen bestimmen, was wahr ist oder zukünftig gelten soll. Wenn Wahrheit nicht in der Offenbarung gründet, sondern das Ergebnis eines Abstimmungs- oder Findungsprozesses ist, wird jedes Dogma, jedes Sakrament und jedes Amt zu einer Funktion der Selbstermächtigung des Subjekts. Viele Mitglieder des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken und des sogenannten Synodalen Weges lassen sich von diesen – dem Offenbarungsglauben diametral entgegengesetzten – Prinzipien leiten. Damit wird die Ordnung umgekehrt und schließlich bestimmt eine sich selbst autorisierende „Elite“, was wahr ist, wobei selbst die als unfehlbar erklärten Aussagen des Lehramtes zur Debatte stehen.

Gnosis erlebt eine Renaissance

Dieser Logik liegt, wie das Schreiben der Glaubenskongregation „Placuit Deo“ von 2018 feststellt, ein fundamentaler Irrtum zugrunde. Denn ein derartiger Neu-Gnostizismus entstellt das Bekenntnis des biblischen Glaubens an Christus (vgl. Nr. 4) und führt letztlich in die Häresie der Selbsterlösungslehre. Wird das Heil „von den Kräften des Einzelnen oder von rein menschlichen Strukturen erwartet“ (Nr. 3), dann wird das Wesen des Christentums in sein Gegenteil verkehrt.

Diese mit der Geschlechtergerechtigkeit begründete Forderung nach einem „Recht auf die Priesterweihe“ ist eine neue Version des „Klerikalismus“, denn dieser ist die Ersetzung des Handelns Christi durch das eigene. Statt das Priestertum als Berufung zu verstehen, wird vom Recht auf die Weihe gesprochen, das Entscheidende wird nicht von Christus erwartet, vielmehr setzt man auf die eigene Vorzüglichkeit und auf menschliche Fähigkeiten. Doch der christliche Glaube beruht nicht auf gnostischen Prinzipien, sondern auf Offenbarung und Gnade. Ihm entspricht nicht die Haltung des Selbermachens, sondern des Empfangens. Eine derartige Haltung scheint vielen in der Kirche fremd geworden zu sein.

Maßstab der Kirche ist Jesus Christus

Wenn deutsche Bischöfe beispielsweise erklären, Jesus sei nicht Mann, sondern Mensch geworden, vergessen sie, dass die Inkarnation des göttlichen Logos sich einschreibt in die Schöpfung, die ganz wesentlich bestimmt ist von der Geschlechterdifferenz. So wenig es gleichgültig ist, dass Jesus Jude war, so wenig gleichgültig ist die Männlichkeit seiner menschlichen Natur. Die Anerkennung dieser Grundstruktur des Christlichen führt zu der notwendigen Schlussfolgerung, dass nur diejenigen Jesus Christus im Vollsinn des Wortes re-präsentieren können, die Männer sind.

Die Rede vom Recht auf Weihe wäre allerdings nicht nur von Seiten der Frauen, sondern auch von Seiten der Männer verfehlt. Die Erwählung zum Priestertum ist, wie gesagt, eine Gnade, ein freies Geschenk Gottes, das zu empfangen nur demjenigen zusteht, der dazu von Gott auserwählt und berufen wird. Denn die Kirche empfängt sich immer neu von Christus her; und sie ist in dem Maße Kirche Christi, in dem sie in Christus bleibt. Denn er allein ist der Weg, die Wahrheit und das Leben (vgl. Joh 14,6).

Ralph Weimann ist Dozent für Theologie und Bioethik.

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