Wie ein weltweites Geschwür

Kinderarbeit breitet sich dramatisch aus – Die Folgen sind verheerend. Von Reinhard Nixdorf
| Kinderarbeit in einer Fabrik in Bangladesch.Foto: dpa
| Kinderarbeit in einer Fabrik in Bangladesch.Foto: dpa

Sie ackern auf Plantagen, schultern schwerste Lasten in Steinbrüchen und Minen, knüpfen Teppiche, schuften als Haussklaven, halten für Sex und Organoperationen her oder kämpfen als Söldner: So vielfältig wie die Ware Kinderarbeit ist auch die Zahl der Kinderarbeiter: Statt Schutz, Bildung und einem Mindestmaß an Recht auf Kindheit breitet sich Kinderarbeit weltweit wie ein Geschwür aus. Von geschätzten 158 bis 218 Millionen Kinderarbeitern arbeiten 126 Millionen Kinder unter ausbeuterischen, gefährlichen Bedingungen. Körperliche und seelische Folgen sind enorm: Kinderhändler und ganze Industrien machen mit Kinderarbeit fette Geschäfte. Denn Kinder können sich nicht wehren, lassen sich ausbeuten, und sind selten gewerkschaftlich organisiert. Und sie sind billiger als erwachsene Arbeitskräfte.

Dahinter steckt ein Teufelskreis aus Ausbeutung, Armut und mangelnder Bildung. Folgt man Statistiken der Vereinten Nationen, hatte 2004 in den Entwicklungsländern jeder Fünfte weniger als einen US-Dollar pro Tag zur Verfügung – zu wenig, um eine Familie zu ernähren. Dort können sich viele Eltern einen Schulbesuch ihrer Kinder nicht leisten oder sehen oft auch keinen Anlass, sie zur Schule zu schicken. In manchen Kulturen gilt es als selbstverständlich, dass Kinder als Zeichen ihrer Dankbarkeit bei der Ernährung der Familie mitarbeiten. Diese Tradition reicht von kleinen Jobs und Mithilfe bis zu brutaler Ausbeutung. Oft bedeutet dies: Die Kinder müssen Geld heimbringen, egal wie.

Denn oft geht es ums nackte Überleben: In Afrika haben Bürgerkriege oder Aids vielen Kindern die Eltern genommen: Sie müssen sich allein durchschlagen und ihre Geschwister miternähren. In Südasien stecken Familien in der Falle der Schuldknechtschaft: Arbeitgeber leihen Angestellten Geld zu Wucherzinsen. Ehe nicht alles zurückgezahlt ist, lassen sie sie nicht gehen. Doch die Hungerlöhne lassen es nicht zu, Schulden und Zinsen zu tilgen. Die Schulden werden der nächsten Generation aufgeladen: Alle Familienmitglieder werden Sklaven des Unternehmers, auch die Kinder.

Mangelnde Bildung ist eine Folge, aber auch eine der Ursachen von Kinderarbeit. Manche Arbeitgeber verbieten ihren Kinderarbeitern den Schulbesuch schlichtweg. Oder der Schulbesuch ist nur lückenhaft möglich: Oft sind Kinderarbeiter zu krank, zu müde, verpassen durch ihre Arbeitszeit den Anschluss. Stets zur Erntezeit fällt etwa in den Hauptanbaugebieten von Tabak in Mosambik nach Angaben von Unicef die Quote der Schulabbrecher sehr hoch aus. Auch die Wiederholerraten sind dort doppelt so hoch wie im Landesdurchschnitt. Doch Kinder ohne Schulausbildung haben später kaum eine Chance, sich ein eigenständiges Leben aufzubauen. Und oft schicken ehemalige Kinderarbeiter ihre eigenen Kinder wieder zur Arbeit, sodass ganze Generationen im Kreislauf der Armut stecken bleiben.

Boykotts von Waren, die durch Kinderarbeit zustande kamen, treffen die Falschen: So landeten Kinder aus der Textilindustrie in Bangladesh, die wegen eines Boykotts entlassen wurden, in Steinbrüchen oder in der Prostitution. Hilfsorganisationen wie Unicef oder terre des hommes unterstützen deshalb Projekte, die von Sozial- und Bildungsmaßnahmen begleitet werden, etwa flexible Schulen, die Kindern neben ihrer Arbeit einen geregelten Schulbesuch ermöglichen. Arbeitgeber verpflichten sich in solchen Projekten, die Arbeits- und Gesundheitsbedingungen in ihren Betrieben zu verbessern. Wichtig ist auch die Vergabe von Krediten und die Verbesserung der Löhne für die Eltern.

Denn solange es lukrativer ist, Kinder zu beschäftigen, die länger arbeiten und schlechter bezahlt werden als Erwachsene, bleibt der Anreiz der Kinderarbeit bestehen. So zielt die indische Kinderrechtsorganisation MV Foundation auf kinderarbeitsfreie Zonen: Wenn Kinder dem Markt komplett entzogen werden, werden Arbeitskräfte knapp und das Angebot von Jobs steigt, für die Erwachsenen-Löhne bezahlt werden. MV Foundation bezieht in ihre Arbeit ganze Dorfgemeinschaften ein, macht Eltern statt des kurzfristigen Nutzens der Kinderarbeit den langfristigen Nutzen der Bildung klar und fragt Arbeitgeber, wie sie es verantworten können, ihre eigenen Kinder zur Schule zu schicken und andere Kinder für sich arbeiten lassen. Nicht Armut ist Ursache von Kinderarbeit, sondern Kinderarbeit verursacht Armut.

In den Industrieländern zeitigt das Bewusstwerden des Problems und die Macht des Verbrauchers, keine Produkte zu kaufen, die durch Kinderarbeit zustande gekommen sind, immerhin Folgen: Unternehmen verpflichten sich, in ihrer Produktion und ihrer Lieferkette keine illegale Kinderarbeit mehr zuzulassen, Waren werden entsprechend zertifiziert.

In Europa mag sich Kinderarbeit mit Bildern von Oliver Twist und den Manchester-Kapitalismus verbinden – aber sie ist auch Teil unseres Lebens. Zwar wird Schulpflicht in Deutschland streng kontrolliert. Doch angesichts der hohen Zahl an Sozialhilfeempfängern sprechen Studien von einem Trend zur „unfreiwilligen Kinderarbeit“, der Kinder zwinge, zur Unterstützung ihrer Familien zu arbeiten. Manche Kinder werden wegen der wachsenden Armut auch in die Prostitution gedrängt.

Gravierender ist die Lage in Osteuropa: Bildung kostet Geld, ein Schulabschluss garantiert keinen Job mehr, schnell verdientes Geld zählt mehr als Wissen. Immer weniger Eltern achten darauf, dass ihre Kinder zur Schule gehen, ohne zu erkennen, in welch einen Teufelskreis die Kinder geraten. Kinderarbeit ist in Osteuropa relativ neu. Paradoxerweise gefährdet diese „fehlende Tradition“ die Kinder noch mehr als in Entwicklungsländern, wo Kinderarbeit offen vor sich geht. Arbeitende osteuropäische Kinder bewegen sich häufig im kriminellen Umfeld der Straße und sind durch Kinderprostitution und Pornografie gefährdet. Familien lösen sich auf, Kinder fliehen vor häuslicher Gewalt. Allein in St. Petersburg sollen bis zu fünfzigtausend Kinder ständig oder ab und zu auf der Straße leben und arbeiten. Neben den Straßenkindern arbeiten viele Kinder als billige Arbeitskräfte zeitweise oder dauerhaft in der Landwirtschaft. Dort fügen ihnen Pestizide oft bleibende gesundheitliche Schäden zu.

Kinderarbeit lässt sich nur bekämpfen, wenn sich die Erkenntnis durchsetzt, dass Kinder auf die Schulbank und nicht in die Fabrik gehören und Bildung mehr nützt als schnelles Geld. Kinder verkörpern die Zukunft einer Gesellschaft. Sie sind in die Welt gesetzt worden, das Erreichte weiterzuentwickeln. Und so lukrativ Kinderarbeit für Unternehmen und Agenten sein mag, für eine Gesellschaft ist sie eine Katastrophe. Denn dadurch entledigt sich diese ihrer menschlichen Grundlagen.

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