Synodaler Weg

Der Ruf ereignet sich mitten im Leben 

Gott ruft auf ungewöhnliche Wege und das Ziel weiß nur Er. Aber Er weiß es. Der turbulente Lebensweg einer Mutter.
Waldpfad
Foto: imago stock&people | Gott ruft den Menschen auf ungewöhnliche Wege. Manchmal sind sie unwirtlich und verwirrend. Das Ziel weiß nur Er. Doch der Mensch kann sich darauf verlassen, dass er es weiß.

Ich werde oft gefragt, wie es dazu kam, dass ich Mutter einer so großen Familie wurde. Ich habe zwölf Kinder, mittlerweile alle erwachsen, einige haben selbst Kinder. Dies ist keine Erfolgsgeschichte, sondern die Geschichte einer Berufung. 

Ich heiratete als 21-jährige Studentin einen 23-jährigen Studenten. Er katholisch, ich evangelisch. Wir wünschten uns eine große Familie, sprachen von zehn Kindern, und weil er wegen eines Herzfehlers eine eingeschränkte Lebenserwartung hatte, wollten wir damit nicht warten. 

Eine Überraschung für die anderen

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Dieser Lebensentwurf überraschte alle, die mich kannten. Ich entstamme einer evangelischen Familie und habe zwei jüngere Geschwister. Wir wurden traditionell-konservativ erzogen, aber nicht patriarchalisch. Die Rolle der Frauen war nicht festgelegt, meine Großmutter väterlicherseits – Jahrgang 1902 – hatte vor ihrer Heirat studiert. Von mir wurde eher eine Universitätskarriere als eine Heirat erwartet, und auch ich selbst sah mich nicht als Ehefrau und Mutter. Ich konnte mir vorstellen, irgendwann zehn Waisenkinder zu adoptieren, aber nicht, mich ein Leben lang an einen Mann zu binden. 

Dass ich meine Meinung änderte, kam so: Ich war nach Abitur und Auslandsjahr 19-jährig in Göttingen gelandet, um dort zu studieren. Damit entsprach ich dem Wunsch meiner Eltern; ich selbst hätte Berlin vorgezogen und fand Göttingen zunächst uninteressant. Dann aber ereignete sich eine Begegnung, die mein Leben veränderte, mein Denken, meine Einstellung – ich traf meinen späteren Mann. Obwohl wir nicht hätten verschiedener sein können, fanden wir, dass wir zusammengehören. 

Wechsel des Studienganges

Seinetwegen machte ich Schluss mit den Geisteswissenschaften und studierte Betriebswirtschaft, um später mit ihm arbeiten zu können, und weil er sehr mutig und wir beide ein bisschen verrückt waren, heirateten wir mit 21 und 23, ohne Examen, in freudiger Erwartung des ersten Kindes. Als er seinen Abschluss machte, hatten wir zwei Kinder, und zur Zeit meines Examens war das dritte unterwegs. In diese Zeit fällt meine Konversion zum katholischen Glauben. 

Es folgten einige Jahre in Südamerika auf der Suche nach einer Lebensform, in der wir „immer zusammen sein“ könnten. Nachdem uns klar wurde, dass wir dort keine Zukunft hatten, kehrten wir mit vier Kindern nach Deutschland zurück. 

Harte Arbeit

In den folgenden Jahren in Deutschland musste mein Mann hart arbeiten. Mir kamen Zweifel, ob ich mit der strengen Rollenverteilung – er Beruf und Karriere, ich Hausfrau und Mutter, er das Haupt und ich der Leib – auf Dauer zurechtkommen würde. Es war ein täglicher Kampf ums Überleben, und ich war mir nicht mehr sicher, dass wir die zehn Kinder schaffen würden, von denen wir bei unserer Hochzeit geträumt hatten. 

Freiheit heißt auch, ja zu sagen

So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Manches, was sich zwischen uns entwickelt hatte, gefiel mir nicht. Einiges konnten wir ändern, anderes nicht. In dieser Zeit lernte ich, dass Freiheit nicht nur bedeutet, eine Wahl zu haben. Ich fand die Freiheit, Ja zu dem zu sagen, was ich mir so nicht vorgestellt hatte. Gleichzeitig war ich froh, dass ich meinen Universitätsabschluss durchgezogen hatte. So konnte ich mir immer wieder sagen: Du wählst diesen Weg, „nur“ Hausfrau und Mutter zu sein, freiwillig. 

Meine Freiheit wurde auf harte Proben gestellt. Krankheiten der Kinder, häufige Umzüge, Berufs- und Schulwechsel. Oft war ich am Ende meiner Kräfte und funktionierte nur noch. Manchmal habe ich nicht mehr gespürt, was ich selbst will oder brauche. Das ist nicht ideal, aber so war es. Mein Leben ist kein Modell zum Nachmachen. Aber ich war und bin überzeugt, dass es das war, wozu ich berufen bin, und diese Überzeugung hat mir den Willen zum Durchhalten gegeben. Die Kraft dazu kam von Gott. 

Die Frage nach der Berufung bleibt

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Mein Mann starb vor 14 Jahren an Krebs, mit gerade 50. Er hat nicht mehr erlebt, wie unsere Kleinen groß und unsere Enkel geboren wurden. Unsere Jüngste war fünf Jahre; wie ihre Geschwister musste sie ohne Vater aufwachsen. Als er starb, lebten wir in einem türkischen Viertel im Duisburger Norden. Dorthin hatte es uns 2002 nach vielen Umzügen verschlagen, und dort haben wir ihn begraben.

Viele Menschen haben uns geholfen. Zwei Jahre nach seinem Tod zog ich mit noch sieben Kindern an den Niederrhein, wo bis heute unser Zuhause ist. Heute lebe ich allein in einem schönen Haus, das mir nicht gehört und viel zu groß ist, in einer schönen Gegend, in der ich viele Freunde habe und die doch nicht meine Heimat ist. Meine Jüngste hat vor wenigen Monaten das Haus verlassen und lebt in Griechenland. Ich muss Abschied nehmen von dem, was 40 Jahre lang mein Leben war. 

Was nun?

Damit stellt sich mir wieder die Frage nach der Berufung. Was kommt jetzt? Was willst Du, Herr, wohin soll ich gehen? Vor ein paar Jahren habe ich eine Zeit lang kaufmännisch gearbeitet. Ist es das? Ich weiß nicht. Aber ich hoffe, Er wird es mir sagen. 


Oda von Jagwitz ist Mutter von zwölf Kindern.

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