Zu den Schriften

Das Leben des heiligen Aurelius Augustinus (354–430), des Bischofs von Hippo Regius in Nordafrika, ist heute in allen Einzelheiten so bekannt wie das kaum eines seiner Zeitgenossen. Er selbst legt es in seinen Confessiones, den Bekenntnissen, rückhaltlos offen, und zahlreiche Bücher sowie erhaltene Korrespondenz vervollständigen das Bild.

Das Leben im epikureischen Sinne genießen

Viele Jahre hatte Augustinus „geschlechtlichen Umgang mit einer einzigen, nicht in einer Ehe, die man gesetzmäßig nennt? immerhin nur mit der einen, auch ihr die Treue im Umgang wahrend“ (Conf. IV, 2). Aus diesem mehr als ein Jahrzehnt währenden Verhältnis ging auch Augustinus? Sohn Adeodatus (Der von Gott Gegebene) hervor. Das Ende seines Konkubinats in Mailand beschreibt Augustinus wie folgt: „Mittlerweile häuften sich meine Sünden. Man hatte mir die Genossin meines Lagers als Hindernis für die Ehe von der Seite gerissen, sie, die mir ans Herz gewachsen war, und von Schnitt und Wunde vergoss dies Herz von seinem Lebensblut. Sie war heimgekehrt nach Afrika?“ (Conf. VI, 15) Dem Text ist weder zu entnehmen, dass Augustinus seine Geliebte etwa treulos verjagt noch dass diese ihn treulos verlassen hätte. Sicher falsch wird dieses Kapitel von einem Herausgeber der Bekenntnisse mit „Die erste Frau zieht sich zurück“ überschrieben. Weder über ihre Herkunft, noch über ihr Zusammenleben mit Augustinus, noch insbesondere über ihr weiteres Schicksal ist irgend etwas bekannt. Auch Hans Urs von Balthasars Notiz in einer Anmerkung zu den Bekenntnissen, sie sei „zweifellos die hellste Gestalt in dieser fatalen Episode“, bringt kein Licht in das sie verhüllende Dunkel. Soweit die Fakten.

Doch dann will Jostein Gaarder, der norwegische Philosoph und Erfolgsautor („Sophies Welt“) vor knapp zehn Jahren auf einem Flohmarkt in Buenos Aires ein lateinisches Textkonvolut gefunden haben: „FLORIA AEMILIA AURELIO AUGUSTINO EPISCOPO HIPPONIENSI SALUTEM.“ (Floria Aemilia grüßt Aurel Augustin, Bischof von Hippo.) Der Text gab vor, die Abschrift eines Briefes zu sein, den Augustinus? vormalige Geliebte knapp fünfzehn Jahre nach der Trennung ihrem früheren Freund geschrieben habe.

Zehnfach – jeweils bezogen auf die zehn (ersten) Bücher der Confessiones – werden darin dem „Aurel“, gelegentlich auch dem „verehrten“ oder „gnädigen Bischof“ die Leviten gelesen. Dabei macht die fiktive Briefschreiberin nicht nur ihrem Adressaten persönlich Vorwürfe („sublimer Verrat“, „verschärfte Untreue“, „die Geliebte um des eigenen Seelenheils zu verlassen“). Vielmehr beansprucht sie, ihren Brief auch „an die ganze Christenheit“ zu schreiben, „denn schließlich bist du heute ein sehr einflussreicher Mann“. Sie wehrt sich gegen Augustinus? Erklärung, ihr gemeinsamer Sohn sei „in Bosheit empfangen“ und in ihrem Mutterschoß „in Sünde genährt“ und fragt: „Oder in Liebe, geehrter Bischof, das Kind wird in Liebe empfangen so schön und weise hat Gott die Welt eingerichtet, daß es nicht durch Knospung geschieht.“ Sie besteht darauf, dass das, was Augustinus jetzt „das Sinnliche“ nennt, nicht das einzige gewesen sei, was sie beide verbunden habe, sondern vielmehr tiefe Freundschaft. Der Ehe nicht bedürfend seien sie „wie Zwillinge“ gewesen, die nur ein Chirurg habe voneinander trennen können. Floria, jetzt Rhetoriklehrerin in Karthago, erweist sich dabei als gut vertraut mit der antiken Dichtung und Philosophie. Augustinus? Warnung vor dem Erkenntnistrieb des Menschen beantwortet sie mit dem bekannten Satz „Si tacuisses, philosophus mansisses.“ („Wenn du geschwiegen hättest, wärst du ein Philosoph geblieben.“) Das hat zwar erst Boethius (480–524) hundert Jahre später geschrieben. Aber Jostein Gaarder meint in gleichsam hyperbolischer Überkugelung, es sei nicht unwahrscheinlich, dass sein Codex Floriae dem im römischen Gefängnis einsitzenden Philosophen bekannt gewesen sei. Floria betont immer wieder, das Leben sei kurz und man müsse es im epikureischen Sinn genießen, und obgleich sie Katechumena sei, könne sie doch an keinen Gott glauben, der Menschenopfer verlange und das Leben einer Frau zerstöre, um die Seele des Mannes zu retten.

Die posthume Antwort von Augustinus

Soweit die literarische Vorgeschichte zu dem nun zu rezensierenden Buch von Mechthild M. R. Hofmann, „Unvergängliches Leben. Augustin antwortet Floria.“ Die Autorin ist Altphilologin und Theologin. Augustinus? Antwortbrief will sie als ein offensichtlich bereits zur Publikation vorbereitetes lateinisches Typoskript in einem Koffer ihres Vaters auf einem Frankfurter Speicher gefunden haben. Die Mitautorin eines einsprachigen Lateinlehrbuches „Piper salve“ („Pfeffer oder Salz“) teilt mit unverhohlener Freude am Lateinischen den Text zweisprachig mit. Dabei wird aus der Begrüßungsformel „D. AURELIUS AUGUSTINUS HIPPONENSIS FLORIAE AEMILIAE CARTHAGINIENSI SALUTEM PLURIMAM DICIT“ schlicht: „Liebe Floria.“ Augustinus – oder eher ein Pseudo-Augustinus – schreibt, er habe damals in Mailand (wo die Trennung von Floria offenbar auf Betreiben seiner Mutter erfolgte) falsch gehandelt, indem er sich nach seiner Mutter gerichtet habe. Er wisse aber nicht, was er zum damaligen Zeitpunkt anderes hätte tun sollen. Es habe ihm an Verstand und besserem Rat gefehlt. „Ich habe nichts, was ich zu meiner Verteidigung vorbringen könnte, außer mein verwundetes Herz.“ Das aber hindert Augustinus – oder eben jenen Pseudo-Augustinus – nicht daran, Floria „vorwurfsvolles Gejammer“ vorzuhalten, sie einen „Dummkopf“ zu schelten und zu fragen, ob sie den Verstand verloren hätte. Er unterstellt ihr eine ausgedachte Wahnvorstellung aus irgendeinem Zeitalter, jedoch nicht dem römischen und auch nicht dem christlichen. Weniger temperamentvoll als der Verweis auf sein verwundetes Herz sind seine Versuche, auf Florias Vorwürfe eingehender zu antworten. Floria, der er vorwirft, seine Bekenntnisse überhaupt nicht verstanden zu haben, wird nicht verstehen, was er ihr zu Mann und Frau schreibt: „Womit willst du aber dein Leben vernünftig erfüllen? Nicht etwa doch damit, was dem Verstand am meisten entspricht, mit eben dem von Gott erschaffenen Einsichtsvermögen? Denn er hat uns nicht zum Untergang erschaffen, sondern auf das Ziel hin, ewig zu leben. Wenn erst einmal die Gier nach körperlichem Verkehr dahingeschwunden ist, werden wir uns gegenseitig endlich wahrnehmen, wie wir sind. ?Dann wird auch das, was bis jetzt noch für die Frau in Bezug auf Geschlechtsverkehr und Geburt?, also in Bezug auf die Verzweckung ihres Körpers? peinvoll ist, keine Rolle mehr spielen. An dessen Stelle wird eine ganz neue Herrlichkeit treten.? Die göttliche Weisheit wird im weiblichen Körper in Erscheinung treten und mehr als im männlichen durchscheinen, weil Gott die Frau ja als letztes, also sein bestes Geschöpf, geschaffen hat.“

Kaum dürfte sich Floria Aemilia mit einer solchen Antwort zufriedengeben. Darum wird Jostein Gaarder sicher bald auf einer ganz versteckten und geheimen vatikanischen Website – vielleicht „Anklagen gegen Heilige“, www.accusationes-contra-sanctos.va – einen weiteren Brief dieser Frau (er)finden, in dem sie Augustinus barsch auffordert, nun doch endlich auf ihre Vorwürfe einzugehen, dass er die Welt, die Sinne, die Sexualität und die Frau verachte und ihr persönlich gegenüber „eine verschärfte Form der Untreue“ begangen habe.

Und dann wollen wir doch hoffen, dass ein kluger Augustinus-Kenner die Eingebung haben wird, vielleicht in einem durch Löschwasser aufgeweichten Buchdeckel aus der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar wenigstens Bruchstücke jenes Antwortbriefes zu entziffern, den Augustinus heute an Floria Aemilia (und uns) schreiben würde. Daraus könnte dann hervorgehen, dass Augustinus keineswegs die Welt und die Sinne verachtet, sondern dass er sie um Gottes willen liebt – allerdings fürchtet, dass die Dinge der Welt und der Sinne sich verselbständigen und solche Macht über ihn gewinnen, daß sein Gottesbezug bedroht ist. Vielleicht würde der Pseudo-Augustinus heutigen Menschen erklären können, daß ihnen diese Gefahr in profaner Form Tag für Tag begegnet: die Augenlust lässt den Fernseher über sie herrschen, die Freßlust lässt sie zu fett werden und die Neugier, mit der sie Zeitung um Zeitung verschlingen, stiehlt ihnen die Zeit für die Muße. Immer ist es die Verselbstständigung von Befriedigung, das Aus-dem-Rahmen-Fallen des Sinnlichen, was bereits ohne jeden religiösen Bezug den Menschen schon hier auf Erden schadet. Das gilt auch für die als Befreiung gefeierte Entfesselung der Sexualität, mit der die Menschen, nimmt man alles in allem, sicher nicht glücklicher geworden sind. Augustinus würde erklären, man missverstehe ihn. Er sehe die ordnungsstörenden Versuchungen, die die Welt und die Sinne in sich bergen. Doch denen sei nicht mit Verachtung von Welt und Sinnen zu begegnen, sondern mit dem steten Bemühen, dem Genuss der Befriedigung nicht die rechte Ordnung von Welt und Sinnen unterzuordnen. Dazu bedürfe es auch, wo angebracht, des Verzichtes.

Auch auf Florias Vorwurf, dass ihr ehemaliger Geliebter davon spreche, ihr gemeinsames Kind sei „in Bosheit“ gezeugt, könnte der Pseudo-Augustinus gut erwidern. Verlangt nicht heute jede noch so liberale Sexualaufklärung, dass, was immer man auch tue, die Zeugung eines Kindes unterbleiben müsse, wenn man die Verantwortung für ein Kind nicht übernehmen könne? Im damaligen römischen Reich war es selbstverständlich, dass eine Konkubine, um dem Mann eine andere Ehe zu ermöglichen, form- und fristlos davongejagt werden durfte. Einem Kind gegenüber war es deswegen unverantwortlich, es unter den ungesicherten Verhältnissen eines Konkubinates ins Leben zu rufen. Natürlich geschah das immer wieder; aber war es deswegen nicht Bosheit, nicht Sünde? Es müsste erklärt werden, dass solche Sünde nichts mit Verachtung von Sexualität zu tun hat.

Schließlich bliebe noch auf Florias Vorwurf der „verschärften Form der Untreue“ einzugehen. Augustinus hatte ja die Trennung von seiner Geliebten mindestens hingenommen. Durfte er damit um seiner eigenen ewigen Seligkeit Willen diese Frau gleichsam opfern? Aus seinen Bekenntnissen geht hervor, dass er sein ganzes damaliges Handeln rückblickend als falsch und sündhaft betrachtet. Die dabei eingegangene menschliche Bindung an Floria vollzog sich im übrigen in einem gesetz- und sittenlosen Rahmen, wie er im Niedergang des römischen Reiches gang und gäbe war. Deswegen war diese Bindung von der Wurzel her krank und nicht auf Bestand angelegt. Augustinus? „Untreue“ bleibt zwar deswegen menschlich nicht zu rechtfertigen, doch ist sie unentwirrbar in die von vorneherein aus der Ordnung fallende Liebe zu Floria verwoben. Und wer werfe heute angesichts solcher Dinge den ersten Stein?

Der posthume Briefwechsel des heiligen Augustinus mit seiner ehemaligen Konkubine ist ein – auch sprachlich – reizvolles literarisches Spiel. Soweit er vorliegt, bedient er die üblichen Klischees, mit denen man Augustinus versieht, vermittelt aber keine vertiefende theologische Einsicht. Für diese sollte man auf das zurückgreifen, was Augustinus wirklich geschrieben hat, die Confessiones nämlich, und in deren X. Buch das nachlesen, was unverstanden geblieben ist.

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