Berlin

Zwischengong im Dreikampf

Der Kampf um das Kanzleramt zwischen Annalena Baerbock, Armin Laschet und Olaf Scholz kommt nach dem ersten "Triell" langsam auf Touren.
Wahl-Triell - TV-Diskussion Kanzlerkandidaten
Foto: -- (RTL) | Alle Kandidaten vermieden es beim TV-Triell, irgendjemandem weh tun zu wollen. Im Grunde wollen alle Drei potentiell alle Wähler ansprechen.

Triell - diese Wortneuschöpfung zeigt es schon: Dieser Bundestagswahlkampf ist anders als alle vorherigen. Die neue Dreier-Konstellation markiert nicht nur die Veränderung des Parteinensystems, sie erfordert auch neue Formen der Inszenierung der Politik in der Öffentlichkeit. Das erste "Triell", das nun bei RTL lief, dem aber noch ähnliche Formate in anderen Fernsehsendern folgen, steht für die Eventisierung von Politik. Die Kandidaten brauchen eine Bühne, erst dort wird das, was sie machen, zum Ereignis. Entsprechend fallen auch die Bewertungen danach aus   etwa in der Talkrunde mit Semi-Prominenten nach der Debatte bei RTL: Sie sitzen dort nicht als politische Analytiker, eher als Theaterkritiker. Die Kandidaten bekommen Noten dafür, ob sie ihre Rolle gut gespielt haben. Die Frage ist, wer eigentlich die einzelnen Rollentypen vergibt? Die Parteiapparate, die Medien oder entscheiden sich doch die Kandidaten selbst für ein Profil? Jedenfalls gibt es sofort den Praxistext, die Publikumsbefragung. Schon 30 Minuten nach der Debatte flimmerte die erste Forsa-Umfrage über den Bildschirm. Olaf Scholz an der Spitze, dann Annlena Baerbock und erst zum Schluss Armin Laschet. Aber was sagen die Umfragen letztlich? Es werden nämlich auch andere Werte präsentiert: Bei Allensbach lag die CDU noch an erster Stelle. 

Die drei Tendenzen des Triells

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Trotzdem lohnt es sich aber, sich dieses erste "Triell" genauer anzusehen. Es werden nämlich drei Tendenzen erkennbar, die aller Voraussicht nach auch über die Bundestagswahl hinaus noch die deutsche Politik prägen werden. Da ist zunächst das Desinteresse an Außen- und Verteidigungspolitik. Zwar ließ sich in der Fernsehdebatte eine kurze Frage-Einheit zu dem Afghanistan-Problem nicht vermeiden, Armin Laschet sprach sogar, in deutlicher Abgrenzung zur eigenen Bundesregierung, von einem Desaster. Aber das war es dann auch. Nichts zur Weiterentwicklung der EU, kein Wort über die Zukunft der NATO und des transatlantischem Bündnisses, von einer geopolitischen Perspektive auf China und Russland gar nicht zu reden. Am meisten war hier, wenn auch nur in Ansätzen, von Annalena Barebock zu hören, die ja bekanntlich "vom Völkerrecht kommt". Ansonsten hatte die ganze Debatte eine stark innenpolitische Schlagseite. Man könnte auch zugespitzt sagen: Über dem Fernsehstudio hing die deutsche Käseglocke. 

Mit dieser Grundstimmung hängt die zweite Tendenz zusammen: Alle Kandidaten vermieden es, irgendjemandem weh tun zu wollen. Im Grunde wollen alle Drei potentiell alle Wähler ansprechen. Also darf auch niemand vergrault werden. Das interessante daran: Die traditionellen Volksparteien, Union und SPD, sind eigentlich seit Jahren in der Krise. Trotzdem wollen jetzt sogar die Grünen Volkspartei sein. Annlena Baerbock gab sich sichtlich Mühe, selbst in der Klimapolitik nicht mit Maximalforderungen zu überziehen und möglichst keinen Wähler zu verprellen. Aber was hier angestrebt wird, sind Volksparteien neuen Typs. Die alten basierten auf festen sozialen Millieus. Und die Zugehörigkeit zu diesen MIlieus ging auch immer mit inhaltlichen Grundvorstellung einher, die sozusagen nicht verhandelbar waren. Jetzt geht es um Volksparteien für Wechselwähler. Sie richten sich wirklich an alle. Inhaltlich Voprägungen sind nicht nötig, sondern sogar eher hinderlich. Bei der einen Wahl kann die Volkspartei X, bei der anderen Volkspartei Y gewählt werden. 

Inhalte verlieren, Personen gewinnen an Bedeutung

Wenn aber Inhalte an Bedeutung verlieren, gewinnen Personen immer mehr an Bedeutung. Dies hat   es ist die dritte Tendenz   das "Triell" auf paradoxe Weise deutlich gemacht. Der Kandidat  der Partei, aus der die bisherige Kanzlerin stammt, muss sich von seiner Parteifreundin distanzieren, wenn er Erfolg haben will. Der Kandidat der Konkurrenz, Olaf Scholz, versucht sie zu imitieren. Verkehrte Welt? Nein, in dieser Richtung wird es weitergehen. Die Person schwebt über der Partei.  

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