Porträt

Yechiel Brukner im Portrait der Woche

Der Optimist
Yechiel Brukner

„Meine Familie und ich sind hier mit offenen Türen und Herzen empfangen worden. Und das liegt nicht nur daran, dass es drei Jahre keinen Gemeinderabbiner gegeben hat. Die Kölner sind einfach so – mit viel Wärme, Lächeln und Aufrichtigkeit. Wir sind sehr froh, dass wir hier sind.“ Mit diesen Worten fasste Rabbiner Yechiel Brukner am Ende des vergangenen Jahres die ersten hundert Tage seiner Amtszeit in der Kölner Synagoge zusammen.

DER OPTIMIST

Aktuell fällt sein Fazit nüchterner aus. „Es bewegt mich sehr, dass ich so viele positive Reaktionen und Zuspruch erhalte. Dafür bin ich sehr dankbar.“ Hintergrund sind antisemitische Vorfälle, die den Kölner Gemeinderabbiner und die Verantwortlichen der Synagogen-Gemeinde Köln (SGK) dazu bewogen, dass Brukner nicht mehr Straßenbahn, sondern einen Dienstwagen fährt. In der Bahn war der Geistliche immer wieder antisemitischen Schmähungen und Beleidigungen ausgesetzt. „Trotz der zu beklagenden Erscheinungen, die beobachtet und behandelt werden müssen, gibt es viel Positives“, so der gebürtige Schweizer. Die Vorfälle hatte der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki öffentlich gemacht. In einer seiner Videobotschaften hatte der Kölner Erzbischof erklärt, dass er sich dafür schäme. dass so etwas in Deutschland möglich sei. Brukner erhielt daraufhin viele positive Reaktionen. Durch sein freundliches und unprätentiöses Auftreten ist dem sechsfachen Familienvater und 17-fachen Großvater ohnehin eine positive Ausstrahlung eigen. Brukner und seine Frau gehören zur zweiten Generation nach der Shoah. „Dieser Tatsache sind wir uns sehr bewusst. Ich hätte es niemals erwartet, dass in Deutschland nach der Shoah überhaupt wieder antisemitische Töne möglich sind. Das hat mich schockiert.“ Nach dem Abitur studierte er im schweizerischen Montreux. Dort verband er das Tora- sowie Talmud-Studium mit dem Pädagogikstudium. Als Lehrer war er in Israel, in seiner schweizerischen Heimat und zuletzt in München tätig, ehe er im vergangenen Jahr seine erste Stelle als Rabbiner der urkundlich nachweislich ältesten jüdischen Gemeinde nördlich der Alpen (seit 321 n. Chr.) antrat. In Israel wurde er vom Oberrabinat ordiniert. In Köln fühle er sich sehr wohl – trotz der Übergriffe und dem Phänomen des sogenannten Alltagsantsemitismus, der in den Kriminalstatistiken nicht auftaucht und nicht justiziabel ist, weil Betroffene ihn nicht zur Anzeige bringen. Doch auch bei den offenkundigen Delikten gegen Juden oder jüdische Einrichtungen ist der Befund nicht minder alarmierend: 350 Fälle verzeichneten die nordrhein-westfälischen Behörden im Jahr 2018.

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