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Eucharistie verlangt Umkehr

Die Evangelien und die paulinischen Briefe unterscheiden die Sündermähler klar von der Eucharistie.
Gleichnis vom verlorenen Sohn,  Cornelis Massijs, (1538)
Foto: Imago Images | Die voraussetzungslose Zuwendung des Vaters zu den Sündern zeigt sich im Gleichnis vom verlorenen Sohn. (Cornelis Massijs, 1538)

Mähler spielen im Wirken Jesu eine bedeutsame Rolle. Häufig zeigen uns die Evangelien Jesus als Gast zu Tisch liegend (Markus 2,15-17; 14,3-9; Lukas 7,36-50; Johannes 2,1-12; 12,1-11). Auch in den Ostererzählungen finden wir Mahlszenen (Lukas 24,28-32.36-43; Johannes 21,9-14; vgl. auch Apostelgeschichte 10,41). Oft handeln die Gleichnisse Jesu von Mählern (Matthäus 22,1-14; Lukas 16,19-21; 17,7-10). Die Gegner Jesu werfen ihm vor, ein „Fresser und Säufer“ (Matthäus 11,19; Lukas 7,34) zu sein. Und auch das letzte Zusammensein Jesu mit seinen Jüngern vor seinem Tod war ein Mahl, das letzte Abendmahl (Markus 14,12-25; Matthäus 26,17-29; Lukas 22,7-23; 1 Korinther 11,23-25).

"Vor dem jüdischen Hintergrund
ist die Mahlgemeinschaft Jesu
mit Zöllnern und Sündern eine Provokation"

Das Mahl ist bereits im Judentum ein Bild für die künftige vollendete Gottesherrschaft. Man stellt sich den Himmel als ein großes Festmahl vor. Im Alltag hat das Mahl immer auch eine religiöse Bedeutung. Man nimmt es ein in Dankbarkeit Gott gegenüber und man wählt seine Tischgemeinschaft so aus, dass die Reinheit gewahrt bleibt.

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Vor diesem jüdischen Hintergrund ist die Mahlgemeinschaft Jesu mit Zöllnern und Sündern eine Provokation. Heute wird oft das letzte Abendmahl mit den Sündermählern auf eine Stufe gestellt. Der „Ökumenische Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologen (ÖAK)“ stellt in einem Positionspapier von 2019 fest, dass sich die Mähler Jesu gerade durch ihre Offenheit auszeichneten. Deshalb müsse es auch heute eine gegenseitige Zulassung zur Eucharistie bzw. zum Abendmahl unter den Konfessionen geben.

Einige – auch katholische – Neutestamentler behaupten, in jeder Eucharistiefeier sei Jesus als derjenige gegenwärtig, der mit Sündern gespeist habe. So seien nach dem Vorbild Jesu auch Menschen zum Eucharistieempfang zuzulassen, die in Bezug auf ihren Glauben oder ihre Lebensführung offen im Widerspruch zur Lehre der Kirche stünden, ja sogar Menschen, die nicht zur katholischen Kirche gehörten oder nicht einmal getauft seien.

Allerdings ist zwischen den Sündermählern Jesu und dem letzten Abendmahl klar zu unterscheiden, wie schon die Evangelisten deutlich machen und wie erst recht die frühe nachösterliche Eucharistie-Praxis in den Gemeinden zeigt.

"Sind nach dem Vorbild Jesu alle Menschen
zur Eucharistie zuzulassen, auch wenn sie offen
im Widerspruch zur Lehre der Kirche leben?"

Was wollte Jesus damit zum Ausdruck bringen, dass er bewusst die Tischgemeinschaft mit Sündern sucht? Diese Zeichenhandlung gehört in den Rahmen der Vergebungsbotschaft Jesu. Indem Jesus demonstrativ mit Sündern isst, zeigt er, dass er die Sünder für rein ansieht, da ihnen Gott bereits vergeben hat. Es ist der Kern der Reich-Gottes-Botschaft Jesu, dass Gott sich den Menschen zuwendet. Dadurch werden Kranke geheilt, aus Besessenen fahren die Dämonen aus und das jüdische Gesetz, z. B. das Sabbatgebot, wird neu interpretiert. Wenn aber derjenige, dem vergeben wurde, nicht umkehrt, muss er das Gericht Gottes fürchten. So kündigt Jesus den Städten das Gericht an, die auf seine Verkündigung nicht reagieren: „Weh dir, Chorazin! Weh dir, Betsaida! Denn wenn in Tyrus und Sidon die Machttaten geschehen wären, die bei euch geschehen sind – längst schon wären sie in Sack und Asche umgekehrt. Doch Tyrus und Sidon wird es beim Gericht erträglicher ergehen als euch“ (Lukas 10,13f). Es gibt also nach der Verkündigung Jesu sehr wohl die Möglichkeit des Heilsverlustes. Dies wird heute gerne unterschlagen zugunsten der Behauptung der grenzenlosen Liebe Gottes, die alle annimmt.

Die voraussetzungslose Zuwendung zu den Sündern zeigt sich nicht nur im Mahl Jesu mit Sündern, sondern auch in seinen Gleichnissen, z. B. im Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lukas 15,11-32). Hier nimmt der Vater seinen Sohn an, bevor dieser sein Schuldbekenntnis spricht.

Heute erfahren wir diese voraussetzungslose Zuwendung Gottes in der Taufe. Unser Leben als Christen soll unsere Antwort darauf sein. Es soll geprägt sein von der Umkehr und von der Hinwendung zu Gott. Die Taufgnade gibt uns die Kraft dazu. Durch das Bußsakrament wird es uns immer wieder ermöglicht, auf den rechten Weg zurückzufinden, wenn wir trotz der empfangenen Gnade vom Weg des Glaubens und der Gebote Gottes abgewichen sind.

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Das letzte Abendmahl hat im Rahmen der Verkündigung Jesu eine andere Bedeutung. Es steht zwar in der Kontinuität der besonderen Mahlsymbolik im Wirken Jesu. Es ist auch ein Zeichen für die Nähe der Gottesherrschaft. Aber es ist nicht ein Mahl mit Sündern, sondern mit den Jüngern. Den Evangelien nach waren es die Zwölf. Im Unterschied zu den Sündermählern geht es beim letzten Mahl um die Deutung des Todes Jesu und die Ausrichtung auf die Vollendung der Gottesherrschaft.

Der Tod Jesu wird gedeutet als ein Tod für die Menschen: „Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird“ (Lukas 22,20). Jesus blickt angesichts seines bevorstehenden Todes voll Zuversicht voraus auf seinen Eingang ins Reich Gottes: „Ich werde nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken bis zu dem Tag, an dem ich von Neuem davon trinke im Reich Gottes“ (Markus 14,25).
Zwar erweisen sich die beim Mahl anwesenden Jünger angesichts des Leidens Jesu auch als Sünder. Petrus verleugnet Jesus, Judas verrät ihn und alle Jünger fliehen bei der Gefangennahme Jesu (Markus 14,50).

Es geht aber gerade nicht um die Sünder wie in den oben beschriebenen Mählern, die erst noch die Hinwendung zu Gott aktiv betreiben müssen als Antwort auf die erfahrene Vergebung. Vielmehr symbolisieren die Zwölf Gefährdungen des Jünger-seins nach der Berufung.

"Die Eucharistie setzt Taufe und Einheit
im Glauben im Glauben vor. Die Teilhabe
an der Eucharistie festigt diese Einheit"

In Anknüpfung an das letzte Mahl Jesu hat auch die frühe Kirche die Eucharistie als ein Mahl allein derjenigen verstanden, die in der Gemeinschaft der Kirche stehen. Es richtet sich sogar ein besonderer Anspruch an die Teilnehmer des sakramentalen Mahles.

In Korinth spricht Paulus der Eucharistie den Charakter eines „Herrenmahles“ ab (1 Korinther 11,20), weil es im Kontext der Eucharistiefeier ein rücksichtsloses Verhalten der bessergestellten Gemeindemitglieder gegenüber den sozial niedriger gestellten gibt: „Jeder nimmt beim Essen sein eigenes Mahl vorweg und dann hungert der eine, während der andere betrunken ist. [...] Wollt ihr jene demütigen, die nichts haben?“ (1 Korinther 11,21f). Nach 1 Korinther 10,16f verbindet die Eucharistie mit Christus und schließt sie zugleich die Gemeinde enger zusammen: „Ein Brot ist es. Darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot.“ (1 Korinter 10,17).

Taufe und Einheit im Glauben werden hier vorausgesetzt. Die gemeinsame Teilhabe an der Eucharistie festigt diese Einheit. An anderer Stelle befürwortet Paulus den Ausschluss eines Christen aus der Gemeinde, weil sein Verhalten unwürdig ist (1 Korinther 5). Auch nach den Johannesbriefen sollen von der Gemeinde alle ferngehalten werden, die in den zentralen Glaubensinhalten nicht mit der Lehre der Kirche übereinstimmen, nicht einmal grüßen soll man sie: „Wenn jemand zu euch kommt und nicht diese Lehre mitbringt, dann nehmt ihn nicht in euer Haus auf, sondern verweigert ihm den Gruß!“ (2 Johannes 10).
Ähnlich ist es auch im Johannesevangelium. Der Abschnitt innerhalb der Lebensbrotrede, der von der Eucharistie handelt (Johannes 6,51-58), ist eingebunden in Ermahnungen zu glauben: „Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nicht mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird niemals mehr dürsten. [...] Wer glaubt, hat das ewige Leben“ (Johannes 6,35.47).

Die eucharistischen Verse mit ihrer Betonung der Fleischwerdung Christi, also seiner wirklichen Menschwerdung, zeigen, dass es nicht nur ein Glaube im Sinne des Vertrauens ist, sondern dass dieser Glaube sich auf ganz konkrete Inhalte bezieht. Hier ist es der Glaube, dass Christus wirklich Mensch geworden ist, was offenbar von Gegnern bestritten wurde, die sich damit von der Eucharistie ausschließen.

Zusammenfassend kann man sagen: Schon im Neuen Testament ist die Teilnahme an der Eucharistie nicht bloß an den Glauben gebunden, dass Gott den Sünder annimmt – so heute die verbreitete protestantische Sicht, die vielfach katholischerseits unkritisch übernommen wird. Es ist vielmehr auch auf Seiten der Menschen die Umkehr verlangt und die Übereinstimmung in den Glaubensinhalten sowie eine dem christlichen Bekenntnis entsprechende Lebensführung.


Der Autor ist Lehrstuhlinhaber für Neutestamentliche Wissenschaft an der Katholischen Universität Eichstätt.

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