Wirtschaft prägt Heimat

Wie ändert sich aber das Heimatgefühl, wenn die Wirtschaft in einer Region sich neu strukturiert? Dieses Verhältnis hat die Adenauer-Stiftung in einer Studie untersucht.

Festakt zum Ende des Steinkohlebergbaus
Wehmütiger Abschied: Der Ruhrkohle-Chor sang zum Ende des Bergbaus 2019 im Düsseldorfer Landtag. Foto: dpa

Wer im Ruhrgebiet aufgewachsen ist, weiß, was es heißt, „auf Kohle geboren“ zu sein. Von Kindheit an war da immer der Bergbau, der die Region und das Leben prägte. Das Steigerlied gehört zur DNA des Kohlenpottkindes, das in seiner Verwandtschaft meist Angehörige mit Püttvergangenheit hat. Das ist jetzt alles anders, die letzte Zeche im Revier hat die Förderung eingestellt, bis 2038 soll der Kohleausstieg auch in anderen Regionen abgeschlossen sein.

Schwarzes Gold in der Biografie

Was macht das mit den Menschen, für die das „schwarze Gold“ ein Teil ihres Lebens, ihrer Familienbiografie war? Dieser Frage ist die Konrad-Adenauer-Stiftung in einer Studie mit dem Titel „Wirtschaft ist Heimat – Regionaler Strukturwandel in Biografien und Erwartungen der Bevölkerung“ nachgegangen. Dazu hat man sich angesehen, wie in den aktuellen und ehemaligen Kohleregionen an Saar und Ruhr, in der Lausitz und bei Chemnitz der Strukturwandel infolge des Kohleausstiegs erlebt wird.

„Die Menschen nehmen die Veränderungen nachdrücklich als Verlust von Heimat wahr. Während sie beruflich für sich durchaus Perspektiven sehen, schmerzt der Verlust der regionalen Identität doch sehr“, erklärt Jochen Roose. Der Verfasser der Studie ist in der CDU-nahen Stiftung zuständig für Wahl- und Sozialforschung.

Was der Wandel mit den Menschen macht

„In der Studie wollten wir einen Blick darauf werfen, wie die Menschen den Wandel erleben, was das mit ihnen macht“, ergänzt Roose. Der Vergleich der Berufsbiografien mit anderen Regionen, die nicht von der Kohle geprägt sind, habe erstaunlicherweise nur wenige Unterschiede hervorgebracht. So gebe es zum Beispiel nicht die erwarteten längeren Arbeitslosigkeitsphasen bei vom Strukturwandel betroffenen Mitarbeitern des Bergbaus.

Viel interessanter als der berufliche Aspekt war ein anderes Ergebnis der Studie: „Der Wandel ist bedeutsam für die Region insgesamt“, betont der Verfasser der Studie. So hätten viele Interviewpartner, die weder eine persönliche noch eine familiäre Verbindung zum Bergbau hatten, erklärt, dass es wirklich traurig sei, dass das alles zu Ende gehe. Diese Erkenntnis hat der Studie letztlich zu ihrem Namen verholfen. „Wir haben festgestellt, dass Wirtschaftsstruktur ein Teil der Heimat ist und Strukturwandel als Verlust von Heimat wahrgenommen wird“, beschreibt Roose. Der Bergbau mit seiner Geschichte sei Teil der regionalen Identität und von großer Bedeutung für die Menschen. Während der Strukturwandel im Hinblick auf berufliche Einschnitte im Osten Deutschlands erheblich stärkere Auswirkungen mit sich gebracht habe als im Westen, sei der Blick auf die heimatliche Verbundenheit durchaus vergleichbar.

Der Verlustschmerz ist ein politischer Faktor

Die Studie mache deutlich, dass beim politischen Umgang mit dem Strukturwandel nicht nur die wirtschaftlichen Aspekte eine Rolle spielen dürften. Vielmehr müsse man angemessene Instrumente finden, dem Verlustschmerz der Menschen wertschätzend gerecht zu werden. Das könne durch die Bewahrung der Industriekultur zum Beispiel in Museen geschehen. Dem werde aber bereits heute Rechnung getragen.

Eine gute politische Begleitung zu einem gelingenden Strukturwandel trauen die Befragten übrigens am ehesten den Unionsparteien zu. „Das liegt sicher auch an der ihr zugeschriebenen Wirtschaftskompetenz, die man bereits aus anderen Studien kennt“, beschreibt Roose. Deutlich werde vor allem die Anforderung an die Politik, die Zukunft einer Region im Strukturwandel in den Blick zu nehmen.

Schmerzliche Folgen

„Wirtschaft ist Heimat. Folglich können regionale Strukturwandel die Heimat oder das Gefühl für die Heimat verändern, was von den Menschen oftmals als schmerzlich empfunden wird“, macht der Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung, Prof. Dr. Norbert Lammert, deutlich, welche einschneidenden Folgen die wirtschaftliche Entwicklung für die Menschen mit sich bringen kann.

Das Steigerlied bleibt also im Herzen der Menschen der Kohlereviere, auch lange nach der letzten Seilfahrt. Es trägt die melancholische Erinnerung an eine die Regionen prägende Wirtschaft und die damit verbundene Kultur und Lebensart.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier .