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Christsein: Erfahrung der Gegenwart Christi

Christi Gegenwart erfährt der Gläubige im Wort der Verkündigung und der Gemeinschaft der Kirche – aber vor allem im Sakrament der Eucharistie.
Mundkommunion
Foto: Michael Kappeler (dpa) | Seitdem der erhöhte Herr in den Himmel aufgefahren ist, erfahren wir ihn vor allem in der Feier des Herrenmahls.

Bei der Digitalisierung unser Lebenswelt, die unsere Wahrnehmung von Zeit und Raum sowie unser Bild von Realität und Kommunikation grundlegend verändert, handelt es sich um die größte technologische Entwicklung in der bisherigen Geschichte der Menschheit. In der Welt des Digitalen begegnen wir uns nicht, wie in der analogen Welt, in leiblicher Co-Präsenz, wie dies in der Verkündigung des Wortes Gottes und der Feier der Sakramente, die ihren genuinen Ort in der analogen Welt haben, der Fall ist. Zwar ist es möglich, an einem Gottesdienst digital per Livestreaming teilzunehmen, was in der Corona-Pandemie vielfach angeboten und genutzt wurde. Doch nur in der analogen Welt sind wir mit all unseren Sinnen beteiligt – mit unserem Sehen und Hören, Fühlen und Berühren, Riechen und Schmecken. Die Erfahrungen von Gegenwart sind in der analogen und digitalen Welt nicht dieselben, ob wir nun an einem Ereignis in der analogen Welt synchron oder asynchron digital partizipieren.

Auferstehung: verklärte Gegenwart

Zu unserem Christsein gehört konstitutiv die Erfahrung der Gegenwart Christi, in dessen Namen wir uns zum Gottesdienst versammeln. Jesus hat seinen Jüngern verheißen: „Wo zwei oder drei in meinen Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18,20). Nach seiner Auferstehung gab Jesus seinen Jüngern die Verheißung: „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,19). Mit Blick auf die Gegenwart des erhöhten Herrn spricht man von seiner verklärten Gegenwart, weil er sich den Zeugen und Zeuginnen seiner Auferstehung in verklärter Gestalt gezeigt hat. Zu den Zeugen gehören auch die Jünger von Emmaus, die den Auferstandenen, der ihnen die Schriften auslegt, erkennen, als er über das Brot den Lobpreis anstimmt, das Brot bricht und ihnen reicht (Lk 24,30). Seitdem erfahren wir, die wir dem historischen Jesus nicht begegnet sind und die Søren Kierkegaard (1813–1855) die „Jünger zweiter Hand“ nennt, den erhöhten Herrn vor allem in der Feier des Herrenmahls, können ihm aber auch im Nächsten und seiner Not nahe sein (Mt 25,31–46).

Die Liturgie vergegenwärtigt die Mysterien

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Die Konstitution „Sacrosanctum Concilium“ (4. Dezember 1963) über die heilige Liturgie erklärt, diese sei „der Höhepunkt (culmen), dem das Tun der Kirche zustrebt, und zugleich die Quelle (fons), aus der all ihre Kraft strömt“ (SC 10). Dies gilt besonders für das „eucharistische Opfer“ (sacrificium eucharistiae), welches die Dogmatische Konstitution „Lumen gentium“ (21. November 1964) über die Kirche „Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens“ (LG 11) nennt. Gleich zu Beginn von „Sacrosanctum Concilium“ heißt es mit einem alten Gabengebet der Kirche, dass sich in der Liturgie, „besonders im heiligen Opfer der Eucharistie“, „das Werk unserer Erlösung“ (SC 2) vollzieht. Das Konzilsdekret „Ad gentes“ (7. Dezember 1965) über die Missionstätigkeit der Kirche sieht in der Eucharistie die „Mitte“ der Verkündigung des Wortes Gottes und der Sakramente (AG 9).

Das Opfer der Eucharistie ist keine Wiederholung des blutigen Kreuzesopfers Christi, sondern die sakramentale Gegenwart seiner Lebenshingabe für uns. Das Leiden und Sterben Christi und seine Auferstehung und Erhöhung, das heißt seinen Übergang (pascha, transitus) vom Tod zum Leben, nennt „Sacrosanctum Concilium“ das Mysterium paschale. Zum Gedächtnis des Paschamysteriums Christi hat sich die Kirche von ihren Anfängen an immer wieder im Gottesdienst versammelt (SC 6). Im Wort der Verkündigung und den Sakramenten erfahren wir die Gegenwart Christi, des erhöhten Herrn. Wenn die Dogmatische Konstitution „Dei Verbum““ (18. November 1965) über die göttliche Offenbarung das Bild vom Tisch des Wortes Gottes und des Leibes Christi (DV 21: mensa tam verbi Dei quam Corporis Christi) nebeneinander stellt, will sie deutlich machen, dass die Liturgie des Wortes Gottes konstitutiv zur Feier des Paschamysteriums Christi gehört und nicht nur eine Art Vorfeier zur eucharistischen Liturgie darstellt. Mit dem Bild von den beiden Tischen soll nicht der Unterschied in den Gegenwartsweisen Christi bestritten werden (vom Tisch des Mahles spricht „Dei Verbum“ nicht).

Denn während Christus im Wort der Verkündigung und den Sakramenten mit seiner Kraft gegenwärtig ist, schenkt er sich in der Eucharistie, und nur darin, auch mit seinem Leib und Blut. Der Unterschied wird heute nicht selten in eine undifferenzierte Allgegenwart Christi in Wort und Sakrament aufgelöst. Doch die Realpräsenz Christi in den eucharistischen Gaben von Brot und Wein ist einzigartig. Sie ist weder bei den anderen sakramentalen Zeichen (Wasser der Taufe, Salböl etc.) noch im Wort der Verkündigung gegeben. Die besondere Präsenz Christi in der Eucharistie ist Teil der authentischen Glaubenslehre der katholischen Kirche und nicht nur eine theologische Lehrmeinung, die seit der Kirchenväterzeit und dem Mittelalter vertreten wird. Selbst Martin Luther (1493–1546), der die Gegenwart Christi mit Leib und Blut in und unter den Zeichen von Brot und Wein mit der Ubiquität (Allgegenwart) des erhöhten Herrn zu begründen versuchte, hielt daran fest, dass die eucharistische Realpräsenz Christ eine andere ist als seine Gegenwart im Wort.

Christus schenkt sich in unserer Gegenwart

Die Gegenwart Christi mit Leib und Blut in und unter den Zeichen von Brot und Wein besagt, dass Christus mit Leib und Seele, Gottheit und Menschheit darin real gegenwärtig ist. Doch wie ist eine Gegenwart Christi in der Liturgie der Kirche überhaupt möglich, da doch das Heilsgeschehen in Jesus Christus ein Ereignis der Vergangenheit darstellt. Der Liturgiewissenschaftler Odo Casel OSB (1886–1948) hat die Feier der Eucharistie in Analogie zu den Kultmysterien der Antike verstanden, ohne dabei eine historische Abhängigkeit oder inhaltliche Analogie behauptet zu haben. Für Casel ist die Liturgie der Kirche „der rituelle Vollzug des Erlösungswerkes Christi“, in der sich „die Gegenwart göttlicher Heilstat unter dem Schleier der Symbole“ ereignet – gemäß dem Diktum Papst Leo des Großen (440-461): „Was an unserem Erlöser sichtbar war, ist in die Mysterien übergegangen“. Die Mysterientheologie hat die Einheit von Glaubensgeheimnis und Kulthandlung wiederentdeckt und die Feier des Heilsmysteriums Christi erneut in das Zentrum christlicher Existenz und Spiritualität gerückt. Doch ihr Problem besteht darin, dass sie die Liturgie wie die Epiphanie eines vergangenen Ereignisses auffasst, welches gleichsam in zeitlicher Entgrenzung heute erscheint – so die Kritik des Fundamentaltheologen Gottlieb Söhngen (1892–1971).

Schon die Kirchenväter hatten die eucharistische Realpräsenz ausgehend von der Inkarnation des Gottessohnes her konzipiert. Denn es ist der eine historische, auferstandene und erhöhte Herr, der sich im Geiste im liturgischen Gedenken selbst vergegenwärtigt.  Der auferweckte Gekreuzigte ist keine andere Person als die des menschgewordenen Sohnes. Jesus erhielt bei seiner Auferstehung von den Toten auch nicht einen gänzlich neuen Leib, den Gott gleichsam aus Nichts erschaffen hätte, sondern sein historischer Leib wurde verklärt, das heißt, er wurde transformiert in eine himmlische Gestalt. Das liturgische Gedenken (commemoratio) holt nicht ein Ereignis der Vergangenheit gleichsam in die Gegenwart zurück, sondern im Geist schenkt sich uns der erhöhte Herr mit seiner Gegenwart. Deshalb hat das Zweite Vatikanische Konzil der Realpräsenz Christi in den Gaben von Brot und Wein, die nicht selten als eine statisch-dingliche missverstanden wurde, die grundlegende dynamische und personale Realpräsenz Christi zur Seite gestellt. Die Theologie spricht hier von der kommemorativen Aktualpräsenz Christi.

Liturgie von Digitalisierung nicht unberührt

Zur Gegenwart Christi in der Eucharistie heißt es in „Sacrosanctum Concilium“: „Gegenwärtig ist er im Opfer der Messe sowohl in der Person dessen, der den priesterlichen Dienst vollzieht – denn ,derselbe bringt das Opfer jetzt dar durch den Dienst der Priester, der sich einst am Kreuz selbst dargebracht hat‘ – , wie vor allem unter den eucharistischen Gestalten. Gegenwärtig ist er mit seiner Kraft in den Sakramenten, so dass, wenn immer einer tauft, Christus selber tauft. Gegenwärtig ist er in seinem Wort, da er selbst spricht, wenn die heiligen Schriften in der Kirche gelesen werden. Gegenwärtig ist er schließlich, wenn die Kirche betet und singt, er, der versprochen hat: ,Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen‘ (Mt 18,20)“ (SC 7). Für das Priesteramt ergibt sich daraus, dass das Verhältnis des geweihten Priesters zu Christus nicht auf eine Funktion der Kirche reduziert werden kann. Es handelt sich ein Verhältnis sakramentaler Repräsentation: Der Priester stellt Christus dar, den wahren Priester des Neuen Bundes, der Hirte und Bräutigam seiner Kirche ist.

Die Liturgie der Kirche in Wort und Sakrament bleibt von der Digitalisierung unseres Lebens nicht unberührt. Die Theologie muss sich deshalb intensiv mit der digitalen Transformation befassen und neu bedenken, wie wir die Gegenwart Christi in unserer Welt erfahrbar machen und wie wir von ihr sprechen können. Der digitale Raum bietet viele Möglichkeiten für die Verkündigung des Wortes Gottes, der Botschaft seines Sohnes und die Präsentation der Kirche. Seine Grenze findet er aber bei den liturgisch-sakramentalen Feiern, bei denen wir zwar digital betend „dabei“ sein, an denen wir aber wegen fehlender leiblicher Co-Präsenz nicht vollumfänglich teilnehmen können. Eine Partizipation an der Liturgie der Kirche und ihrer Ästhetik ist in digitaler Distanz nur eingeschränkt möglich.


Helmut Hoping ist Ordinarius für Dogmatik und Liturgiewissenschaft an der Universität Freiburg.

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