Würzburg

Was ist Wahrheit?

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Der Synodale Weg beginnt. Wohin die Reise geht, ist ungewiss. Foto: KNA

Was ist Wahrheit? Nicht nur Pilatus fragt so, 300 Jahre vor ihm auch Sokrates. Und das Misstrauen des Römers zieht sich durch die Jahrhunderte, ebenso wie die sokratische Antwort fruchtbar bleibt. Freilich läuft auch dabei schon die sophistische Behauptung wie ein Zwilling mit, alle Wahrheit sei relativ.

Wie sieht die Balance heute aus? Natürlich kann man den Satz: „Es gibt keine absolute Wahrheit“ kontern: „Also das ist absolut wahr?“ Aber ein so formales Argument trägt noch nicht wirklich. Und so findet man, auch im theologischen Umfeld synodaler Wegbereiter, erstaunliche Sätze: Es gebe keine objektive Wahrheit, denn diese sei „heteronom“, fremdbestimmt, vielmehr sei Wahrheit „autonom“, einzig dem Ich überantwortet. Das zeigt eine beklagenswerte Unkenntnis des Sachverhalts. Denn fremdbestimmt und selbstbestimmt ergibt bei Wahrheit keinen Sinn (genauso wenig wie im Verhältnis von Gott und Mensch). Warum? Wahrheit ist kein Gegenstand, sondern ein Verhältnis. Wozwischen?

Der Mensch ist wahrheitsfähig

Antike und Mittelalter sprachen von einer „Wahrheit der Dinge“, veritas rerum, was heißen will nach Platon: Wahrheit ist ein Offensein der Dinge, denn sie offenbaren sich durch ihre „Idee“, also ihre „Sichtgestalt“, weil sie der schaffende Gott ins Dasein „ersehen“ hat und ihnen die Erkennbarkeit durch Form aufprägt. Und sie öffnen sich für wen? Natürlich für den Menschen. Ihn befähigt derselbe Gott, die Sichtgestalt zu erkennen, trotz aller Unterschiede im einzelnen. Auch viele verschiedene Äpfel erkennen wir als Äpfel. Der Mensch ist wahrheitsfähig: Er kann nämlich sehen, was ist.

Daher: Das Sich-Offen-Legen der Dinge fordert zwingend das Offensein des Menschen heraus – seinen Willen, überhaupt sehen zu wollen und dem, was sich zeigt, Raum zu geben. So lässt sich weiter klassisch formulieren: Wahrheit ist die Angleichung des Intellekts an die Sache, adaequatio intellectus ad rem. Gegen diese Aussage ist eingewendet worden, sie berücksichtige nicht die mitgegebenen Schranken des Intellekts, seine vorgefasste „Rahmung“ der Dinge. Aber Angleichung ist nicht formal zu verstehen, sondern meint das innere Gerichtet-sein des Menschen auf das, was sich zeigt. Dem Sich-Auftun der Dinge antwortet das Sich-Auftun des Menschen, und er antwortet auch bereitwillig – und vielgestaltig.

Jede „Leitkultur“ steht unter Verdacht

Aber gerade hier liegt der Haken, denn: Ob dieses Gerichtet-sein alles greift und begreift? Tut sich nicht jeder auf seine eben beschränkte Weise auf? Beschränkt meint nicht dumm, sondern: Ein Kind sieht anders als ein gereifter Mensch, und jede Kultur lehrt schon durch ihre Sprache ein Wahrnehmen und Bewerten der Welt in je eigener Eigenart. Daher hat die Postmoderne ernste Einwände gegen eine „einzige“ Wahrheit erhoben, weil sie Wahrheit nur aus dem Einen, Gemeinsamen denke. Das habe letztlich zum Sündenfall der roten und braunen Ideologien im 20. Jahrhundert geführt, die nur eine einzige Klasse oder eine einzige Rasse gelten ließen – der Einheitszwang wurde für Millionen tödlich. Jede „Leitkultur“ steht seither unter dem Verdacht, das Fremde einzuheimsen, wenn nicht zu vergewaltigen.

Die Einzahl der Wahrheit wird als solche verdächtig. Entsprechend fehlt nicht nur das Eine, Verbindliche im postmodernen Lebensstil; es fehlt auch der Eine: Gott. Es bleibt unentschieden, ob und wie es „ihn“ gibt oder ob er nur eine „Spur“ hinterließ, ein Gegenbild zu Traum und Sehnsucht des Menschen. Umso weniger lasse sich Wahrheit durch Verankerung in Gott sichern.

So kommt es zum postmodernen Aufstand gegen die „großen Erzählungen“: Entwürfe wie Fortschritt, „Techno-Wissenschaft“, unaufhaltsamer Aufstieg der Vernunft führten zu einer gewaltsamen Einheitlichkeit. All das lässt sich lesen als Monopolismus einer Wahrheit über die Götter, die Menschen, die Dinge; diesem Wahrheits-Monopol diene auch – verblüffend – die aufklärerische, alles betreffende Vernunft. Das Denken aus dem scheinbar einen Ursprung grenze „die Anderen“ immer aus. Auch die Vorstellung des mündigen, selbstverantwortlichen Subjekts sei Selbstdurchsetzung: Das Ich schließe herrisch von seiner Überzeugung auf ein Du. Die Moderne habe damit nur zum Koma geführt. Deswegen gilt nur noch ein Zulassen aller beliebigen Lebenswelten, ohne Wertung, ohne Überhebung, ohne Wahrheitsanspruch. Die Einzahl ist tot, es lebe die Vielzahl! „Wer bin ich? Und wenn ja, wieviele?“, fragt ein Bestseller. Das Leben ist bunt wie der Regenbogen. Geltenlassen ist das neue Ethos: Die Freiheit wird euch wahrmachen! Aber spielt sich das alles wirklich außerhalb des Anspruchs auf Wahrheit ab?

Das Denken versackt in Beliebigkeit

Philosophie unterscheidet zwischen notwendigen Vernunftwahrheiten, die widerspruchsfrei und zeitlos gelten (so die Gesetze der Mathematik), Tatsachenwahrheiten (einmaligen und „zufälligen“ Ereignissen der Geschichte), objektiven Wahrheiten (Naturwissenschaften) und subjektiven Wahrheiten (Perspektive des Ich), und weiteren Unterteilungen. All diese Wahrheiten im Plural haben etwas Entscheidendes gemeinsam: Sie kennzeichnen jeweils einen Gegenstandsbereich, den der Mensch sieht, abwägt, beurteilt. In dieses Urteil fließen Bedingungen ein, die tatsächlich veränderlich sind: die Weltanschauung der Zeit (die man heute Konstruktion nennt), persönliche Erfahrungen, Verdrängungen, Wertungen. Daher sind solche Bedingungen grundsätzlich immer neu zu überprüfen. Aber Bezugspunkt der Überprüfung (die man heute Dekonstruktion nennt) bleibt doch die gemeinsame Wirklichkeit.

Kündigt man Wirklichkeit als Maßstab des Erkennens, dann allerdings versackt das Denken in die Beliebigkeit. Wie es in der Subkultur von Jugendlichen heißt: Man kann sich auch ein Loch ins Knie bohren und heiße Milch reingießen. Aber kann man das wirklich? Gerade da schlägt ja der Schmerz zurück – Schmerz als vielleicht letztes Zeichen, dass Wirklichkeit nach ihren eigenen Regeln behandelt werden will. Und es gibt nicht nur den körperlichen Schmerz, viel tiefer noch den existenziellen der zerbrochenen oder halbierten Beziehungen. Die Resonanz zwischen Welt und Mensch ist nicht einfach stimmig, sie ist sogar vielfach gestört. Umso mehr greift die Frage: Gibt es nur eine Biokultur für Pflanzen und Tiere? Oder auch für Menschen? Sie ist ungleich störanfälliger, aber deswegen auch lohnender, weil der Mensch nicht nur bios hat, körperliches Leben, sondern zoe, Leben des Geistes – das fordert seine eigene Mühe ein. „Richtiges Leben“ kann immer wieder anders gesucht werden, bisherige Lösungen lassen sich dekonstruieren – aber das Ziel bleibt: die Sehnsucht nach der Wahrheit dieses Daseins, durchaus „meiner“ Wahrheit“. Aber „meine“ und „deine“ Wahrheit sind nicht grundverschieden; sie treffen sich im sachgemäßen Zugriff, in richtigen oder zerstörerischen Antworten auf Wirklichkeit.

Eine Zumutung an die menschliche Vernunft

Wie hängen Wirklichkeit und Wahrheit zusammen? Wahrheit zeigt sich „zwischen“ der Wirklichkeit und dem Menschen. Wirklichkeit ist das, was aufprallt, widersteht, antwortet, in allen Spielräumen des Körperlichen, Seelischen und Geistigen, kurz: Wirklichkeit ist das Gegebene. Wahrheit wirkt als das Licht, das die Beziehung zwischen dem Gegebenen und dem menschlichen Sehen, Entscheiden, Tun in Gang bringt.

Wahrheit meint die wahre Beziehung zwischen Welt und mir. Und nicht nur für mich als Einzelkämpfer, sondern: Sprache, Kultur, Nach-Denken lassen sich ein auf das, was andere schon gesehen haben, und womöglich tiefer als ich. Denn es gibt tiefe, aber auch flache Einsichten; eine sehr flache Behauptung bleibt, dass das Gegebene jeder Willkür des Machens und Deutens ausgeliefert sei.

Umgekehrt: Klassische Einsichten, von der Antike bis zur heutigen Phänomenologie, begründen den Zusammenhang von Wirklichkeit und menschlicher Antwort so, dass diese Welt von Logos geprägt ist. Logos meint Klarheit des Aufbaus, Verlässlichkeit der Abfolge, Schönheit des Regelmäßigen. Vorfindliche Strukturen, Gesetzmäßigkeiten, naturhafte Entwicklungen binden selbst chaotische Elemente ein in neu sich formierende Ordnungen. Naturwissenschaftliche Erkenntnisse führen heute ins unvorstellbar genau aufeinander Bezogene, wenn man nur an die Astrophysik oder Nanophysik denkt. Es ist eine sonderbare Zumutung an die Vernunft, in solchen hochkomplexen Systemen nur ein anonymes Würfelspiel zu sehen. Vielmehr gilt im Logos-Charakter des Ganzen ein unmittelbares Sich-Zeigen: das Sich-selbst-Bezeugen des Urlebens in allem, was ist. Das anstößige Wort Jesu „Ich bin die Wahrheit“ (Joh 14,6) behauptet, die alles umfassende Wahrheit im Resonanzraum zwischen Welt und Mensch zu sein.

Was immer Menschen erkennen, erkennen sie in der Teilhabe an dieser Ur-Wahrheit. Das führt freilich über das philosophisch Gedachte hinaus, aber es fordert nicht einen abstrakten Glaubensakt ein, sondern den Entschluss, sehen zu wollen, was ist – und darin den ursprünglich Mensch und Welt verbindenden, wahren Logos. Niemand schöpft das, was ist, im Sehen ganz aus. Aber auch abgestufte Wahrheiten entspringen der Selbstoffenbarung der Ursprungs-Wahrheit in allem, was sich dem Erkennen auftut, und sie bleiben an die Ursprungs-Wahrheit rückgebunden. „Vergisst“ man diesen Ursprung, glaubt man nur mit konstruierten, technisch rekonstruierbaren, dekonstruierbaren Fakten zu tun zu haben, die subjektiv auszulegen sind. Aber Wahrheit ist die absolute Gabe: Sie ist das Band „zwischen“ einem unergründlichen Sich-Zeigen der Welt und dem unergründlichen Begreifen des Menschen. „Es gibt“ nicht nur die Wahrheit: Wahrheit gibt sich selbst, je tiefer man sich in die Schöpfungen des Logos hineinziehen lässt.

Kurz gefasst:

Man kann sich ein Loch ins Knie bohren und heiße Milch reingießen. Das ist möglich. Ist es aber auch sinnvoll? Wahrheit ist der sinnvolle Bezug auf Wirklichkeit. Das anstößige Wort Jesu „Ich bin die Wahrheit“ behauptet, die alles umfassende Wahrheit zwischen Wirklichkeit und Mensch zu sein. Aber: „Es gibt keine absolute Wahrheit!“ Gegenfrage: Das ist also absolut wahr?

Wahrheit zeigt sich, je tiefer man sich in die Schöpfung hineinziehen lässt und dort auf den Logos, die Handschrift des Schöpfers, trifft. Und sie zeigt sich, je sinnvoller man auf diesen Logos antwortet.

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