Pandemie

Ulrike Kostka: Wir brauchen mehr Mut

Ulrike Kostka, Caritas-Direktorin im Erzbistum Berlin, zieht im Interview eine erste Pandemie-Bilanz. Sie fordert eine Mischung aus Mut und Verantwortung mit Blick auf die Öffnung von Einrichtungen.
Coronavirus - Heinsberg
Foto: dpa | Mittlerweile ist der Durchimpfungsgrad in den Alten- und Pflegeheimen sehr hoch. Dem müsse bei den Regelungen in den Einrichtungen Rechnung getragen werden, meint Ulrike Kostka.

Frau Kostka, wie ist der Caritasverband für das Erzbistum Berlin durch die Pandemie gekommen?

Insgesamt sind wir ganz gut durch die Pandemie gekommen. In vielen Bereichen mussten wir uns allerdings neu erfinden, weil viele Aspekte unserer Arbeit natürlich mit der unmittelbaren Begegnung mit Menschen verbunden sind. Dabei haben wir versucht, zumindest dort, wo es möglich war, weiterhin Face to Face zu arbeiten. Wo das allerdings nicht ging, haben wir dann auch frühzeitig die Gelegenheit genutzt, digitale Formate zu nutzen und zu entwickeln. Wichtig war für uns der Blick darauf, wo Versorgungslücken entstehen. Das war zum Beispiel der Fall bei wohnungslosen Menschen in Berlin, die auf einmal nicht mehr ausreichend mit warmem Essen versorgt werden konnten. Viele Suppenküchen durften ihre Räume nicht mehr so nutzen wie vor der Pandemie. Deshalb haben wir zum Beispiel dort kreative Lösungen entwickelt.

Wie sah diese Kreativität aus?

Wir haben den Caritas-Food-Truck entwickelt, der verschiedene Orte anfährt und die Menschen dort mit warmem Essen versorgt. Damit haben wir gleichzeitig ein junges Unternehmen unterstützt. Wir haben daneben viele neue Formen entwickelt, wie zum Beispiel in der Online-Beratung. Die gab es zwar bereits vor der Pandemie, aber nicht in dem Umfang, wie wir sie dann durchgeführt haben. Diese neuen Formate werden gut angenommen. Die Coronasituation hat sicher einen Digitalisierungsschub ausgelöst, bei dem wir festgestellt haben, dass man viele Dinge gut auf diesem Weg gestalten kann.

Wir haben auch viele Veranstaltungen online durchgeführt. Allerdings ersetzt der digitale Kontakt nicht den persönlichen. Wichtig war für uns, dass wir als Caritas unsere vielfältigen Tätigkeiten weiterführen konnten. Inzwischen ist die Arbeit in der Pandemie für uns in vielen Bereichen schon Routine.

Bringt die Digitalisierung auch Nachteile mit sich?

Es hat sich durchaus gezeigt, wie schwierig es ist, wenn Menschen von der digitalen Teilhabe ausgeschlossen sind. Das war ein Problem insbesondere bei der Vergabe von Impfterminen, die in vielen Bundesländern ja vorwiegend digital buchbar waren. Aber auch beim Homeschooling ist klar geworden, wie schwierig es für Familien ist, die nicht mit entsprechender Hardware oder mit digitalen Zugängen ausgestattet sind. Wir müssen darauf achten, dass durch die zunehmende Digitalisierung nicht Menschen gesellschaftlich und von den Angeboten, die gemacht werden, abgehängt werden.

An welchen Stellen war die Belastung für Ihre Einrichtungen besonders extrem?

Das war sicherlich in unseren Pflegeeinrichtungen und unseren Krankenhäusern eine ganz besondere Situation. Im letzten Winter kamen so viele pandemiebedingte Anforderungen auf die Pflegeeinrichtungen zu, dass der Pflegealltag kaum noch zu bewältigen war. Ich wusste, dass in anderen Bundesländern die Bundeswehr bereits unterstützend tätig war. Der Berliner Senat wollte an dieses Thema allerdings nicht so wirklich heran, weil man den Einsatz von Bundeswehrsoldaten dort eher in Impfzentren sah. Daraufhin habe ich mich dann selbst gekümmert und Kontakt zur Bundesverteidigungsministerin aufgenommen. Wir haben dann für die Pflegeheime ein Konzept entwickelt, durch das es in Zusammenarbeit mit dem Land gelungen ist, die Bundeswehr nach Berlin zu holen. Das war sehr wichtig, weil die 400 Soldaten hier drei Monate lang unendlich viel geholfen haben in den Pflegeheimen.

Wie schätzen Sie die aktuelle Lage ein, ist die dritte Welle bereits gebrochen?

Wir merken schon einen deutlichen Rückgang der Infektionsfälle. Das können wir insbesondere in unseren Krankenhäusern feststellen. Gleichzeitig merken wir aber, dass die Patienten, die wir dort behandeln, vielfach jünger sind als zuvor und vor allem sehr schwere Verläufe aufweisen. Auf der anderen Seite sehen wir, dass die Impfungen sich jetzt offenbar positiv auswirken.

Das zeigt sich gerade in unseren Pflegeheimen, wo der Grad der Durchimpfung jetzt dazu führt, dass wir dort so gut wie keine schweren Erkrankungsfälle mehr haben. Umso größer ist in diesen Einrichtungen jetzt der Handlungsbedarf, damit dort wieder eine Normalität hergestellt werden kann.

War die Priorisierung der alten Menschen bei der Impfung eigentlich der richtige Weg?

Der Weg war richtig und er war auch ethisch richtig begründet. Zu diesem Fazit komme ich als theologische Ethikerin und Gesundheitswissenschaftlerin. Die Prioritäten waren richtig gesetzt, weil es tatsächlich um Leben und Tod von Risikogruppen ging. Deshalb musste in einer Zeit, in der kein oder nur wenig Impfstoff vorhanden war, sicherlich der Blick zunächst zu den gefährdeten Gruppen gehen. Allerdings war der Weg nicht immer gut kommuniziert. Es gab einzelne Gruppen, die in der Praxis tatsächlich zu spät drangekommen sind. Dazu gehörten hier in Berlin insbesondere Menschen mit Behinderung. Hier fehlten vor allem ausreichend Impfstoff und ausreichend mobile Impfteams, die sich dieser Personen hätten annehmen können. Jetzt muss die Impfkampagne breiter in die Gesellschaft getragen werden. Sie muss dann vor allem auch bei den jungen Menschen ankommen, weil sie jetzt schon sehr lange die Belastungen der Pandemie aushalten müssen und sie in der Teilhabe stark eingeschränkt sind.

Sie haben gemeinsam mit Professor Alexander Kekulé ein Öffnungskonzept für Ihre Einrichtungen entwickelt. Wie sieht das Konzept aus?

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Das Konzept sieht vor, dass bei einer hohen Durchimpfungsrate ein entsprechender Öffnungsgrad der Einrichtungen hergestellt werden kann. Da hat sich in den letzten Wochen, gerade auch hier bei uns in Berlin, schon einiges getan. Wir haben uns mit Gesprächen im politischen Raum und durch gezielte Pressearbeit für Lockerungen der sehr restriktiven Regeln eingesetzt und es hat sich gelohnt. In Berlin wurden in der letzten Woche größere Lockerungsschritte in die COVID-Schutzverordnung aufgenommen. Allerdings ist es in den Bundesländern sehr unterschiedlich, wie mit der aktuellen Situation umgegangen wird. Es geht hier schließlich um Grundrechte und deshalb plädieren wir dafür, dass man eine umfassende Normalität in allen Pflegeeinrichtungen wirklich schnell wiederherstellt. Wir haben in diesen Häusern einen Durchimpfungsgrad, den wir gesamtgesellschaftlich wohl nie erreichen werden. Deshalb sollten wir hier wirklich schnell und umfangreich öffnen. Natürlich muss das ganze Konzept virologisch begleitet werden und wir müssen es zurückfahren können, wenn bestimmte Umstände, wie neue Mutationen, dazukommen sollten, die die aktuelle Lage verändern. Es gibt jetzt keine Gründe mehr, um alten, pflegebedürftigen Menschen ihre Grundrechte vorzuenthalten. Letztlich hat natürlich keiner von uns die Gewissheit, dass es nicht weiter ein Restrisiko gibt. Mit diesem Restrisiko müssen wir allerdings leben und es eng beobachten. Auch im Hinblick auf die Jugendfreizeiteinrichtungen ist es wichtig, dass wir dort wieder stufenweise öffnen können.

Brauchen wir also mehr Mut?

Ja, wir brauchen mehr Mut, allerdings immer gepaart mit Beobachtung und Verantwortung. Aber wir müssen den vorsichtigen Blick darauf richten, auf eine Normalität umzusteuern, auch wenn wir vielleicht noch mal einen Schritt zurück machen müssen, wenn die Umstände es erfordern.

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