Synodaler Weg

Berufung: Herznote des Glaubens

Wie sprechen von Berufung? Ein Versuch.

Eucharistische Anbetung
Berufung lässt sich finden durch das Gebet und den Dialog mit Gott, zum Beispiel in der eucharistischen Anbetung. Foto: Corinne Simon (KNA)

Eine Berufungserfahrung in einen Zeitungsartikel zu fassen, kann eigentlich nur schiefgehen. Viel Vernünftiges lässt sich über unseren Glauben sagen, doch seine intimsten Erfahrungen gehen weiter, als dass man sie in Worte fassen könnte. Dabei bleibt es eine der größten Herausforderungen unserer Zeit, nicht nur die Kopf-, sondern auch die Herznote katholischen Glaubens weiterzugeben.

Ewiges Nichts kann keine ausreichende Antwort sein

Viele Vernunftgründe haben mich selbst vor knapp zehn Jahren zur katholischen Kirche geführt: Nach dem Tod meines Vaters beschäftigten mich Fragen über Ursprung, Sinn und Ziel des Lebens und ich fand, dass das ewige Nichts keine ausreichende Antwort darauf sein kann. Mich hat das Christentum fasziniert: durch seine ethischen Ideale, durch seine Verankerung in den Einfachheiten und Bedrängnissen des Lebens, unüberbietbar zum Ausdruck gebracht in der Menschwerdung Gottes vom Elend eines Schafstalls bis nach Golgotha. Dazu Universalität und Beständigkeit der Kirche in fast 2.000 Jahren.

Und dennoch: Diese Überzeugungen, das mit der Vernunft Fassbare unseres Glaubens, sie bleiben ungenügend – reine Ethik oder Ideologie –, wenn sie nicht zu einem persönlichen Leben mit Jesus Christus führen, der heute uns und mit uns die Menschen berühren, heilen, trösten und verändern will. Jeder Glaube lebt auch aus dem persönlichen Anruf Gottes. Berufung ist eine Gnade, die ich nicht machen, für die ich nur aufmerksam werden kann – durch Zeiten stillen Gebets, in der Anbetung. Sie braucht das Bewusstsein, dass Gott ein Jemand ist und kein Objekt theologischer Diskurse.

Besondere Erfahrung an Gründonnerstag

Ich habe lange gebraucht, das wirklich zu verstehen, und glaube, dass es die größte Herausforderung des Christwerdens ist. Ein besonderes Berufungserleben verbinde ich persönlich mit dem letzten Gründonnerstag, den ich mit einer stillen Ölbergstunde vor dem Hausaltar beging – die Kirchen waren durch Corona ja verschlossen. Trotz des Ärgers, dass wir nicht wie in anderen Jahren vor dem eucharistischen Herrn beten konnten, habe ich selten eine solche Gottunmittelbarkeit erfahren wie an diesem Abend: Die Verlassenheit Jesu in Gethsemane und die Verlassenheit einer einsam gewordenen Welt standen mir ganz vor Augen, dennoch habe ich etwas gefühlt, das ich schwer beschreiben kann. Es war so etwas wie das Gegenteil von Angst, eine unglaubliche Verbundenheit, die alle Sorgen klein werden ließ. Ich wusste, dass Jesus die Menschheit erlösen will und mich ruft, ihm dabei zu helfen.

Es ist eigentlich schwer zu beschreiben, was mich an diesem Abend erfasst hat, aber es bewegt mich seitdem. Es ist ein Ankerpunkt, an den ich oft zurückdenke und von dem ausgehend ich frage, was mein Auftrag ist: für mein Leben und jeden einzelnen Tag. Wirklich verstehen kann dies wohl nur, wer Ähnliches erlebt hat – Berufungserfahrungen lassen sich nicht allein in objektiven Kriterien wie „Eignung und Neigung“ fassen. Es bleibt ein Ungenügen, den Augenblick kaum so weitergeben zu können, wie ich ihn erfahren habe, doch ist Berufung wohl so etwas wie Liebe: Sie lässt sich nicht in Worte fassen, sie lässt sich nur leben.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.