Grevenbroich

Die Kirche steht im Dorf

Die Pfarrgemeinde als Ort der Evangelisierung.

Der kirchliche Alltag in der Pfarrei erscheint vielen als grau
Der kirchliche Alltag in der Pfarrei erscheint vielen als grau. Aber die Kirchengebäude öffnen den Blick für das Heilige im Alltäglichen. Das Bild zeigt Frimmersdorf im Pastoralen Raum Grevenbroich. Foto: Imago Images

Im vierten Jahr bin ich als Pfarrer von 21 Gemeinden in Grevenbroich am linken Niederrhein am Rande des rheinischen Braunkohlereviers tätig. Diese 21 Gemeinden sind allesamt selbstständige Pfarreien, in denen wir mit einem Seelsorgeteam von 19 Personen unter 40 000 Katholiken wirken.

In unserem Erzbistum Köln wird, wie auch andernorts, im Hinblick auf anstehende Strukturreformen zunehmend zwischen „Gemeinde“ und „Pfarrei“ unterschieden: Die Gemeinde ist die konkrete Gemeinschaft von Christinnen und Christen, die Pfarrei die Verwaltungseinheit. Ich muss eingestehen, dass mir diese begriffliche Differenzierung schwerfällt. In dem Begriff „Pfarrei“ steckt der lateinische Begriff parochia, der sich vom griechischen paroikein im Sinne von drumherum wohnen und Nachbar sein ableitet. Das trifft unsere Wirklichkeit: Menschen wohnen mehr oder weniger um eine Kirche herum.

Leichtfertig werden Gotteshäuser profaniert

Das ist zunächst einmal das Gebäude, das für viele einen sehr hohen Symbolwert hat, unabhängig davon, ob sie es regelmäßig aufsuchen oder nicht. Diese Tatsache wird meines Erachtens viel zu sehr unterschätzt, was sich nicht zuletzt darin zeigt, wie immer leichtfertiger mit der Profanierung von Kirchen umgegangen wird. Es kann nicht zwischen Steinen und Menschen unterschieden werden, wenn wir im Sinne des Apostels an lebendige Steine glauben. Hier besteht eine Wechselwirkung. Die Frage ist, wie wir Steine zum Sprechen bringen.

Ich habe das Glück, dass die meisten unserer Kirchen hier vor Ort recht qualitätvolle und kunsthistorisch wertvolle Bauten sind. Ich habe begonnen, sie den Menschen zu erschließen und bin wie schon an meinen vorherigen Stellen über die positive Wirkung überrascht. Geschichte und Kunst sind für mich nicht von der Glaubensaussage zu trennen, aber das gilt auch umgekehrt: Die Botschaft ist an Darstellung gebunden und in diesem Sinne vermögen unsere Kirchengebäude uns mitzunehmen, wenn wir uns ergreifen lassen. Liturgie als bewusstes Raumerlebnis hat eine den Menschen formende Wirkung.

„Immer weniger Menschen suchen aber eine Gemeinde
als Ort der Geselligkeit.“

Schließlich verkörpert das Kirchengebäude den Leib Christi und vergegenwärtigt die Liturgie seine Lebendigkeit. Das ist Evangelisierung: In die Lebendigkeit Jesu Christi hineinzuwachsen. Die Größe der Räume macht die Weite erahnbar, in die uns dieser Weg über uns hinausführt. In diesem Sinne sehe ich das Kirchengebäude als das äußerliche Hauptinstrumentarium unseres evangelisierenden Dienstes. Es vermag Menschen aufzubauen, wenn es zum Sprechen kommt. Es baut Kirche auf, wenn umwohnende Menschen hier einen verbindenden Bezugspunkt entdecken, dem sie sich in unterschiedlichem Lebenstempo annähern.

Wie statisch sind dagegen unsere oft so miefigen Pfarrheime, geschlossene Räume, die ich hier vor Ort oft als Sinnbild einer Gemeinde erlebe, die sich gut zu kennen meint, aber gerne unter sich bleibt. Wenn es hart auf hart kommt, sollten wir auf solche Zweckräume verzichten. Sie sind eindimensional, so ähnlich wie das doch sehr gängige Verständnis von Gemeinde als einer konkret erlebbaren und umreißbaren sozialen Größe, die von anderen Ortsvereinen als einer von ihresgleichen wahrgenommen wird. Immer weniger Menschen suchen aber eine Gemeinde als Ort der Geselligkeit. Die Tatsache, dass ich als Pfarrer nicht mehr in einer konkreten Gemeinde lebe, hat vor diesem Hintergrund etwas im Sinne des Evangeliums Dynamisches.

Gotteshäuser für soziale Projekte öffnen

Ich versuche unsere Gemeinden an diese Dynamik, für die unsere Gotteshäuser stehen, heranzuführen, indem sie es wagen, kreativ mit ihnen umzugehen, sie für verschiedenste Veranstaltungen zu öffnen, gerade auch für soziale Projekte. Das nimmt dem Raum nicht die Sakralität, sondern ganz im Gegenteil öffnet es die profane Handlung in die verborgene göttliche Gegenwart hinein. Sakralität entsteht nicht erst durch den Weiheakt, sondern dieser drückt etwas aus, was in dem Bau längst angelegt ist und nach außen drängt. Eine Profanierung ist schon von daher ein Widerspruch in sich.

Natürlich muss diese Bewegung verbalisiert werden. Es braucht den bewussten Anstoß. Auch hier erlebe ich eine erstaunliche Offenheit: Ich veranstalte regelmäßig zu unterschiedlichen Themen in wechselnden Kirchen Abende unter der Überschrift „Christentum, die unbekannte Religion“ und beziehe dabei bewusst die Aussagekraft und das Erlebnis der Sakralbauten mit ein. Dann ist Theologie alles andere als kompliziert, sondern öffnet für die innere Erfahrung. Und nur um die geht es. Darauf gründet die Botschaft.

Einen bescheidenen Weg beschreiten

Es ist ein einfacher und bescheidener Weg, den wir hier auf dem Lande gehen. Wir haben angesichts der Größe des Raumes und der Fülle der Herausforderungen keine andere Wahl. Das wirft uns auf das Wesentliche und die Notwendigkeit steten Aufbrechens zurück. Evangelisierung bedeutet, im Sinne der Seligpreisungen, in der gefühlten Armut Gottes Reichtum zu erkennen. Hierfür gilt es Räume zu erschließen, die längst vorhanden sind.


Dr. Meik Schirpenbach ist leitender Pfarrer im Sendungsraum Grevenbroich und Rommerskirchen. 

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