Dresden

Das Alltagsleben unaufgeregter Katholiken ist das Pastoralkonzept

Das Alltagsleben unaufgeregter Katholiken ist das Pastoralkonzept

Heiner Koch, Bischof in Dresden
Bischof Heiner Koch vor der Dresdner Hofkirche. Im Hintergrund der Autor, der heute in Münster Theologie studiert. Foto: KNA

Seit ich 2011 als völlig Unbekannter mit dem Taufwunsch an unseren Pfarrer herantrat, hat mich die Kirche, die ich im Ostthüringer Teil des Bistums Dresden-Meißen kennenlernte, fasziniert: Durch offene und herzliche Freude, mit der ich aufgenommen wurde, durch den unaufgeregten, selbstverständlich gelebten Glauben, den ich kennenlernen durfte.

Nur dem "Stern von Bethlehem" folgen 

Die Katholische Kirche der neuen Bundesländer ist verborgener, oft unbekannt: Ihr Anspruch ist es nicht, ein großer politischer „Player“ zu sein, vielmehr weiß sie, sich nicht allen Moden hingeben zu müssen und stattdessen aus eigenen Überzeugungen zu leben: Keinem anderen Stern folgend als dem Stern von Bethlehem – wie es „unser Meisner“ 1987 formulierte. Am meisten hat mich neben der familiären Atmosphäre seit jeher die Entschiedenheit fasziniert, mit der viele Katholiken trotz aller Widrigkeiten im Sozialismus zur Kirche standen – und wie viele Jugendliche heute Rede und Antwort stehen in Anbetracht der Anfragen an ihren Glauben: Die Entschiedenheit des katholischen Lebens gerade im Alltag mag das Evangelisierungspotenzial unseres Landes ausmachen: Von Gott zu sprechen, das können wir nicht Priestern oder „Hauptamtlichen“ überlassen, denn in Freundes- oder Kollegenkreisen ist es jeder Einzelne, der sich rechtfertigen muss für seine Überzeugungen, so aber auch Zeugnis geben darf.

Auf welche Menschen treffen wir? Vor Jahren fragte mich eine Mitauszubildende einmal durchaus gut meinend: „Du bist doch so ein ,Katholike‘. Ich hab das mal gehört, wie die Zeugen Jehovas, oder? Geht ihr auch von Tür zu Tür?“ Die meisten Menschen bei uns haben keine konkrete Idee, was es mit Religion auf sich hat, aber sie sind oft interessiert und unvoreingenommen: Spürbar wurde und wird das immer dann, wenn Kollegen plötzlich „auch mal so eine Messe angucken“ wollten oder Passanten sich bei Nightfever-Abenden in der Dresdner Altstadt einladen ließen.

Keine Selbstbeschäftigung im Dauerkirchenstreit

Nicht selten vernahm ich eine Sehnsucht, der Frage nach dem Sinn, nach Herkunft und Ziel ihres Lebens Raum zu geben und nach einer Sphäre zu suchen, die über die materialistisch gepolte Wirklichkeit hinausgeht. Das pastorale Konzept für die Neuevangelisierung – so habe ich es erfahren – war und ist das Alltagsleben des unaufgeregten Katholiken: Die Menschen, die nach Gott Ausschau halten, suchen keine Selbstbeschäftigung im Dauerkirchenstreit, sie suchen nach „Rede und Antwort über die Hoffnung, die uns erfüllt“ (1 Petr 3,15). Ob das nur im Osten so ist?

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