Wirtschaft braucht Wahrheit

Was Papst Benedikt in „Caritas in veritate“ entfaltet, lässt sich schon in früheren Schriften Ratzingers entdecken

In den ersten Tagen nach dem Erscheinen der neuen Sozialenzyklika von Papst Benedikt XVI. sind Stimmen ganz unterschiedlicher Tonalität zu vernehmen gewesen. So war in der Bewertung des Lehrschreibens von einem innerkatholischen Selbstgespräch, aber auch von einer Anti-Kapitalismus-Enzyklika die Rede. Nachdem man das Dokument in Ruhe studieren konnte, stellt sich die Frage nach dem Standpunkt von Papst Benedikt XVI. innerhalb der katholischen Soziallehre in Bezug auf das kapitalistische Wirtschaftssystem sowie nach dem Zusammenhang von Markt und Moral in der konkreten unternehmerischen Entscheidungssituation.

Im ersten Schritt gilt es, die Bewertung des kapitalistischen Wirtschaftssystems zu bedenken. Die Position des Heiligen Vaters, welche sich in der Sozialenzyklika widerspiegelt, lässt sich auch bereits in Schriften aus früheren Jahren herauslesen. Dem Theologen Joseph Ratzinger ging es schon immer um die Erkenntnis und Verkündigung der Wahrheit. So versteht er auch die Soziallehre als Verkündigung der Wahrheit der Liebe Christi in der Gesellschaft (vgl. Civ 5). So kann man dieses neue Schreiben auch als eine Fortsetzung zu Deus caritas est verstehen. Bei allem ist die Erkenntnis der Wahrheit grundlegend und notwendig – auch um zu einer Lösung der schwerwiegenden sozioökonomischen Probleme zu kommen. Ohne Wahrheit, Vertrauen und Liebe gegenüber dem Wahren gibt es keine soziale Verantwortung.

Glaube und Vernunft

Die enge Verschränkung von Glaube und Vernunft ermöglicht es der Kirche, einen eigenen Ansatz in die aktuelle Diskussion einzubringen. Ausgangspunkt ist dabei – wie für alle bisherigen Sozialenzykliken auch –, dass sich Wirtschaftsgesetze und Sittengesetz nicht in die Quere kommen. Der Professor für Dogmatik Joseph Ratzinger schreibt in seiner Einführung in das Christentum (1968), „dass das berechenbare Machbarkeitswissen vom Wesen her auf das Erscheinende und Funktionierende beschränkt ist und nicht den Weg darstellt, die Wahrheit selbst zu finden, auf die es von seiner Methode her Verzicht getan hat.“ (S. 50f). Bei den Regeln der Wirtschaft handelt es sich um „Gesetze“, die ein Funktionieren des Marktes sicherstellen sollen. Diese Marktgesetze beachten nicht, wie sich etwas im Kern verhält. Der Mensch wird in diesem Zusammenhang von der inneren Logik des Sachbereiches her als ein Funktionsträger im Verhältnis zum Wirtschaftssystem betrachtet. Innerhalb der Wirtschaft wird nicht nach der Wahrheit des Seins gefragt, sondern nur nach dem Nutzen, der sich in den wirtschaftlichen Ergebnissen zeigt. Demgegenüber geht es dem Heiligen Vater darum, die Gesamtheit der Person in allen ihren Facetten wieder neu zu betonen (vgl. Civ 11). Er entfaltet hier auf Basis seiner theozentrischen Vorgehensweise eine ganzheitliche Anthropologie. Dabei beruft er sich nicht nur wiederholt auf die Enzyklika Populorum progressio (1967), sondern bindet auch viele andere päpstliche Lehrschreiben mit ein. Die ganze Soziallehre seit Rerum novarum (1891) von Papst Leo XIII. stellt eine „einzig kohärente und stets neue Lehre“ (Civ 12) dar. Hieraus lässt sich aber keine pauschale Kapitalismuskritik evozieren.

Was von Seiten der katholischen Soziallehre immer wieder – zu Recht – kritisiert wird, sind all jene Faktoren innerhalb eines gesellschaftlichen Systems, die den Menschen als Person nicht gerecht werden. Dabei geht sie von den Prinzipien Personalität, Solidarität und Subsidiarität aus. Papst Benedikt XVI. hebt in seiner Sozialenzyklika darüber hinaus als Urprinzip die Liebe in der Wahrheit hervor. „Ein Prinzip, das in Orientierungsmaßstäben für das moralische Handeln wirksame Gestalt annimmt“ (Civ 6). Die Erkenntnis der Wahrheit ist also der Ausgangspunkt für die gesamte Soziallehre.

Dem Heiligen Vater geht es um einen differenzierten Blick auf die Entwicklung der Völker und des einzelnen Menschen unter ökonomischen, sozialen und politischen Gesichtspunkten (vgl. Civ 21). Dabei benennt er auch klar und deutlich Fehlentwicklungen auf volkswirtschaftlicher Ebene, wie die Zunahme der Ungleichheit in der weltweiten, aber auch innergesellschaftlichen Vermögensverteilung (vgl. Civ 23), die Einschränkung von gewerkschaftlichen Mitspracherechten (vgl. Civ 25) und den Hunger in der Welt (vgl. Civ 27). Daraus lässt sich jedoch auch keine grundsätzliche Verurteilung eines Wirtschaftssystems auf Grundlage des Marktes herauslesen. Der Papst will auch keine technischen Lösungen anbieten und sich auch nicht in die staatlichen Belange einmischen (vgl. Civ 9).

Im zweiten Schritt geht es hier um die Frage, wie an der Wahrheit orientiertes Handeln und moralisches Verhalten in wirtschaftlichen Entscheidungssituationen umzusetzen ist. Oftmals wird von Vertretern der Unternehmenspraxis beklagt, dass es im wirtschaftlichen Handeln zu einem Konflikt zwischen moralisch korrektem Verhalten und dem Ziel der Gewinnmaximierung kommt. Welche Hinweise ergeben sich aus der Enzyklika für Unternehmer? Die Funktion des Gewinnes wird in der Enzyklika nicht bestritten, wie es im Abschnitt 21 heißt: „Der Gewinn ist nützlich, wenn er seiner Eigenschaft als Mittel einem Zweck zugeordnet ist.“ Die Struktur des Wirtschaftssystems darf jedoch nicht so gestaltet werden, dass die Gewinnmaximierung zum einzigen Ziel wird, dem alles andere untergeordnet wird.

Markt und Moral

Der Wettbewerb im Markt um das bessere Angebot ist ein Ordnungsinstrument, aber nicht ein uneingeschränkt und aus sich heraus gültiges Prinzip. Er ist ein Mittel, mit dem man dem Gemeinwohl dienen kann. Mit einer ausschließlichen Ausrichtung auf die Maximierung des Gewinns läuft der Unternehmer Gefahr, dass Gemeinwohl aus dem Auge zu verlieren. Der Gewinn ist somit ein Resultat der Ordnung der Dinge. So hat der Unternehmer den Blick für die Gesamtheit des Unternehmens und aller seiner Anspruchsgruppen zu bewahren. So spricht Papst Benedikt XVI. unter Punkt 40, dass die Führung des Unternehmens nicht allein auf die Interessen der Eigentümer (bei börsennotierten Unternehmen oftmals Investmentfonds) achten darf, sondern auch die anderen Personenkreise mit einbeziehen muss. Das heißt: Ein unternehmerisches Verhalten, welches dem Ziel der Gewinnmaximierung folgt und auf Kosten der Kunden, Zulieferer oder der entsprechenden Gemeinde geht, ist aus Sicht der Soziallehre der Kirche nicht hinnehmbar. Das wirtschaftliche Leben soll nicht nur den Gewinn oder die Macht Einzelner erhöhen, sondern hat im Dienst der Gemeinschaft zu stehen. Diese Zielbestimmung scheint in den letzten Jahrzehnten aus dem Blickfeld geraten zu sein. Hier kritisiert der Papst auch die Zunahme von kosmopolitischen Managern, deren relevante Zielgruppe die Aktionäre waren beziehungsweise sind.

Der genannte Konfliktfall zwischen Moral und Gewinn trifft also nicht den Kern der Sache. Bereits als Kardinal hat der heutige Papst 1985 auf einem Symposium zur katholischen Soziallehre in Rom die These vertreten, dass die Wirtschaft kein deterministisches System ist, sondern auf eine transzendentale Fundierung der Normen für ein gerechtes Handeln im Markt angewiesen ist. Für ihn gibt es keine Unabhängigkeit der Wirtschaft von der Wahrheit, sondern nur eine relative Autonomie des Kultursachbereichs Wirtschaft. So kann sich auch der Unternehmer in seinem Handeln nicht von dem moralisch Richtigen dispensieren. Das, was man als wahr erkannt hat, birgt einen unbedingten Anspruch in sich. So kann auch der Liberalismus keinen Vorrang vor der Wahrheit beanspruchen, sondern die Subjektivität des Eigenen hat sich der Objektivität der Wahrheit unterzuordnen. Eine unternehmerische Freiheit ist immer nur in gegebenen Grenzen möglich. Joseph Ratzinger geht davon aus, dass innerhalb des marktwirtschaftlichen Systems Formen des Ethos vorausgesetzt werden, die nicht ökonomisch begründet sind, sondern selbst auf religiösen Überzeugungen beruhen. Dies zeigt sich auch in seiner Enzyklika. Das Prinzip der Soziallehre, also ihr Ursprung und Kern ist „Caritas in veritate“, welches in den Orientierungsmaßstäben für das moralische Handeln wirksame Gestalt annimmt (vgl. Civ 6). Wenn es zu einem Konflikt zwischen Markt und Moral kommt, dann ist nach den impliziten Voraussetzungen dieses Konfliktes zu fragen. Benedikt XVI. ordnet die Freiheit des Marktes einer Verpflichtung zu einem Leben in Wahrheit unter. Diesem Anspruch kann sich keiner entziehen und die aktuelle Wirtschaftskrise zeigt, dass besonders diejenigen Unternehmen auch langfristig Erfolg haben, die nicht nur auf eine kurzfristige Gewinnmaximierung gesetzt haben. Als biblische Referenz sei hier auf das Buch Samuel verwiesen. Aus der kurzfristigen Perspektive heraus hätte David den König Saul töten müssen – aber aus prinzipiellen Erwägen heraus, lehnt er es ab (vgl. 1 Sam 26, 8–10).

Profit und Perspektive

Auch wenn von (super)staatlicher Seite neue Regeln gefunden werden müssen, um unmoralisches Verhalten nicht mit Extragewinnen zu belohnen, so liegt es am Unternehmer beziehungsweise Manager, mit einem an der Wahrheit orientierten Verhalten voran zu gehen. Jede Investition ist nicht nur ein technologischer Vorgang, sondern ist als eine ethische Handlung zu verstehen. Und so darf beispielsweise eine Verlagerung von Produktionsstätten nicht nur unter dem Aspekt geschehen, dass man von Begünstigungen profitieren will oder gar weil Menschen ausgebeutet werden können (vgl. Civ 40). Es geht der Enzyklika also um die langfristige Perspektive. Manager, die nur an der persönlichen und kurzfristigen Gewinnmaximierung interessiert sind, werden in diesem Lehrschreiben keine Bestätigung für ihr Handeln finden.

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