Wien

„Gastfreundschaft ist das Schlüsselwort!“

Ein Gespräch mit Otto Neubauer, Leiter der Akademie für Dialog und Evangelisierung, Wien, über Stadt, Mission und Seelsorge.

Otto Neubauer, Theologe, Pädagoge und Buchautor
Otto Neubauer, Leiter der Akademie für Dialog und Evangelisation in Wien, ist Theologe, Pädagoge und Buchautor.

Herr Neubauer, die Kirche steckt in einer tiefgreifenden Krise. Die Kirchenaustritte sind in Deutschland auf einem Rekordhoch. Papst Franziskus ist besorgt und ruft die deutschen Bischöfe auf, sich dem Thema Evangelisierung zuzuwenden. Welche Impulse ziehen Sie aus dem Aufruf des Papstes?

Es geht ganz klar darum, dass wir uns aus unseren festgefahrenen und geschlossenen Systemen herausbewegen. Es braucht ein neues freudiges Zeugnis mitten in säkularer Gesellschaft. Mit gegenseitigen Verwerfungen auf hoher gremialer Ebene werden wir uns sicher nicht retten können. Kirchliche Strukturprozesse sind heute ein Muss, aber der entscheidende Lernprozess passiert zuerst gemäß dem Beispiel Jesu ganz „unten“,in der unmittelbaren Begegnung von Angesicht zu Angesicht – beim Nachbarn, auf der Straße, beim Friseur, in den Gefängnissen usw., also mitten im Volk. Vermutlich ist diese herausfordernde Schule des herzhaften Sich-Einlassens auf eine nicht-kirchliche Welt das, was heute nicht nur in synodale Prozesse einfließen muss. Gleichzeitig ruft der Papst auch die deutsche Kirche eindringlich auf, dass wir dabei voll auf den Heiligen Geist setzen! Das ist keine naive oder abgehobene Spiritualisierung, sondern verhilft uns tatsächlich, „demütiger“, „zärtlicher“ und „leidenschaftlicher“ in einen Dialog mit anderen zu treten. Dort, wo sich die Evangelisierung auf die „Fernsten“ und „Ärmsten“ ausrichtet, geschieht echte Erneuerung und Trendumkehr in der Kirche.

Sie leiten die Akademie für Dialog und Evangelisation in Wien. Mit der Gemeinschaft Emmanuel haben Sie Erfahrung mit der Stadtmission gewonnen. Was bedeutet für Sie Evangelisation in der Großstadt – in einem weitgehend säkularen Umfeld?

Zuerst ist von Bedeutung, dass uns die Menschen dieser Stadt zu Herzen gehen! Für uns beginnt alles in der täglichen Anbetung und dem Eintreten, dem fürbittenden Gebet für konkrete Menschen dieser Welt. Das verändert unseren Blick, er wird spürbar gütiger und schenkt Sehnsucht nach dem direkten Kontakt. Dann braucht es viele Formen der Begegnung und des Miteinanderunterwegsseins: unterschiedliche Formate von Dialog-Veranstaltungen, unzählige Abendessen, Projekte gemeinsamer Interessen, gemeinsame Bildungsprogramme, offene Gebetsabende und vieles mehr. Insgesamt ist zweierlei entscheidend: Nach innen der Aufbau von „Jüngerschaft“ in den Gemeinden und Bewegungen, also Missionsschulungen, kleine christliche Gemeinschaften usw. Nach außen das Initiieren von missionarischen Projekten und weit offenen Weggemeinschaften mitten im säkularen Kontext.

Aber ziehen diese Initiativen nicht nur ohnedies praktizierende Katholiken an? Handelt es sich nicht um eine Flucht aus den grauen Niederungen des pfarrlichen Alltags?

Gott sei Dank dürfen wir bis zu 70, 80 Prozent Menschen aus nichtkirchlich sozialisiertem Umfeld bei unseren missionarischen Veranstaltungen und Dialog-Kursen empfangen. Aber Sie haben insofern recht, dass dies im allgemein kirchlichen Umfeld eher eine Seltenheit ist. Wir bauen seit vielen Jahren länger dauernde Werkstätten, Kurse und Weggemeinschaften mit vielen Nichtchristen bzw. Suchenden auf. Erst durch echte Beziehungen „nach außen“ wächst Mission – und da erfährt man dann, wie tief die eigene „Niederung“ ist. Das heißt, wie erbarmungswürdig wir selbst sind, nicht nur die anderen. Und das schafft auf faszinierende Weise Gemeinschaft, eine Art solidarische Karawane, die sich in eine heilige Wallfahrt verwandeln kann. Immer wieder dürfen wir dabei erleben, wie z. B. Agnostiker nach Jahren in eine Freundschaft mit Christus hineinwachsen.

„Ja, es braucht gegenseitige Wertschätzung“

Das Verhältnis der neuen Bewegungen und der Pfarreiseelsorge läuft nicht immer spannungsfrei ab. Welche Impulse setzen die neuen Bewegungen? Worauf müssen geistliche Bewegungen achten, wenn sie auf die volkskirchliche Struktur treffen? Ist hier eine neue Kultur gegenseitiger Wertschätzung manchmal anzumahnen?

In der Tat tun Mahnungen gut, sollten

wir beispielsweise in den Bewegungen und Gemeinschaften ins Elitäre abrutschen. Das wäre eine große Gefahr. Erst kürzlich hat Papst Franziskus energisch aufgefordert, eine viel breitere Mission mit dem sogenannten „Volk“ vor Ort zu leben. Es geht um ein „Sowohl - als auch“!

Es bedarf sowohl der „Erdung“ durch die vielfältige Wirklichkeit der vielen, die in einer Pfarrei wohnen – nicht nur der Kirchgänger! Als auch der geistlichen Quellen, die oft verstärkt durch Bewegungen freigelegt werden können. Oder weil sie Zielgruppen ansprechen, die eine Pfarrei oft nicht mehr erreicht. Ja, es braucht gegenseitige Wertschätzung, die allerdings nur im gegenseitigen aufrichtigen Dienst zum Leuchten kommt. Das heißt: wir brauchen einander! Niemand hat alles.

Wenn wir von der Erneuerung der Gemeindepastoral sprechen: Ist es wirklich möglich, im durchschnittlichen Pfarreialltag missionarische Initiative zu entfachen?

Basierend auf einem Lernprozess von über 25 Jahren mit Pfarrgemeinden vor Ort haben wir ein Begleitungs- und Schulungs-Modell „Mission Possible“ für die Gemeinden entwickelt, das auf ihren je eigenen Stärken und Charismen aufbaut. Wir gehen davon aus, dass der Geist Gottes Frauen und Männer in den lokalen Pfarrgemeinden bewegt und neue Wege der Glaubensweitergabe zeigt. Mit der Frage „Wo würde Jesus heute hingehen?“ entdecken Gemeinden aus sich heraus eine missionarische Perspektive und bekommen so den Mut, die schützenden Kirchenmauern zu verlassen und konkrete Initiativen zu setzen. Die Basis wird gelegt mit dem Aufbau von kleinen Weggemeinschaften in der Kerngemeinde, die einerseits lernen, sich gegenseitig im Glauben stärken und in der Freundschaft zu Jesus Christus zu wachsen. Andererseits erwachsen aus dem Miteinander-Unterwegs-Sein Ideen, für andere Menschen da zu sein und den persönlichen Glauben zeugnishaft mit anderen zu teilen.

„Wesentlich ist, in einen wahren Dialog einzutreten“

Der Papst mahnt immer wieder an, die Selbstreferentialität in der Kirche zu überwinden. Wie erreicht man heute Menschen in ihren Lebenswelten? Wie muss sich Seelsorge verändern?

Wenn ich wirklich bereit bin, die Menschen in einer gänzlich säkularen Lebenswelt zu erreichen, muss ich sie auch in ihren Lebensorten treffen wollen. Wie viele Begegnungen haben wir in ihren Wohnzimmern gemacht! Aber auch in den Bars, Kaffeehäusern, Gasthäuser, Geschäften, Kulturstätten, Weinkellern, Banken, Unis usw. Wesentlich ist, in einen wahren Dialog einzutreten, indem wir an den tatsächlichen Fragen interessiert ist und an den Nöten und Freuden unserer Gesprächspartner Anteil nehmen. Vorurteilslos! Wie Benedikt XVI. es sagte: Wir müssen Orte echten Austauschens im „Vorhof“ der Völker schaffen, wo Gemeinschaft entstehen kann. Wir hören doppelt so viel zu – weil wir zwei Ohren und nur einen Mund haben – und erzählen auch, was uns bewegt, was mir persönlich der Glaube geschenkt hat. Das Interesse am Glauben ist oft weit größer als wir meinen. Schließlich lassen wir uns auch einladen. Oder wir laden die Menschen zu uns nach Hause ein. Für meine Frau und mich ist es seit Jahren eine Riesenfreude, jeden Monat an einem Dienstagabend gut ein Dutzend Nichtkirchgänger zu einem „Dinner@eight“ zu uns in die Wohnung einzuladen. Mit Abendessen und anschließendem Austausch über das Sonntagsevangelium und freiem Gebet. Die Offenheit und Intensität dieser Begegnungen bekehren uns jedes Mal.

Im deutschen Sprachraum sind vor allem geistliche Bewegungen aus den romanischen Ländern zu finden. Größere Impulse aus dem deutschsprachigen Raum sind relativ selten zu finden, aber es gibt sie. Welche Rolle spielt für Sie der Aspekt „Inkulturation“?

Damit treffen Sie einen sehr sensiblen Punkt. Erfolgreiche Modelle aus anderen Kulturkreisen können Orientierung für eine Neuausrichtung geben. Sie können aber nicht einfach kopiert werden. Evangelisierung muss immer davon ausgehen, was Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der konkreten Menschen in einer konkreten Kultur sind. Gott spricht immer in eine konkrete Welt hinein. Oft ist die soziokulturelle Ausformung eine ganz andere. Die deutschsprachige Kirche ist um so vieles pluraler und gleichzeitig enger mit gesellschaftlichen wie staatlichen Einrichtungen vernetzt als sich das beispielsweise die französische Kirche überhaupt vorstellen kann. Diese vollkommen anderen Parameter für pastoral missionarische Prozesse gilt es ernst zu nehmen. Deswegen ist aktueller Kirchen-Aufbau immer auch eine vollkommen neue Kultur-Werdung. Das braucht Zeit – und Raum, vor allem für die jungen Menschen!

Welchen Habitus würden Sie sich von der Kirche wünschen, mit dem sie in der Stadtgesellschaft auftritt, um die Frohe Botschaft zu verkünden?

Wir machen die Erfahrung, dass wir gerade in der Großstadt auf viele Menschen treffen, die kirchlich gar nicht mehr sozialisiert sind. Darunter gibt es so viele Menschen guten Willens, die sich für andere einsetzen. Hier stoßen wir oft auf eine große, vorurteilsfreie Offenheit, auch in Bezug auf die christliche Botschaft. Was aber vielen fehlt, ist ein wirkliches Zuhause, ein Ort, an dem man sich ganz angenommen und nicht verurteilt weiß. Das Schlüsselwort ist Gastfreundschaft. Hier liegt meiner Meinung nach eine große Chance für die Kirche. Wenn sie bereit ist, den Menschen in einer Haltung des Dialogs, nicht des Urteilens, der Lernbereitschaft, nicht des Besserwissens, des Annehmens, nicht des Ausgrenzens zu begegnen. In dieser Haltung bricht sich auch die Botschaft der Erlösung, die Botschaft der unendlichen Liebe Gottes ihre Bahn. Deswegen scheinen mir zwei bevorzugte Orte heute geradezu essenziell zu sein: zum einen braucht es Orte konkreten Mitleidens, der Barmherzigkeit und zum anderen Orte der Anbetung, des Lobpreises. Damit die Menschen in der extrem individualisierten Welt einer Großstadt Heimat finden können und Vergebung erfahren – bei Gott, und damit auch sehr konkret bei uns.


Otto Neubauer leitete für die Gemeinschaft Emmanuel die Internationale Akademie für Evangelisation. Heute ist er Leiter der Akademie für Dialog und Evangelisation in Wien.

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