St. Augustin

Der verlockende Weg zur Autodispens

Warum die Selbstbefreiung von kirchlichen Geboten den Schatz des Glaubens gefährdet.

Zu Don Camillos Zeiten hätte man beim Wort „Autodispens“ tatsächlich noch an das „des Deutschen liebstes Kind“
Zu Don Camillos Zeiten hätte man beim Wort „Autodispens“ tatsächlich noch an das „des Deutschen liebstes Kind“, also das eigene Auto, gedacht. Foto: via www.imago-images.de (www.imago-images.de)

Autodispens? Was auf das erste Hinhören nach einem technischen Fehler bei „des Deutschen liebstem Kind“ klingen mag, rührt in Wirklichkeit an viel Tieferes im Menschen. Autodispens – übersetzt als „Selbstbefreiung“ – steht für die heute unter katholischen Christen in der westlichen Welt zunehmende Haltung, sich selbst von der Verpflichtungskraft kirchlicher Gebote und Gesetze zu lösen. Es sei Ausdruck der Freiheit im Glauben, nicht unter normativen Vorgaben zu stehen, sondern selbstgewählte Wege in Verantwortung persönlicher Überzeugung zu gehen. Zweifelsohne wird die Entscheidung eines (allerdings vorausgesetzt geschulten) Gewissens in der kirchlichen Lehre hochgehalten und gewürdigt. Doch steht hinter einer solchen Selbstentbindung nicht selten ein ganz schlichter Mangel im Glauben, eine Haltung der Trägheit und Formlosigkeit, die beinahe wie von selbst in die Nichtpraxis christlicher und kirchlicher Existenz hineinführt. Was nicht prägt, wovon das Herz nicht voll ist, wird schnell beiseite gelegt.

Aber selbst unter praktizierenden Katholiken ist diese Haltung vermehrt anzutreffen. Eingezwängt in alltägliche Erfordernisse oder entlastet im Urlaub, lässt man den Herrn und die Mitfeier der Sonntagsmesse ohne schlechtes Gewissen gerne einmal links liegen. Die Aufforderung, wenigstens einmal im Jahr das Sakrament der Versöhnung zu empfangen, ist in Vergessenheit geraten. Und die Bitte, den Freitag als Todestag Jesu sowie andere Fast- und Abstinenztage in der Haltung dankbaren Verzichts – beispielsweise als „Freitagsopfer“ – zu begehen, scheint kaum noch zu berühren. Zumindest kann man sich an Freitagen über die üppig mit Fleisch gefüllten Buffets in manchen kirchlichen Bildungshäusern nur wundern. Ist all das Ausdruck eines von Geboten befreiten Glaubens, der wirklich frei macht? Aber wovon und wozu eigentlich?

Dispens befreit von kirchlicher Verpflichtung

Dabei spielt der Begriff „Dispens“ im Leben der Kirche, vornehmlich in ihrem eigenen Recht, durchaus eine zentrale Rolle. Die Dispens bezeichnet die Befreiung von der Verpflichtungskraft eines kirchlichen Gesetzes, das nicht auf göttlicher Anordnung beruht, für einen konkreten Einzelfall. So kann beispielsweise bei Vorliegen eines vernünftigen und gerechten Grundes eine katholische Braut von der katholischen Eheschließungsform befreit werden, wenn der nichtkatholische Bräutigam zu einer kirchlichen Eheschließung nicht zu bewegen ist. In diesem Fall spricht der Bischof beziehungsweise der dazu von ihm Bevollmächtigte eine Dispens aus und ermöglicht so eine gültige Eheschließung, auch wenn diese nicht in der katholischen Kirche stattfindet. Das Rechtsinstrument der Dispens, die unter Beachtung der Rechtsvorschriften erteilt wird, gilt somit als bemerkenswerter Ausdruck der Geschmeidigkeit in der Anwendung kirchlicher Gesetze unter Beachtung der Lebenssituation des Einzelnen. Doch geht dies niemals ohne einen legitimierenden Grund!


Das gilt auch für die Gebote, deren Erfüllung dem Christen aufgetragen ist. Dazu zählen die Zehn Gebote ebenso wie die fünf kirchlichen Gebote für die Lebenspraxis der Gläubi-gen. So ist ein Christ von der Verpflichtung der Mitfeier der Sonntagsmesse (erstes kirchliches Gebot) befreit, wenn er erkrankt ist und die Heiligung des Sonntags (drittes göttli-ches Gebot) deshalb auf andere Weise vollziehen muss. Ebenso kann ein Christ, der auch sonst kein Fleisch isst, das Freitagsopfer anderweitig umsetzen, beispielsweise im Verzicht auf den Konsum von Alkohol oder Fernsehen. Es gibt folglich immer einsichtige Gründe, die zu einer Umwidmung oder im äußersten Fall zur Nichterfüllung der Verpflichtung führen können.  Eine selbstlegitimierende, an Lust und Laune orientierte Entpflichtung von kirchlichen Geboten hingegen gefährdet den Schatz des Glaubens. Denn diese Autodispens steht in der Gefahr, sich zu einem beständigen Mangel im Glauben und in der Liebe gegenüber Gott zu entwickeln.

Selbstbefreiung, die zur Sünde wird

Solche Selbstbefreiung will sich nichts mehr sagen, aber eben auch nichts mehr schenken lassen. Sie wird zum Ausdruck eines selbstherrlichen Egoismus. Sie wird zur Sünde. Doch der Glaube des Christen basiert niemals allein auf persönlicher Einsicht. Er wird von Beginn an im Geschehen der Taufe in den großen Zusammenhang des Glaubens der Kirche gestellt, der so etwas wie die Lebensquelle für den eigenen Glauben ist. Er bedarf seiner Feier und seines Vollzugs. Er ist angewiesen auf die geistliche Nahrung, die ihm geschenkt wird im Hören und Erwägen des göttlichen Wortes, durch die Feier und den Empfang der Sakramente, im Leben in und mit der Kirche.

"Gebote sind nicht antiquierte Fesseln christlichen Lebens,
allerdings stellen sie auch nicht das alleinige Wesensmerkmal des Christseins dar.
Denn Christsein ist als lebendige Freundschaft zu Jesus Christus selbstverständlich mehr als ein korrektes Leben,
das sich allein an Geboten orientiert."

Um das zu erkennen und zu leben, ist eine gereinigte Sichtweise auf die Gebote unverzichtbar. Gebote sind nicht antiquierte Fesseln christlichen Lebens, allerdings stellen sie auch nicht das alleinige Wesensmerkmal des Christseins dar. Denn Christsein ist als lebendige Freundschaft zu Jesus Christus selbstverständlich mehr als ein korrektes Leben, das sich allein an Geboten orientiert. Doch zum Christsein gehört auch der Mut, die Gebote Gottes und der Kirche als „Wegzeichen in die Liebe und Wahrheit“ (Joseph Ratzinger) anzunehmen und sich von ihnen formen zu lassen, unabhängig von situativem Wollen oder Nichtwollen, vielmehr als Ausdruck lebendigen Glaubens und bleibender Treue gegenüber Gott, der dem Menschen treu bleibt, weil er sich selbst nicht verleugnen kann (vgl. 2 Tim 2,13). Deshalb nimmt Gott von alledem nichts hinweg (vgl. Mt 5,17–37), weil er darin den Menschen zum „Mehr“ des Glaubens und der Liebe führen will. Das ist ein „Mehr“, das nicht fragt, was erfüllt wurde, das nicht mit Gott feilscht und rechnet, wie weit man noch gehen kann. Es ist ein „Mehr“ an Glaube und Liebe, das großmütig ist, Gott zu geben, was ihm gehört: Anbetung und Verherrlichung.

Anders als die Autodispens führt dieses „Mehr“ nicht in eine fesselnde Abhängigkeit von veröffentlichten Meinungen und persönlichen Launen, sondern tatsächlich in eine größere Freiheit: die Freiheit des Glaubens, von Gott geliebt zu sein und den lieben zu dürfen, der uns zuerst geliebt hat! Johannes vom Kreuz erinnert uns daran, dass wir einmal genau darin vor Gott gewogen werden. In nichts anderem.

Christoph Ohly ist Professor für Kirchenrecht und Rektor der Kölner Hochschule für Katholische Theologie (KHKT) – St. Augustin.

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