Würzburg

Die Wahrheit, die Christus ist

Der Synodale Weg bleibt an der Oberfläche. Was die Kirche in Deutschland so krank erscheinen lässt, hat einen viel tiefer liegenden Grund.

Bischöfe auf Synodalem Weg
Die deutschen Bischöfe begeben sich auf den "Synodalen Weg". Im Bild: Bischöfe beim Einzug zum Eröffnungsgottesdienst der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz im Fuldaer Dom. Foto: Julia Steinbrecht
Vorstellung des Logos zum Synodalen Weg
Kardinal Reinhard Marx (l.), Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, Karin Kortmann, Vize-Präsidentin des Zentralk... Foto: KNA

Antonio Rosmini-Serbati, einer der größten italienischen Denker, am 18.11. 2007 von Papst Benedikt XVI. seliggesprochen, hat 1832 ein Buch verfasst, das den Titel trägt „Über die fünf Wunden der Kirche“ („Delle cinque piaghe della Chiesa“). In der Einleitung heißt es: „Die Wunden der Kirche werden zumeist von den Sünden derer verursacht, die Christus darstellen und in seinem Namen handeln sollen. Indem sie die Kirche verwunden, kreuzigen sie Christus, der sich mit seiner Kirche untrennbar verbunden hat. So ist mein Buch über die Wunden der Kirche zugleich eine Betrachtung des Gekreuzigten.“ Das immer wieder aufgelegte Buch ist wie folgt gegliedert:

Erstes Kapitel: Die Wunde der linken Hand Christi: Die Absonderung des Klerus vom Volk; zweites Kapitel: Die Wunde der rechten Hand: Die unzulängliche Bildung der Geistlichen; drittes Kapitel: Die Seitenwunde: Uneinigkeit der Bischöfe; viertes Kapitel: Die Wunde des linken Fußes: Der Einfluss der Politik auf die Kirche; fünftes Kapitel: Die Wunde des rechten Fußes: Die Korrumpierung der Kirche durch materielle Güter.

Christus ist das Wort Gottes

Natürlich ist die Lage der Kirche im gegenwärtigen Deutschland eine andere als die im Italien des 19. Jahrhunderts. Aber eines kann man auch heute noch von Rosminis Analysen lernen. Wenn die Kirche sich reformieren will, muss sie auf Christus blicken. Denn Christus ist die Wahrheit, die die Kirche verkündigen und sakramental darstellen soll. Dieser Hinweis mag vielen als Flucht erscheinen – zum Beispiel aus den konkreten Fragen des „Synodalen Weges“ der deutschen Katholiken in die sichere Burg dogmatischer Gewissheiten. Doch das Gegenteil ist zutreffend: Christus ist die Bewegung Gottes von oben nach unten, vom Abstrakten ins Konkrete. Christus ist das Fleisch gewordene Wort Gottes (Joh 1,14). Er ist kein Begriff, keine Weltanschauung, keine Moral, auch keine „Anweisung zum seligen Leben“, sondern ein Mensch, der „in allem uns gleich war außer der Sünde“ (Hebr 4,15) und als solcher von sich sagen durfte: „Wer mich sieht, sieht Gott.“ (Joh 14,9). Konkreter kann der Logos Gottes gar nicht sein als in dem Leben und Sterben dieses einen Menschen mit dem Namen „Jesus“. Im Kolosserbrief lesen wir: „Er ist das Bild des unsichtbaren Gottes […]. In ihm wurde alles erschaffen, im Himmel und auf Erden.“ (Kol 1,15f).

Auf die Frage, warum die Kirche in Deutschland so tief verwundet ist, haben die zuständigen Bischöfe vier Gründe genannt: (a) der Missbrauch von Macht; (b) die Lebensform der Bischöfe und Priester; (c) die Sexualmoral der Kirche; (d) der Ausschluss von Frauen in Diensten und Ämtern.

Die Diagnose bleibt an der Oberfläche

Mein Kommentar: Diese Diagnose bleibt an der Oberfläche. Sie reagiert auf bestimmte Proteste, Trends und Krisensymptome; aber was die Kirche in Deutschland so krank erscheinen lässt, hat einen viel tiefer liegenden Grund. Die Ursache nämlich ist ein gigantischer Glaubensverlust. Und der betrifft den Kern des christlichen Bekenntnisses. Hoffentlich irre ich mich, wenn ich nicht nur unter den Getauften, die ihren Glauben kaum noch oder gar nicht mehr praktizieren, sondern auch unter denen, die noch ihre Sonntagspflicht erfüllen, einen fortschreitenden Verlust der christologischen Mitte beobachte: nämlich die Ablösung der Wahrheit von der Geschichte. Man trennt die Botschaft Jesu von ihm selbst. Er ist dann letztlich nur noch austauschbarer Mittler einer zeitbedingten Wahrheit, bloßer Wegweiser, bloßes Vorbild. Oder anders gesagt: Man versteht nicht mehr, was Jesus gemeint hat, als er sagte: „Wer mich sieht, sieht Gott den Vater.“ (Joh 14,9).

Hans Urs von Balthasar war sich der Provokation bewusst, die er unmittelbar nach Beendigung des Zweiten Vatikanischen Konzils mit seiner Protestschrift „Cordula oder der Ernstfall“ evoziert hat. Im Zentrum steht ein fingierter Dialog zwischen einem kommunistischen Kommissar und einem „modern gewordenen“ Christen. Der Dialog ist mit der vielsagenden Überschrift versehen: „Wenn das Salz dumm wird“. Hier eine stark verkürzte, aber meines Erachtens doch sinngemäße Kurzfassung: Der Kommissar zitiert den Christen vor sein Tribunal und fragt ihn: „Dein Christentum, was ist das eigentlich?“ Der Christ antwortet beflissen: „Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit, das ist christlich.“ Der Kommissar: „Ach, endlich seid ihr auch so weit? Und wie ist es mit Darwin und der Evolution?“ Der Christ antwortet: „Auch ich bin überzeugt, dass der Mensch vom Affen abstammt.“ Der Kommissar: „Na prima. besser zu spät als gar nicht. Aber da ist doch noch dieser Jesus.“ Der Christ: „Ja, aber wir glauben weniger an den historischen Jesus als an den Christus des Kerygmas.“ Der Kommissar ärgerlich: „Was ist das denn? Chinesisch?“ Der Christ: „Nein. Griechisch. Gemeint ist das Sprachereignis. Es kommt darauf an, dass man davon betroffen wird. Das war jedenfalls die Erfahrung der Urgemeinde.“ Der Kommissar: „Das reicht. Dein Geschwätz ist ungefährlich. Idioten hat es immer gegeben; die muss man nicht erschießen.“

Die Wahrheit, für die es sich zu leben lohnt

Kurzum: Die Wahrheit, für die es sich zu leben und zu sterben lohnt, ist keine Idee, keine Theorie, kein Ethos a la „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“; auch keine Moral oder ein Kerygma, das betroffen macht; sondern der historische Jesus. Ein Jesus, der lediglich Mittler einer Botschaft oder Moral ist, ist austauschbar. Mittler einer Botschaft waren auch Gautama Buddha, Muhammad, Mahatma Gandhi oder Martin Luther King. Botschaften sind miteinander vergleichbar; unter Umständen ergänzen sie sich oder bilden zusammen ein neues Ganzes. So sehen das die Vertreter der sogenannten „Pluralistischen Religionstheologie“ oder die von Hans Küng inspirierten Protagonisten eines alle Religionen und Traditionen einenden „Weltethos“. Aber das Christentum verrät seine innerste Mitte, wenn Jesus zum bloßen Transporteur einer Botschaft unter anderen Botschaften degradiert wird. Denn im Unterschied zum Beispiel zu Gautama Buddha hat er den Menschen nicht nur einen Weg gezeigt, sondern von sich gesagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ (Joh 14,6a).

Dass der historische Jesus vor zweitausend Jahren in Raum und Zeit etwas vollbracht hat, was die Situation aller Menschen aller Zeiten grundlegend verändert hat, glaubt – so fürchte ich – nur noch eine Minderheit der deutschen Katholiken.

Viele meinen, Ostern würde die Christenheit feiern, dass der physische Tod nicht das letzte Wort habe. Aber um diese Hoffnung zu vermitteln, bedarf es nicht des Dramas zwischen Bethlehem und Golgotha. Dass es nach dem physischen Tod weitergeht, glauben die Angehörigen fast aller Religionen. Das Judentum aber unterscheidet zwischen dem uneigentlichen (physischen) Tod und dem eigentlichen Tod der Trennung von Gott.

Sakramentales Denken wiedergewinnen

Das Judentum zur Zeit Jesu war überzeugt, dass die Sünde eine vom Menschen geschaffene Wirklichkeit ist; und dass der Sünder sich nicht selbst von seiner Sünde trennen kann; und dass deshalb nicht nur die Sünde, sondern auch der Sünder „das von Gott Getrennte“ (die ,Sheol‘) ist. Nur weil der historische Jesus die Anwesenheit Gottes selbst in Raum und Zeit war, ist mit ihm Gott selbst an den ,Ort‘ der Sünde und des Sünders (in die ,Sheol‘) gelangt. Ostern feiern Christen die Aufhebung der ,Sheol‘. Denn seit Ostern hat keine Sünde mehr die Macht, den Sünder von Gott zu trennen – jedenfalls dann nicht, wenn er die bis in die tiefste Tiefe reichende Hand des Gekreuzigten und Auferstandenen ergreift. Ewiges Leben ist Gemeinschaft mit dem zum Vater erhöhten Jesus.

Hier müsste die Neuevangelisierung Deutschlands ansetzen. Im Kern geht es um die Wiedergewinnung des sakramentalen Denkens. Jesu Menschsein ist kein bloßes Symbol. Ein Symbol ist von der Wirklichkeit, die es bezeichnet, trennbar; aber ein Sakrament nicht. Das Menschsein Jesu ist untrennbar von der Gottheit des Sohnes. Jesus ist personal (hypostatisch) identisch mit dem göttlichen Logos. Deshalb ist sein Menschsein das Ursakrament. Und jede Wirklichkeit, die untrennbar ist vom Ursakrament, ist ihrerseits ein Sakrament.

Ausgerechnet nach dem Konzil, das die Kirche als von Christus untrennbar und deshalb insgesamt als (Grund)sakrament bezeichnet hat, erleben wir eine in ihren Konsequenzen kaum überschätzbare Krise des sakramentalen Denkens. Mit der nicht zufällig zur Jahrtausendwende veröffentlichten Erklärung „Dominus Iesus“ hat Papst Johannes Paul II. die Christenheit daran erinnert, dass niemand Jesus Christus (das Ursakrament) empfangen kann, ohne selbst Sakrament (Kirche) sein zu wollen. Wer getauft wird, ist zugleich Mittel und Werkzeug Christi. Kurzum: Die Kirche ist Leib Christi, weil sie sich in der Eucharistie täglich neu von Christus her empfängt. Selbst unter denen, die sich als regelmäßige Kirchgänger bezeichnen, schwindet das Bewusstsein, dass man ein Sakrament nicht nur für sich selbst empfängt, sondern primär für die sogenannten „anderen Brüder und Schwestern“. Kaum noch bewusst ist der Unterschied zwischen der nichtsakramentalen und der sakramentalen Kommunikation mit Christus.

Worüber geredet werden müsste

Für Katholiken sollte klar sein: Wer sakramental kommuniziert, identifiziert sich mit der Bekenntnisgemeinschaft, in der er kommuniziert. „Missa“ bedeutet „Sendung“. Die von Bischöfen kaum noch erwähnte oder erkärte Sonntagspflicht ist Ausdruck der Tatsache, dass es beim Empfang der Eucharistie nicht bloß um das Heil des Empfängers, sondern auch um die Mission der Kirche geht. Wie eine Ehe stirbt, wenn die Ehepartner nicht regelmäßig miteinander kommunizieren, so stirbt die Kirche, wenn ihre Glieder nicht regelmäßig mit Christus und miteinander kommunizieren.

Geredet werden müsste über die Sonn-tagspflicht, über die Bedingungen des Eucharistieempfangs, über den Nexus von Buß- und Altarsakrament, über die Bedeutung der Firmung, und nicht zuletzt über eine Ökumene, die die Einheit nicht in der Wahrheit (in Christus), sondern in Anpassungen sucht. Wo die Kirche nicht mehr als Sakrament verstanden wird, schwindet zwangsläufig auch jedes Verständnis für den priesterlichen Charakter des Christseins – ganz zu schweigen von dem Verstehen des besonderen Priestertums derer, die das gründende, leitende und richtende „Voraus“ des Hauptes Christus gegenüber dem Leib der Kirche repräsentieren. Nur wer sakramental denkt, erkennt den Zusammenhang zwischen Christusrepräsentation und Zölibat. Nur wer sakramental denkt, versteht die Untrennbarkeit der Erlösungsordnung von der Schöpfungsordnung – zum Beispiel die Bedeutung der Geschlechterdifferenz von Mann und Frau für die sakramentale Darstellung des Verhältnisses Christi zu seiner Kirche. Eine Reform der Kirche, die diesen Namen verdient, ist immer praktische Christologie: Bindung der Christen an Christus und deshalb Sakramentalisierung der Getauften.

Gigantischer Glaubensverlust ist Grund für die Krise

Die Agenda des „Synodalen Weges“ bleibt an der Oberfläche. Sie reagiert auf bestimmte Proteste, Trends und Krisensymptome. Der viel tiefer liegende Grund für die schwere Krise der Kirche ist aber ein gigantischer Glaubensverlust. Auch unter Getauften ist ein fortschreitender Verlust der christologischen Mitte zu beobachten: Man trennt die Botschaft Jesu von ihm selbst.

Aber das Christentum verrät seine innerste Mitte, wenn Jesus zum bloßen Transporteur einer Botschaft unter anderen Botschaften degradiert wird. Die Wahrheit, für die es sich zu leben und zu sterben lohnt, ist keine Idee, keine Theorie, kein Ethos, auch keine Moral oder ein Kerygma, das betroffen macht. Die Wahrheit ist Jesus Christus selbst, der von sich gesagt hat: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6a). Hier muss die dringend nötige Neuevangelisierung ansetzen. Wenn die Kirche sich reformieren will, muss sie auf Christus blicken.

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