Berlin

Wirecard als Symptom

Der Skandal um den Finanzdienstleister Wirecard weist auf grundlegende Probleme hin. Welche Konsequenzen sind nun zu ziehen?

Wirecard
Wirecard hatte sich den Ruf erarbeitet, ein deutscher Pionier für die digitale Wirtschaft zu sein. Foto: dpa

Politiker drängt es von Natur aus, sich um das Gemeinwohl zu kümmern. Das beinhaltet auch die Wahrnehmung von wirtschaftlichen Interessen – auf ganz vielfältige Weise. Draußen in aller Welt werden die heimische industrielle Potenz und die technologische Kompetenz repräsentiert und Unternehmen und ihre Produkte auf Märkten präsentiert. Bei Staatsbesuchen sind führende Vertreter von Industrie und Handel, Unternehmen und Finanzdienstleistern handverlesen eingeladen, als Mitglieder einer Wirtschaftsdelegation Seite an Seite mit einem Fachminister oder gar der Kanzlerin im Regierungsjet mitzureisen und bei Konferenzen und Buffets dabei zu sein.

Publikumswirksam werden Verhandlungen geführt, Messen eröffnet, Unternehmen besichtigt und gewichtige Verträge unterschrieben. Große, strukturell und systemrelevante Firmen mit vielen Mitarbeitern und Zulieferern, hohem Kapitaleinsatz und strategischem Wert erfreuen sich der besonderen Fürsorge und Begleitung durch die Politik. Das gilt insbesondere für Unternehmen im High Tech-Segment. Kein Siemens und kein Daimler kommen noch ohne staatliche Protegierung über die Runden. Die Politik ist der „Door Opener“ zu lukrativen Märkten, insbesondere wenn wie in China dort ebenfalls die Politik ein gewichtiges Wort bei Aufträgen mitzureden oder gar das letzte Sagen hat.

Wirecard blendete auch das Bundeskanzleramt

So lag es auf der Hand, dass der in den DAX aufgestiegene Finanzdienstleister und Abrechnungsspezialist Wirecard mit von der Partie war. Denn Wirecard nährte die Hoffnung, dass Deutschland endlich seinen Minderwertigkeitskomplex in puncto digitale Wirtschaft überwinden und zu den bedeutenden High Tech-Konzernen aus den USA und China aufschließen könnte. Die Story war, dass der milliardenfache Zahlungsverkehr via Internet, Kreditkarten und Smartphones von einem exquisiten Spezialabrechner für Unternehmen von Aldi bis Zalando kostengünstig und akkurat abgewickelt werden könnte. Wirecard, dem auch Kontakte ins Rotlicht- und Glücksspielmilieu nachgesagt wurden, verstand die Zeichen der Zeit.

Wunschdenken nähren, Illusionen erzeugen und mehr Anschein, denn Sein produzieren – das wurde honoriert. Mit einer raffiniert „kreativen“ Buchführung, die sonst nur stabilitätsschwachen Ländern den Zutritt zur Euro-Währungsunion ebnete, wurde ein Potemkinsches Dorf errichtet, das fast alle blendete: das Bundeskanzleramt, das Bundesfinanzministerium, die Finanzaufsichtsbehörde Bafin, renommierte Wirtschaftsprüfungsgesellschaften wie EY, Börsianer und die meisten Wirtschaftsredaktionen.

Infektiöse Ausbreitung eines Geschäftsmodells

Wie ein Superspreader befeuerte das Wirecard-Management die Phantasie des geneigten Publikums, breitete seine Art von Geschäftsmodell infektiös auf in- und ausländischen Märkten mit einem verschachtelten Firmenkonstrukt aus und erfand Geschäftsabschlüsse und Umsätze mit real existierenden oder auch nur virtuellen Partnern. Die vorgegaukelten saftigen Gewinnmargen und üppigen Renditen inspirierten freudig investierende, aber unbedarfte Geldgeber als Anleger. Banker von gleich 15 Instituten verschafften mit immer neuen Krediten in Höhe von 3,2 Milliarden Euro Wirecard immer wieder frisches Geld.

Die Liste der den Wirecard-Managern zur Last gelegten Straftaten ist lang und reicht von gewerbsmäßigem Bandenbetrug über Unterschlagung bis hin zu Marktmanipulation und Geldwäsche.

Wie aber konnte es so weit kommen? Beim Umgarnen der Politik hatte der Betrügerkonzern alle Register gezogen; der smarte ehemalige Bundesverteidigungs- und -wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und der ehemalige Nachrichtendienstkoordinator Klaus-Dieter Fritsche sorgten als Lobbyisten für den Zugang zu Kanzlerin Angela Merkel und Bundesfinanzminister Olaf Scholz. Fortan begleiteten Merkel und Scholz wohlwollend das aufstrebende Unternehmen, das zeitweise mit einem Wachstum von bis zu 35 Prozent sogar die Börsenbewertung der Deutschen Bank toppte, und agierten besonders in China im Sinne von Wirecard.

Aufsichtsbehörden drückten die Augen zu

Ein Rudel von proaktiv und aggressiv agierenden Anwälten hielt jegliche aufmuckende Wirecard-Kritik in Schach. Auch sämtliche Aufsichtsbehörden drückten alle Augen zu und wollten nicht genau wissen, was da schon lange im Busch vor sich ging. Für die Bafin und weitere Prüfeinrichtungen, aber auch die Bilanztestierer wie EY geht es inzwischen um's Renommee.

Allein die Financial Times ließ sich weder einschüchtern noch täuschen. Schlussendlich erwiesen sich 1,9 Milliarden Euro bei dem insolventen Unternehmen als nicht vorhanden oder in die Taschen des zum Teil inhaftierten Managements abgeflossen. Für Scholz ist nun die angestrebte Kanzlerkandidatur für die SPD in Gefahr; auch die Union wird sich einem Untersuchungsausschuss wohl nicht verschließen.

Mehr Check and Balances und weniger staatlicher Einfluss hätte allen Seiten gut getan. Scholz hat nun rasch einen ad hoc-Aktionsplan vorgelegt. Bilanzprüfungen sollen transparenter, Gerüchten soll durch Sonderermittler intensiver nachgegangen werden und Wirtschaftsprüfer sollen für Testate auch privatrechtlich haften. Auch bedarf es noch einer Debatte über die ökonomische Rolle des Staates.

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