Würzburg

Familie, Herz der Evangelisierung

Ohne Familie geht nichts. Die Corona-Pandemie belegt es. Die Eltern müssen die Hauptlast tragen. Sie müssen arbeiten, lehren, betreuen, erziehen, alles zusammen. Und sie müssen auch ein Ehe- und Familienleben führen, in der die Liebe gelebt werden kann und in der sie Zeugnis geben von der Liebe Christi.

Familie mit Opferlichtern
Der Glaube an die Macht des Gebets kann die Welt verändern. Und in der Familie fängt das Gebetstraining im Idealfall an. Foto: Harald Oppitz (KNA)

Ohne Familie geht nichts. Die Corona-Pandemie belegt es. Die Eltern müssen die Hauptlast tragen. Sie müssen arbeiten, lehren, betreuen, erziehen, alles zusammen. Und sie müssen auch ein Ehe- und Familienleben führen, in der die Liebe gelebt werden kann und in der sie Zeugnis geben von der Liebe Christi. 

Auch die notwendige Kirchenreform geht nicht ohne Ehe und Familie, schon gar nicht, wenn es, wie es Papst Franziskus in seinem Brief an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland vom 29. Juni 2019 angesichts des Synodalen Wegs schreibt, um Evangelisierung geht. Evangelisierung müsse, so betont der Papst, „unser Leitkriterium schlechthin sein“; denn „Evangelisieren bildet die eigentliche und wesentliche Sendung der Kirche“ (Franziskus, Brief 6).

Bewusstes Leben aus dem Glauben

Bereits das Zweite Vatikanische Konzil hatte die grundlegende Bedeutung der Familie für Kirche und Welt unterstrichen. Nicht von ungefähr bezeichnet das Konzil die Familie als eine Art „Hauskirche“(LG 11); was bedeutet, dass sich in jeder christlichen Familie die verschiedenen Aspekte der Gesamtkirche wiederfinden müsse. Wie die Kirche so sei auch die Familie ein Raum, in dem das Evangelium ins Leben übersetzt werde, ein Raum also, in dem das Evangelium aufleuchte.

In seinem Apostolischen Schreiben Evangelii nuntiandi greift Papst Paul VI. diesen Gedanken auf und verbindet ihn mit der Frage nach dem Apostolat des Laien. „Beim Apostolat der Laien muss unbedingt auch das evangelisierende Wirken der Familie genannt werden“ (Evangelii nuntiandi 71). Dabei versteht er dieses evangelisierende Wirken der Familie nicht als eine zusätzliche Aufgabe, die den Familien von außen angehängt werde, sondern als bewusstes Wahrnehmen ihrer ursprünglichen Sendung, nämlich aus dem Glauben heraus, das Leben zu leben und gerade so das Evangelium weiterzutragen. 

„Im Schoß einer Familie, die sich dieser Sendung bewusst ist, verkünden alle Familienmitglieder das Evangelium, und es wird ihnen verkündet. Die Eltern vermitteln nicht nur ihren Kindern das Evangelium, sie können dieses gleiche Evangelium auch von ihnen empfangen, und zwar als tief gelebtes Evangelium. Eine solche Familie wirkt auch verkündigend auf zahlreiche weitere Familien und das Milieu, zu dem sie gehört“ (ebenda). 

Im Jahr der Familie 1994 hat Papst Johannes Paul II. diesen Aspekt der Evangelisierung besonders unterstrichen. In seinem berühmten Brief an die Familie betonte er, dass der Weg der Kirche über die Familie gehe. Ja, die Familie sei „der erste Weg der Kirche“ (Brief 14). Er konkretisierte damit ausdrücklich das, was er in seiner pro-grammatischen Enzyklika Redemptor hominis im Rekurs auf das Zweite Vatikanische Konzil ausgeführt hatte.

"In der Kirche in Deutschland finden diese zentralen Aussagen des Konzils
und die Erneuerungsbemühungen der letzten drei, vier Päpste
gerade auch im Blick auf Deutschland zu wenig Resonanz.
Sie konzentriert sich zu sehr auf sich selbst und
verliert das Gesamte und Wesentliche aus den Augen:
die Heiligung des Menschen. "

Dort sprach er noch recht allgemein vom Menschen als dem Weg der Kirche. Diese nehme schließlich „an den Freuden und Hoffnungen, an der Trauer und an den Ängsten“ der Menschen teil, weil sie davon überzeugt sei, dass „Christus selbst sie in alle diese Wege eingeweiht“ habe: „Er hat den Menschen der Kirche anvertraut. Er hat ihn ihr anvertraut als Weg ihrer Sendung und ihres Dienstes.“ Aber es sei völlig klar, dass unter all diesen zahlreichen Wegen „die Familie der erste und der wichtigste“ sei. „Ein gemeinsamer Weg und doch ein eigener, einzigartiger und un-wiederholbarer Weg, so wie jeder Mensch unwiederholbar ist; ein Weg, von dem kein Mensch sich lossagen kann.“ (Brief 1-2).

In der Kirche in Deutschland finden diese zentralen Aussagen des Konzils und die Erneuerungsbemühungen der letzten drei, vier Päpste gerade auch im Blick auf Deutschland zu wenig Resonanz. Sie konzentriert sich zu sehr auf sich selbst und verliert das Gesamte und Wesentliche aus den Augen: die Heiligung des Menschen. 

Der antirömische Affekt, historisch von weither begründet, muss endlich auch in Deutschland überwunden werden. Jedenfalls darf er auf dem Synodalen Weg nicht noch mehr an Fahrt gewinnen. „Nie wird sich deshalb ein Heiliger mit dem abfin-den, was sich heute als müder, resignierter oder trotzig sich partikularsierender 'theologischer Pluralismus' ausgibt. Pluralismus im strengen Sinn – als Lehre von Standpunkten innerhalb der einen katholischen Kirche, die untereinander von keinem menschlich einsichtigen Punkt aus mehr in Harmonie zu bringen sind – ist Provinzialismus und damit Leugnung der Katholizität“ (H. U. von Balthasar, Antirö-mischer Effekt, S. 40).

Weitergabe des Glaubens ist Mitteilung des Geistes

Auf dem Synodalen Weg muss deutlicher von der Sendung der Kirche, der Evangelisierung, und der Bedeutung der christlichen Ehe und Familie als der Ecclesiola, der Hauskirche, ausgegangen werden. Sie ist das Herz der Evangelisierung. Die Weitergabe des Glaubens ist, streng theologisch gesprochen, die Mitteilung des Heiligen Geistes. Der Heilige Geist aber ist die Liebe zwischen Vater und Sohn. Die Trinität selbst ist communio personarum, Familie Gottes, weswegen analog auch die Kirche selbst sich auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil zunehmend als familia Dei verstand (vgl. F. Bechina 1998). 

Die „Hauskirche“ lebt aus dem Ehesakrament und faltet sich in der Familie aus. Gerade die Sakramentalität der Ehe darf nicht unterbelichtet oder gar ausgeblendet, sie muss vielmehr gestärkt und nachdrücklich in Erinnerung gerufen werden. 

Die Lehre von der Sakramentalität war es schließlich, die nachweislich „die romantische Liebe“, die gegenseitige Zuneigung der Partner als Grundvoraussetzung für die Ehe förderte und gerade so mithalf, dass sich dieses Ehemodell weltweit, selbst in un- und antichristlichen Gesellschaftsformationen durchsetzte und so zum globalen Erfolgsmodell avancierte. Sogar „religiös Unmusikalische“ wie Peter Sloterdijk konstatieren, dass durch die Sakramentalität der Ehe zwischen Mann und Frau „ein neuartiges asexuelles oder übersexuelles Band gestiftet“ werde, „das dem Mann auch in der Ehe eine bis dahin unbekannte Zurückhaltung auferlegt, indes sich für die Frau aufgrund ihrer Sonderbeziehung zum göttlichen Pol neue Freiheitsgrade auftun“ (P. Sloterdijk, Nach Gott, 2017). 

Familie ist Kirche im Kleinen

Die Ehe „ist Zeichen und Ort des Liebesbundes zwischen Gott und dem Menschen, zwischen Jesus Christus und seiner Braut, der Kirche“, wie in Familiaris Consortio betont wird (FC 51). So konnte Johannes Paul II. am 26.9.1980 bei der Eröffnung der Römischen Bischofssynode sagen: „Die Kirche räumt deshalb der Ehe und Familie innerhalb ihrer Aufgaben nicht nur eine Sonderstellung ein, sie sieht im Ehesakrament in gewisser Weise auch ihr Modell.“  

Gegenüber konkreten Familien konnte Johannes Paul II. noch deutlicher werden. So sagte er zu Familien aus der Fokular-Bewegung: „Mit eurem ganzen Leben, durch das Zusammenleben, durch euren Lebensstil baut ihr die Kirche an ihrer kleinsten und zugleich grundlegenden Dimension auf: die Ecclesia, Kirche im Kleinen! Denn auch die kleine Hauskirche ist ausdrücklich von Gott gewollt und sie wird von Christus und auf Christus gegründet: ihr wesentlicher Auftrag ist die Verkündigung des Evangeliums und die Vermittlung des ewigen Heils für ihre Glieder, und sie besitzt als innere Kraft das Licht und die Gnade des Heiligen Geistes. Seid also die Kirche! Baut die Kirche auf! Ja, wie sehr hängt dieses heilige Bauen von euch ab!“ (Rom 3.5.1981).

Was hier gesagt wird, fasst Johannes Paul II. in Familiaris consortio zusammen, bringt es auf den Punkt und macht es zugleich zur Verpflichtung für die gesamte Kirche: Familie ist „ein lebendiges Bild und eine Vergegenwärtigung des Geheimnisses der Kirche in der Zeit“ (FC 49). Entsprechend groß ist die Sendung der Familie: „Die Zukunft des Menschen auf der Erde hängt von der Familie ab; der göttliche Heilsplan und die Heilsgeschichte gehen über die menschliche Familie“ (Johannes Paul II. in Sameiro, Portugal, am 15.5.1987). In FC 52 wiederholt der Papst noch einmal, was die Sy-node 1980 betont und er in Puebla schon formuliert hatte: „Die Evangelisierung wird in Zukunft zu einem großen Teil von der Hauskirche abhängen“, weil in den oft negativen Milieus heute „die sogenannte Hauskirche der einzige Ort bleibt, an dem Kinder und Jugendliche eine echte Glaubensunterweisung erhalten können.“

 

 

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