Welt & Kirche

Die Verschiedenheit ist ein Geschenk Gottes

„Ich dachte, der macht Witze.“ Die ewige Frage nach der Natur und dem Menschen.

Tänzer aus der Ukraine
Das Andere lockt den Menschen . Foto: Pavlo_Bagmut via www.imago-images.de (www.imago-images.de)

Die Frage nach der Natur des Menschen ist eine der immer wiederkehrenden und am schwierigsten zu begreifenden überhaupt: Obwohl sie einerseits Analogien zu der Natur anderer Geschöpfe – insbesondere zu den höheren Säugetieren – zulässt, unterscheidet sie sich andererseits von ihnen, insofern diese Natur zu einer Person und nicht zu einem einfachen Individuum einer bestimmten Spezies gehört. Kurzum: Das Tier ist Natur, der Mensch hat sie. Er kann und muss sie deshalb personalisieren. 

Erst das Christentum hat diese tiefe Wahrheit aufgedeckt: Jedes Individuum des Menschengeschlechts ist Person nach dem Bild der Personen der Dreifaltigkeit und insbesondere nach dem Bild Christi, des eingeborenen Sohnes des Vaters. 

Das Geheimnis der Person

Dr. Antonio Malo studierte Philologie und Philosophie in Saragossa, Pamplona und Rom.
Dr. Antonio Malo studierte Philologie und Philosophie in Saragossa, Pamplona und Rom.  Seit 1991 ist er Professor für ph... Foto: Malo

Das Geheimnis der Person auszudrücken, besonders das des menschgewordenen Wortes, war keine leichte Aufgabe. Davon zeugen unzählige christologische und trinitarische Kontroversen aus der Vergangenheit. Denn für den menschlichen Verstand ist es schwierig, das zu vereinbaren – und dabei zu unterscheiden, ohne aber zu trennen –, was jeder göttlichen Person eigen ist, mit dem, worin die drei miteinander kommunizieren, ihrer Göttlichkeit. 

Aber was hat das alles mit Mann und Frau zu tun? Anscheinend gar nichts. Das dachte ich auch, bis ich eines Tages mit einem Philosophen auf dem Campus einer amerikanischen Universität spazieren ging, und er zu mir sagte: „Denk nur nicht, dass Häresien der Vergangenheit angehören. Heute gibt es auch Häresien, sogar hier in den Vereinigten Staaten.“ Ich weiß nicht, was mich mehr überraschte: Dass es neue Häresien gibt, von denen ich noch nie gehört hatte, oder dass sie in einem so pragmatischen Land entstehen sollten, das nicht allzu sehr am Spekulieren interessiert ist. Also fragte ich ihn nach meinem anfänglichen Erstaunen: Von welchen Häresien redest Du? Von der Genderideologie, antwortete er. 

Ein Witz?

Ich dachte, er macht Witze: Die Gender-Frage als Häresie zu betrachten, war für mein europäisches Empfinden einfach zu heftig. Heute, Jahre später und nach eingehendem Genderstudium finde ich den Begriff Häresie, obwohl er mir immer noch übertrieben erscheint, nicht mehr so weit hergeholt. Natürlich geht es dabei nicht darum, ein Glaubensdogma zu leugnen. Aber es geht um etwas Grundsätzliches, denn es ist die Grundlage schlechthin unserer Beziehung zu Gott, insofern wir sein Bild und Gleichnis sind. In diesem Zusammenhang ist es interessant zu beobachten, dass die Gender-Theorien auch eine Gender-Theologie hervorgebracht haben, in der neben der Beziehung zwischen Mann und Frau auch die Dreifaltigkeit selbst gemäß diesen neuen Kategorien neu interpretiert wird. 

  

„Ich dachte, er macht Witze:
Die Gender-Frage als Häresie
zu betrachten, war für mein
europäisches Empfinden einfach zu heftig.“ 

  

Das Nachdenken über den Grund für diese Irrtümer führt mich zu einer einfachen Schlussfolgerung: In diesen Theorien mangelt es an einem angemessenen Verständnis der Beziehung zwischen der Person und ihrer Natur: Weil sie ein Geheimnis in Gott ist, ist sie auch ein Geheimnis in dessen Bild, der menschlichen Person. Aus diesem Grund gibt es, ähnlich wie im theologischen Bereich, auf dem anthropologischen Gebiet die Tendenz, die Spannung zwischen Natur und Person zu überwinden. Am besten wird dies an der Frage deutlich, wie der Unterschied zwischen Mann und Frau aufgefasst wird. Obwohl das Christentum der Frau immer dieselbe Würde wie dem Mann zuerkannt hat, hielt sich im gesellschaftlichen und zivilen Bereich ein falsches Verständnis der menschlichen Sexualität, das als naturalistisch bezeichnet werden könnte.

Unterschiedliche Naturen

Es besagt, dass die Naturen von Mann und Frau so unterschiedlich seien, dass sie kaum etwas gemeinsam hätten. Und da die Frau aufgrund ihrer geringeren körperlichen Kraft und ihres Übermaßes an Affektivität minderwertig erscheine, würden dem Mann alle Vorrechte in der Familie und in der Gesellschaft zugesprochen, sowohl in rechtlicher als auch in politischer Hinsicht. So wurde die Frau in die Welt des Heims, der Zeugung und der Hausarbeit zurückgedrängt. 

Vor dem Christentum war dies in den verschiedenen Kulturen – mit gewissen Schattierungen – zweifellos der allgemeine Zustand der Frauen. So ist es auch noch heute in jenen Gesellschaften, etwa dem Islam, welche die Privilegien der Männer verteidigen. Im Rest der zivilisierten Welt scheint der Naturalismus überwunden zu sein. 

  

„Wenn einzig und allein zählt,
Person zu sein, das heißt ein autonomes Individuum,
das wählen kann, was es will,
dann erscheint jede andere Kategorie einschließlich
des Geschlechts als eine unerträgliche Fessel.“ 

  

Ein Blick in die Geschichte zeigt indes, dass es nicht ausreicht, einen Irrtum zu korrigieren, um ihn endgültig zu besiegen. Es reicht also nicht zu behaupten, dass Männer und Frauen nicht einfach Individuen der Spezies homo sapiens sapiens sind. Es ist auch notwendig zu verstehen, warum ein solcher Irrtum entstanden ist. Wenn etwa die Beziehung zwischen der Person und dem Mann-Frau-Unterschied nicht richtig verstanden wird, besteht die Gefahr in der entgegengesetzten Richtung: zu behaupten, dass es keinen Unterschied zwischen ihnen gibt, da beide Personen sind. 

Gerade dies ist in der Vergangenheit geschehen, zuerst mit der 68er-Revolution, dann mit dem radikalen Feminismus und nun mit dem Queer-Feminismus. Wenn einzig und allein zählt, Person zu sein, das heißt ein autonomes Individuum, das wählen kann, was es will, dann erscheint nicht nur die angeborene Natur, sondern jede andere Kategorie einschließlich des Geschlechts als eine unerträgliche Fessel, von der man sich so schnell wie möglich befreien sollte. 

Notwendige Unterscheidung

Ukrainische Tänzer
Sinfonie der Verschiedenheit. Foto: Pavlo_Bagmut via www.imago-images.de (www.imago-images.de)

Es ist deshalb notwendig, Person und Natur zu unterscheiden, ohne sie jedoch voneinander zu trennen. Andernfalls ist es unmöglich, den Unterschied zwischen Mann und Frau und damit auch ihre Beziehungen sowohl in der Familie als auch in der bürgerlichen Gesellschaft und in der Kirche zu verstehen. Mann und Frau sind Personen mit zwei verschiedenen sexuellen Zuständen. Tatsächlich besteht der Unterschied zwischen ihnen nicht nur im körperlichen Geschlecht (in chromosomaler, hormoneller, gonadischer, zerebraler Hinsicht), sondern bezieht sich auch auf psychologische (Identifizierung mit dem eigenen und Abgrenzung vom anderen Geschlecht insbesondere durch elterliche Vorbilder) und geistliche Aspekte, etwa die Beziehung zu Gott, zu den anderen und zu sich selbst. Kurz gesagt, Mann und Frau sind zwei verschiedene Arten, als Person zu existieren. 

  

„Worin besteht die reale Unterscheidung? 
In der unterschiedlichen Art und Weise,
wie Männer und Frauen zueinander
und letztlich zum Anderen, zu Gott, in Beziehung treten.“ 

  

Mit dem Unterschied zwischen Mann und Frau aus körperlicher und psychischer Sicht beschäftigen sich viele Studien. Es mangelt hingegen an Arbeiten, die ihre Beziehungen untersuchen. Vielleicht, weil davon ausgegangen wird, dass sie nicht natürlich, sondern eine soziale Konstruktion seien.  Selbstverständlich hat – davon war schon die Rede – die Unterwerfung der Frau, ihre Einsperrung ins Haus und deren Mangel an sozialer Autonomie nichts mit der weiblichen Geschlechtsbeschaffenheit zu tun, sondern mit naturalistischen Stereotypen oder kulturellen Traditionen. Es gibt jedoch Beziehungen, die sich direkt aus dem sexuellen Zustand von Mann und Frau ableiten, etwa Sohn–Tochter, Bruder–Schwester, Ehemann–Ehefrau, Vater–Mutter. Es handelt sich dabei nicht einfach um abstrakte Beziehungsformen (Kindschaft, Geschwisterlichkeit, Ehelichkeit, Elternschaft), da die Handelnden immer unwiederholbare Personen sind, entweder Männer oder Frauen. 

Das bedeutet einerseits, dass es im sexuellen Zustand etwas gibt, das allen Männern beziehungsweise allen Frauen gemeinsam ist, wobei auch dieses Gemeinsame personalisiert ist. Daher handelt es sich nicht um Stereotype, da zum Beispiel der Sohn oder die Tochter immer dieser Sohn oder diese Tochter in Bezug auf diesen Vater und diese Mutter ist. Bei allen Männern beziehungsweise allen Frauen im sexuellen Zustand Gemeinsamen handelt es sich um etwas Reales und von der Person unterschieden, auch wenn es personalisiert ist. 

  Reale Unterscheidung

Worin besteht diese reale Unterscheidung? In der unterschiedlichen Art und Weise, wie Männer und Frauen zueinander und letztlich zum Anderen, zu Gott, in Beziehung treten. Denn für den Mann ist der andere immer außerhalb von sich selbst, während für die Frau der andere – zusätzlich zu außerhalb – in ihr selbst ist. Dieser Unterschied ist konstitutiv für alle Beziehungen zwischen Mann und Frau. Das erklärt, warum die Tochter, die Schwester, die Ehefrau, die Mutter, die Großmutter und die Tante, soweit sie sich innerlich auf den anderen beziehen, dazu neigen, einladend, warm und nah zu sein, während der Mann aufgrund seiner äußeren Beziehung zur Trennung neigt, dazu, den anderen zu schützen und zu versorgen. 

Diese Unterschiede sind nicht nur – im Gegensatz zu den Stereotypen stark/ schwach, aktiv/ passiv, rational/sentimental, öffentlich/ privat – nicht negativ, sondern sie ergänzen sich auch, insbesondere in der Ehe, in der Elternschaft und in der Versorgung und Erziehung der Kinder. Dabei ist es allerdings wichtig, richtig zu verstehen, in welchem Sinne „ergänzen“ hier verwendet wird. Nicht als Synonym für „vervollständigen“. Denn beide, Mann und Frau, sind als Personen bereits vollständig, auch in ihrem Geschlechtszustand. Es ist erforderlich, sich vom platonischen Androgynen-Mythos zu befreien, der Mann und Frau als die zwei Hälften einer ursprünglichen Einheit betrachtet. Wenn dies so wäre, würden Mann und Frau nur durch Heirat ihre Vollständigkeit erreichen. Und obwohl es stimmt, dass die Ehe für die meisten Menschen der Weg zur persönlichen Reife ist, gibt es Männer und Frauen, die trotz des Verzichts auf die Ehe die gleiche Reife erreichen. 

Berufungen

Das bedeutet, dass die Ehe und die leibliche Vater- oder Mutterschaft an sich nicht für die persönliche Vollkommenheit erforderlich sind; die geistige Vater- oder Mutterschaft jedoch schon, weil der reife Mensch sich gegenüber den Menschen, die seiner Fürsorge bedürfen, als solcher verhält. Und da in diesen Beziehungen (Ehe und leibliche Vaterschaft oder Mutterschaft) keine Notwendigkeit besteht, sind sowohl die Ehe als auch der Zölibat Berufungen. 

  Die je andere Art und Weise, wie Mann und Frau mit dem anderen in Beziehung treten, ist weder besser noch schlechter, sie ist nur anders. Denn sie entspringt nicht einem Mangel, sondern einem Übermaß. Jede dieser Arten, als Person zu existieren, ist ein Geschenk für den anderen und damit auch für die Zivilgesellschaft und die Kirche. Anstatt also von Bereichen zu sprechen, die ausschließlich dem Mann oder der Frau vorbehalten sein sollten – beispielsweise das Öffentliche oder das Private – oder von Aufgaben, die nur einer von beiden ausführen kann, sei es in der Familie, in der Arbeitswelt oder in der Gesellschaft, sollte von zwei verschiedenen Arten des Handelns und der Ausführung dieser Aufgaben gesprochen werden. Deshalb ist die Beziehung zwischen Mann und Frau unerlässlich, wenn unsere Gesellschaft weiterhin ihr menschliches Gesicht bewahren soll, diese doppelte Art, sich auf den anderen zu beziehen und ihn zu lieben. 


Übersetzung aus dem Spanischen von José Garcia. 

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