Synodaler Weg

Ernstfall Berufung

Unter vielen Kirchgängern Mitteleuropas macht sich die verstetigte Haltung breit, Selbsthingabe im Sinne des Evangeliums überhaupt nicht mehr in Betracht zu ziehen. Doch die Banalisierung des Christentums ist der Tod der Kirche.

Geistliches Leben
In einer berufungsfreundlichen Kirche werden Menschen zum selbstständigen geistlichen Leben geführt. Foto: imago stock&people (imago stock&people)

Berufungen können nur dort wachsen, wo das Christentum nicht banal ist. Natürlich: Gott kann jederzeit – quer zu allen Bedingungen – Wunder der Gnade wirken. Aber Wunder sind definitionsgemäß die Ausnahme und nicht die Regel. Wir sollten ihn jedenfalls nicht nötigen, die Ausnahme zur Regel zu machen.
Ein christlicher Glaube, der nicht banal ist, besitzt unbedingte Bedeutung für das Gelingen des Lebens. Mithin: Es geht darin um Heil und Unheil. Berufungen brauchen diesen Horizont. Sie sind der Ernstfall des Lebens. Denn es geht – wenn sie den jesuanischen Horizont der Nachfolge nicht unterlaufen wollen – um die Hingabe dieses Lebens. „Berufungen“ unterhalb dieses Horizonts sind, im strengen Sinne des Wortes, gemeingefährlich. Sinken sie unter dieses Niveau (oder haben es niemals erreicht), geraten sie auf die schiefe Ebene der Perversion. Corruptio optimi pessima. Nichts ist widerwärtiger. Wir haben es schmerzlich erfahren müssen.

"Wer nicht mehr erschrecken kann
über sich selbst, ist schwer gefährdet."

Dabei geht es nicht um Scheitern und Schwäche. Der berufende Gott ist auch der Gott der unbedingten Liebe, der in Scheitern und Schwäche Wege der Gnade finden wird. Die meisten von uns werden sagen müssen, dass sie davon leben, immer wieder neu anfangen zu dürfen. Seine Barmherzigkeit schreibt auch auf krummen Linien gerade. Und von vornherein beruft er verletzte Sünder. Das Problem ist vielmehr – wie es Papst Franziskus nennt – die Korruption: eine andauernde, verstetigte Haltung der Verweigerung, das Niveau des Evangeliums überhaupt in Betracht zu ziehen. Sie ist sich ihrer selbst sicher. Sie wähnt, im Glauben zu den beati possidentes zu gehören. Dabei geht es nur noch um einen Rest von Religion. Sie hat virtuose Techniken entwickelt, den Anspruch des Evangeliums von sich fernzuhalten. Aber wer nicht mehr erschrecken kann über sich selbst, ist schwer gefährdet.

Die tödliche Lebenslüge der Kirche ist die Banalität

Könnte es sein, dass solche Korruption – solche stetige und zugleich selbstsichere Verweigerung gegenüber dem Anspruch des Evangeliums – zur durchschnittlichen Befindlichkeit vieler Kirchenmenschen Mitteleuropas geworden ist? Dann wäre das Christentum eben banal geworden. Salz ohne Salzkraft: Es wird weggeworfen und zertreten. Und zwar zu Recht. Denn – diese anthropologische These sei gewagt; sie ließe sich vielfältig stützen – wir Menschen sind in der Tiefe unserer Herzen auf der Suche nach dem Ort, wo wir unser Leben in Liebe hingeben können. Das mag vielfältig verschüttet sein. Aber in der Tiefe ist es da. Kirche hat nicht der Banalität zu dienen, sondern die Sehnsucht aus allen Verschüttungen freizukämpfen. Eine Kirche, die das Christentum banal macht, ist auch nicht bei den Menschen. Sie tut nur so. Das ist ihre letztlich tödliche Lebenslüge.

Mit der anthropologischen These, dass wir Menschen in unserer Tiefe auf der Suche nach liebender Hingabe sind, ist der eine Pol markiert, der – ernst genommen – das Christentum der Banalität entreißt. Dort, wo Kirche dieser Suche dient, dient sie auch den Bedingungen, unter denen der Ruf Christi in die Nachfolge gehört werden kann. Der andere Pol ist die Sozialgestalt der Kirche, die diesem Dienst entspricht.

Volkskirchliche Religiosität sieht Seelsorge als Betreuungsverhältnis

Versuchen wir es in knappen Thesen! In einer berufungsfreundlichen Sozialgestalt von Kirche werden nicht bloß die schwindenden Reste volkskirchlicher Religiosität verwaltet. Eine solche Kirche missversteht Seelsorge als Betreuungsverhältnis. Das Ping-Pong zwischen „Reformern“ und „Konservativen“ um die Stabilisierung volkskirchlicher Strukturen durch – grob gesagt – „Modernisierung“ oder „Restauration“ läuft am eigentlichen Problem völlig vorbei.

Denn das einst erfolgreiche Modell läuft heute – so oder so – einfach leer. Vielmehr geht es in einer berufungsfreundlichen Kirche darum, dass Menschen Subjekte ihres Glaubens werden, vulgo: dass sie zur geistlichen Selbstständigkeit, zum eigenen, selbstständigen, geistlichen Leben finden. Biblisch hat das einen Namen: Jüngerschaft. Jüngerin und Jünger zu sein heißt: zur Lerngemeinschaft Gottes gehören. So hat es vor allem Matthäus konzipiert. In dieser Lerngemeinschaft – in der es durchaus auch und selbstverständlich apostolische Vollmacht gibt – sind alle Schüler des einen Lehrers Christus. Schülerschaft gegenüber diesem einen Lehrer bedeutet Hörsamkeit gegenüber seinem ganz persönlichen Wort. Jüngerinnen und Jünger sind also unterwegs zu ihren ganz persönlichen Berufungen. In einem solchen Umfeld werden dies dann auch Ordens- und Priesterberufungen sein.

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