Freiburg/CH

Die Kirche erwacht in der Schmuddelecke

Eine Verteidigung der lebendigen Aufbrüche in der katholischen Welt gegen den Fundamentalismusvorwurf aus dem Establishment.

Augsburg: MEHR-Konferenz
Tatsächlich verwenden die Vertreter der Aufbruchsszene vielfach ein für katholische Ohren zunächst verwirrendes und verstörendes Sprachspiel. Sie sprechen "evangelikal". Foto: Benedikt Winkler

Spiel nicht mit den Schmuddelkindern, sing nicht ihre Lieder“ dichtete 1965 Franz Josef Degengardt, der rote Cousin des Paderborner Kardinals. Die katholischen Schmuddelkinder singen Lobpreislieder und heben beim Worship die Hände. Sie wohnen in Augsburg, im Gebetshaus, oder in Salzburg, auf der „Home Mission Base“. Sie füllen nach Weihnachten das Augsburger Messegelände und zu Pfingsten den Salzburger Dom. Oder man findet sie in vielen Kirchen des Landes bei Nightfever-Abenden. Schon das alles erregt den Verdacht der Tugendwächter und Tribunale des katholischen Juste Milieu. Denn das kann ja gar nicht sein, nein: Es darf nicht sein, dass sich Tausende junger Menschen an Gott freuen, dass viele ihr Leben mit Jesus, dem jetzt Lebendigen, leben wollen und – noch schlimmer – sich in elementarer Freude mit ihrem Glauben identifizieren, ihn ganz direkt bekennen, ja dass er ihnen so das Herz füllt, dass sie gar nicht anders können, als ihn missionarisch weiterschenken.

Der Heilige Geist darf nicht außerhalb der theologischen Seminare wehen!

Es darf nicht sein, weil die „aufgeklärte Moderne“ – was immer das sein soll; oft steckt in dieser Hypostasierung längst nicht mehr als ein rhetorischer Totschläger - solche Unmittelbarkeit grundsätzlich unter Verdacht stellt. „Fanatismus“ lautet das klassische Etikett, „Fundamentalismus“ ist sein moderner Nachfolger. Dumm nur, wenn sich das Leben oder – theologisch genauer, nach allen Regeln der Unterscheidung der Geister – wahrscheinlich doch der Heilige Geist partout nicht an die im fundamentaltheologischen Seminar zu Freiburg im Breisgau, dem Epizentrum katholischer Aufgeklärtheit, erlassenen Restriktionen halten will. Und wenn sich hier eine Dynamik zeigt, die nicht vermuten lässt, dass sie schnell wieder verschwindet, es immer schwerer fällt, sie als Randerscheinung abzutun und sie zunehmend öffentlich wahrgenommen wird, wie es der „Mehr“ geschah als sie in den Tagesthemen landete. Dann muss etwas geschehen.

Aus der Giftküche des Ressentiments: „Religionspopulismus“

Und es geschah. Als im Januar 2018 „Mission Manifest“ erschien, war Freiburg / Breisgau alarmiert. Seither bedient man sich einer sozialwissenschaftlich wohlbekannten Technik: Man klebt ein Etikett drauf. „Labeling“ nennt man das. Man schafft ein Stigma und definiert die Schmuddelecke, wo die Schmuddelkinder wohnen. Wer zu den Guten gehören will, darf nicht mit ihnen spielen. Das infamste Etikett (das Wort selbst mag älter sein) hat der Vorsteher des schon genannten Seminars im sonnigen Baden, Magnus Striet, 2019 auf den Salzburger Hochschulwochen erfunden. Es stammt direkt aus der Giftküche des Ressentiments: „Religionspopulismus“.

Auf die Phänomene bezogen, die es beschreiben will, ist es relativ sinnfrei. Man merkt überdies, dass sein Erfinder die politologischen Diskurse um den Begriff „Populismus“, etwa den brillanten Essay von Jan-Werner Müller „Was ist Populismus?“, kaum zur Kenntnis genommen, jedenfalls nicht begriffen hat – vorsichtig gesagt. Aber das Etikett erfüllt seinen Zweck. Es ist vage genug, dass viele meinen, etwas unter ihm zu verstehen. Es enthält genügend pejoratives Gift, um das Ressentiment derer zu bedienen, die durch die religiöse Intensität der Aufbruchsszene sich infrage gestellt fühlen, auf dass die eigene Welt wieder in Ordnung kommt.

„So kommunizieren Christenmenschen nicht untereinander“

Und das tut es – das eigentlich bösartige Toxin in diesem Gift – indem es die Assoziation zum politischen Rechtspopulismus geschickt herstellt und der ganzen Szene anklebt. Wie gesagt: Das ist infam. So kommunizieren Christenmenschen nicht untereinander. Wer eine solche brutale Ausgrenzungsrhetorik fährt, sollte Wörter wie Dialog oder Pluralismus nicht mehr in den Mund nehmen. Aber es hat gewirkt.

Auf dem „synodalen Weg“ sind die Aufbrüche nicht präsent. Von Teilnehmern höre ich: Sie kommen nur als Antibild, als das, was man nicht will, in den Diskussionen vor. Das Etikett klebt, die Ausgrenzung hat funktioniert, die Schmuddelecke ist wirksam definiert: „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern, sing nicht ihre Lieder.“

Zusammenprall der Kulturen

Aber in der Schmuddelecke erwacht die Kirche in den Seelen. Denn dort finden Menschen in die Freundschaft mit Jesus Christus und in lebendige, verbindliche Gemeinschaft. Sie lernen das Vaterherz Gottes kennen und die Gaben des Geistes. Sie beginnen einen Weg des Glaubens und der Nachfolge zu gehen, auf der sie die leise Stimme Gottes zu unterscheiden lernen. Sie entdecken die tiefen Quellen des Gebets und der Schrift – und darin ihre persönliche Berufung. Sie erfahren nachhaltige Veränderung und innere Heilung in die Freude und die Freiheit hinein. (Wie formalistisch, leer und leblos ist demgegenüber, was uns in Mainz und Freiburg als Autonomie verkauft wird.)

Mit einem Wort: Sie finden ihre Identität als Jüngerinnen und Jünger Jesu. Man kann auch sagen: Sie werden Subjekte ihres Glaubens und finden den Weg in die geistliche Selbstständigkeit. Eigentlich könnte man sich darüber nur freuen. Wieso geschieht das nicht – sondern das gerade Gegenteil? Denn es ist ja klar: Das erfolgte Labeling allein erklärt die Ausgrenzung nicht. Es ist ein katalytisches Moment, das auf eine Bereitschaft trifft. Dem Vorgang liegt tiefer der Clash zweier religiöser Kulturen und zweier Vergemeinschaftungs- oder Sozialformen des Christentums zugrunde.

Katholizismus und Individualisierung

Martin Brüske
Martin Brüske entdeckt lebendige Gruppen und Glaubenszeugnisse in vermeintlich unattraktiven Formen des katholischen Leb... Foto: privat

Tatsächlich verwenden die Vertreter der Aufbruchsszene vielfach ein für katholische Ohren zunächst verwirrendes und verstörendes Sprachspiel. (Hörte man allerdings genauer hin, würde man praktisch alle Elemente dieses Sprachspiels bei wichtigen Zeugen der Tradition wiederentdecken.) Sie sprechen „evangelikal“. Das aber ist alles andere als ein Zufall, wenn die Gründe dafür auch andere sind als die Etiketten suggerieren. Charles Taylor hat gezeigt (für Kenner: vgl. Taylor, Zeitalter, 182 und dann vielfach), dass am Beginn der Neuzeit über die Konfessionen hinweg ein grosses religiöses Disziplinierungsprojekt steht. In diesem Setting bilden Pietismus und Methodismus – die Wurzeln der evangelikalen Bewegung – aber gerade das Gegenspiel zum Disziplinierungsvorgang: Sie setzten religiöse Individuen frei.

Der Katholizismus hat als soziale Formation noch weit jenseits der Grenzen des Disziplinierungsprojekts in anderen Konfessionen und Gesellschaftsbereichen hinaus gegenteilig zu solcher Freisetzung der Individuen funktioniert: Religiöse Integration erfolgte durch Sozialisationsvorgänge, nicht durch personale Plausibilisierung. Allerdings hat er dafür auch einen sehr hohen Preis bezahlt. Nicht nur etwa durch das Neurotisierungspotenzial, das mit sozialer Disziplinierung immer einhergeht, sondern mit der anhaltenden Hilflosigkeit gegenüber einer individualisierten Gesellschaft, in der religiöse Integration durch Sozialisation weitgehend unmöglich geworden ist. Ich befürchte, weder der „progressive“ noch der „konservative“ Flügel (mit Ausnahme von Stefan Oster) auf dem synodalen Weg haben das verstanden. Volkskirche wird es nie mehr geben, nicht „modernisiert“ und nicht „nostalgisch“. Das Fehlen der Schmuddelkinder ist ein schwerer Schaden. Denn ohne personale Plausibilisierung wird es auch kein Christentum mehr geben.


Martin Brüske unterrichtet Ethik am TDS Aarau und ist Lehrauftrag für ökumenische Theologie und Dogmatik an der Uni Freiburg / Schweiz. 

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