Köln

Wie eingesperrt

Ein Priester berichtet über Erfahrungen, die er unter den Einschränkungen der Pandemie bei Krankenbesuchen macht.

Auf dem bisherigen Höhepunkt der Corona-Pandemie haben Bundestag und Bundesrat das „Gesetz zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten beim Menschen“ – kurz: Infektionsschutzgesetz – aus dem Jahr 2000 erneut geändert. Geändert wurde dabei allerdings nicht der Paragraph 30, der die „Absonderung“ infizierter Personen regelt – unter ausdrücklich erwähnter Einschränkung der Grundrechte aus den Artikeln 2 und 10des Grundgesetzes. Diese Absonderung, insbesondere „in einem Krankenhaus oder in einer für diese Krankheiten geeigneten Einrichtung“, darf aber keine totale Absonderung sein.

So regelt Paragraph 30 Absatz 4 Satz 2: „Dem Seelsorger oder Urkundspersonen muss, anderen Personen kann der behandelnde Arzt den Zutritt unter Auferlegung der erforderlichen Verhaltensmaßregeln gestatten.“ Während mit den Urkundspersonen vor allem Notare zur Erstellung Letztwilliger Verfügungen oder Testamente gemeint sind, sind Seelsorger im Sinne dieser Regelung nicht nur römisch-katholische, sondern auch evangelische, jüdische und muslimische Geistliche sowie entsprechende Amtsträger anderer anerkannter Religionsgemeinschaften.

Faktisch weggeschlossen

Corona-Patienten in Krankenhäusern sind nicht abgesondert im Sinne des Paragraphen 30. Noch mehr gilt das für all jene Patienten, die sich wegen ganz anderer Leiden – von der Tumor- bis zur Hüftgelenkoperation, von Herz- oder Kreislauferkrankungen bis zu Gallen- oder Nierenleiden – in stationärer Behandlung befinden. Faktisch sind sie sehr häufig aber doch abgesondert – man kann sagen: eingesperrt und weggeschlossen –, weil sehr viele Kliniken unter Coronabedingungen den Besuch auch engster Familienangehöriger selbst bei moribunden Patienten, mit deren baldigem Tod zu rechnen ist, unmöglich machen. Aber wie ist es mit Seelsorgern oder Geistlichen, für die es doch die Muss-Bestimmung des § 30 Absatz 4 gibt? Lässt man sie zu Patienten, die danach verlangen, etwa zur Krankenkommunion, zur Krankensalburg oder zur Spendung des Bußsakraments?

Man wird als Priester wie ein Eindringling behandelt

Ich bin alles andere als ein Corona-Leugner. Vielmehr bin ich seit meinem weithin beachteten Artikel zu dieser Thematik in der „Neuen Zürcher Zeitung“ vom 23./25. Mai 2020 dafür bekannt, dass ich gerade im kirchlichen Raum und im gottesdienstlichen Bereich für strengste Hygienemaßnahmen zur Infektionsvermeidung eintrete. In den Wochen und Monaten der Corona-Pandemie musste ich – im Hauptberuf Universitätsprofessor und als katholischer Priester Seelsorger im Nebenberuf – aber leider die Erfahrung machen, dass Kliniken Schwerkranken und Sterbenden, obwohl sie oder ihre Angehörigen danach verlangen, den Besuch eines Seelsorgers und den Empfang der Krankenkommunion, der Krankensalbung oder des Bußsakraments unmöglich machen. Beruft man sich als Priester auf die Muss-Bestimmung des Paragraphen 30 Absatz 4 des Infektionsschutzgesetzes, so nützt einem das häufig gar nichts, auch nicht, wenn man durch Priesterkleidung als Seelsorger erkennbar ist und den Dienstausweis für Priester vorweisen kann, der niemanden interessiert.

Lesen Sie auch:

Diese gesetzliche Regelung ist den Verantwortlichen in den Krankenhäuser vielfach gar nicht bekannt – oder völlig egal. Man wird an der Gegensprechanlage und spätestens an der Krankenhauspforte abgewiesen. Gelingt es einem unter glücklichen Umständen, in einer Klinik eine Krankenschwester, einen Krankenpfleger oder gar einen Arzt oder eine Ärztin zu erreichen, so wird man nicht selten als Eindringling, Aufrührer oder Querulant behandelt. Wenn man in solchen Fällen auf die Muss-Bestimmung aus Paragraph 30 Absatz 4 des Infektionsschutzgesetzes hinweist, kann es geschehen, dass man aggressive Empörung erntet und die Drohung, dass vom Hausrecht Gebrauch gemacht werde, man also unter Herbeirufung der Polizei hinausgeworfen werde.

Ich hörte aus dem Mund eines Chefarztes, man habe seine hausinternen Regelungen und keine Zeit, sich um irgendwelche Gesetze zu kümmern.

Abhängig vom guten Willen

Muss-Bestimmung hin und her. Es liegt am guten Willen einzelner Ärzte – anders gesprochen: es herrscht fahrlässige Rechtsunkenntnis und offene Willkür. In einem Fall erreichte ich, dass eine Patientin kurz vor einer sehr ernsten Krebsoperation in die menschenleere Cafeteria gebracht wurde, wo ich ihr die Krankenkommunion, die Krankensalbung und das Bußsakrament spenden und sie so geistlich stärken konnte – natürlich mit Schutzmaske ffp2, Handdesinfektion und Hinterlassung der Kontaktdaten. In dieser Cafeteria hat sie auch handschriftlich ihr Testament niedergeschrieben, dessen Erstellung ich in Ermangelung eines Notars handschriftlich bezeugt und an die Angehörigen weitergeleitet habe.

War dieser Fall dank eines einsichtsvollen Arztes unter den Umständen der gegenwärtigen Corona-Pandemie positiv zu bewerten, so bleiben andere Patienten, obwohl sie danach verlangen und ein Christenleben lang darauf gehofft haben, ohne geistliche Begleitung. Das ist nicht nur rechtswidrig, sondern ein Skandal. Ich räume ein, dass ich diese Erfahrungen nicht in Kliniken in katholischer kirchlicher Trägerschaft gemacht habe, in die ich in diesen Monaten nicht von Patienten gerufen wurde. Ich habe sie in nichtkirchlichen Krankenhäusern ohne wahrnehmbare Klinikseelsorge gemacht, und zwar in meinem Heimatbistum sowie in Kliniken in Nachbarbistümern, in denen mir persönlich bekannte Patienten aus meinem Heimatbistum stationär behandelt werden.

Katholisch als Etikett

Ich habe aber erhebliche Zweifel, ob es in jedem St. Elisabeth-, St. Marien- oder St. Josephs-Hospital wirklich anders zugeht, Zweifel, die dadurch genährt werden, dass nicht hinter allen Fassaden, an denen „Katholisch“ steht, auch Katholisches vorhanden ist. Viel zu oft habe ich als Priester in den zurückliegenden zehn Jahren in Krankenhäusern mit katholischem Etikett Ärzte angetroffen, die Patienten und Angehörigen gegenüber auch im Angesicht des Todes ihre offen materialistische oder atheistische Ideologie zum Besten geben.

Ich denke auch an die Kapelle eines evangelischen Krankenhauses in einer westdeutschen Großstadt, die ich als Abstellraum für schrottreife Altgeräte und ausrangierte Bettgestelle vorfand – Jahre vor der Corona-Pandemie.

Der Autor ist katholischer Priester, Theologe und Historiker und lehrt als Professor an der Universität zu Köln sowie früher auch an der Universität Fribourg (Schweiz).

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe

Weitere Artikel
Themen & Autoren
Harm Klueting Chefärzte Deutscher Bundesrat Deutscher Bundestag Evangelische Kirche Geistliche und Priester Grundgesetz Harm Klueting Infektionskrankheiten Infektionsschutzgesetz Krankenhäuser und Kliniken Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger Krankensalbung Krankenschwestern Nierenerkrankungen und Nierenbeschwerden Pandemien Polizei Römisch-katholische Kirche Seelsorge Universität zu Köln Ärzte

Kirche