Wirtschaft

Webfehler im System

BKU-Vorsitzender Ulrich Hemel kritisiert im Interview die Struktur der kirchlichen Finanzverwaltung. Er fordert mehr Transparenz und Professionalität. Von Kilian Martin
Ulrich Hemel, BKU-Vorsitzender
Foto: dpa

Herr Professor Hemel, waren Sie überrascht von den Ergebnissen des Prüfberichts zum Eichstätter Finanzskandal?

In keiner Weise.

Die Autoren des Berichts sprechen von massiven strukturellen Problemen, die sie als „System Eichstätt“ bezeichnen. Viel davon würde sich auch in anderen deutschen Diözesen finden lassen. Glauben Sie das auch?

Wenn ich dem pauschal zustimmen würde, wäre das ungerecht gegenüber denjenigen Diözesen, die tatsächlich schon weiter sind. Die schalten aber natürlich keine Anzeige in der Zeitung: „Wir haben unsere Strukturen verbessert“. In die Öffentlichkeit kommt nur das, was schiefläuft. Es wird wenig berichtet über das, was zum Besseren verändert wurde, aber auch gute Neuigkeiten sind gelegentlich berichtenswert.

Trotzdem würde ich den Autoren des Berichts recht geben, dass es einen Webfehler im System der Finanzverwaltung in der katholischen Kirche speziell in Deutschland gibt. Der Begriff „System Eichstätt“ ist richtig, wenn er sich nur auf diese Diözese bezieht. Andererseits ist er unzureichend, denn es gibt sehr viele Bistümer, bei denen es ähnlich laufen kann.

Sie sprechen von einem Webfehler im System. Worin besteht dieser?

An der Spitze jedes Bistums steht ein Bischof und ich habe noch keinen Bischof kennengelernt, der von sich sagt, er sei Priester und Bischof geworden, um ein Vorbild in der Finanzverwaltung zu werden. Das wäre im Grunde auch eine Verfehlung der Bischofsrolle. Es mag seltene Ausnahmen der Doppelbegabung geben, aber in aller Regel ist das nicht der Fall. Durch die Vermischung von seelsorglich-spirituellen Aufgaben mit den Aufgaben der Finanzverwaltung gerät jeder Bischof in einen inneren Rollenkonflikt.

Wo muss man dabei ansetzen?

Konkret geht es um die einzelnen Diözesen, so ist die Kirche organisiert. Damit ist die Person des Bischofs gefragt. Jeder einzelne kann Veränderungsprozesse anstoßen, wenn er es denn will. Sie können auch auf Rechte, die sie nach dem heutigen Kirchenrecht haben, verzichten oder sie so ausgestalten, dass sie sich selbst ein System von Checks and Balances erarbeiten.

Darin würden bestimmte Entscheidungen nicht fallen gegen das Veto eines unabhängig gewählten und kompetenten Finanzrats, sie würden aber auch nicht fallen gegen das Veto des Bischofs. Bei großen Finanzentscheidungen müssen Pro und Contra erwogen werden und es muss Wertgrenzen geben, die sagen, welche Personen bis zu welchem Risiko entscheiden können. Solche Rollenbeschreibungen sind grundsätzlich nichts neues in der Kirche, aber nicht flächendeckend umgesetzt.

Warum häufen sich ausgerechnet in deutschen Diözesen Probleme mit fehlgeschlagenen Investments?

Weil die Kirche in Deutschland ungewöhnlich viel Geld verwaltet. Wir reden für katholische und evangelische Kirche zusammen von weit über elf Milliarden Euro jährlich an Kirchensteuereinnahmen.

Das Kirchensteuersystem ist weltweit einzigartig. Dieses System ist einerseits günstig, weil es für stabile finanzielle Verhältnisse sorgt. Andererseits erfordert es ein Maß an Transparenz und Professionalität, welches in vielen Diözesen – Stand heute – noch nicht vorhanden ist.

Wo ist die Kirchenfinanzstruktur in Deutschland aus Ihrer Sicht auf einem Stand, von dem Sie sagen würden, dass er ausreichend ist?

Die damals in finanzielle Schwierigkeiten geratenen Diözesen Essen und Hildesheim haben als erste versucht, Finanzberichte aufzustellen, die modernen Maßstäben genügen und entsprechen. Ich will aber nicht einzelne Diözesen hervorheben, das wäre nicht fair, denn es gibt gute Anstrengungen auch anderswo. Leider gibt es aber noch immer kein gemeinsames Bemühen auf der bundesweiten Ebene.

Das ist auch schwierig, denn jeder Bischof handelt wie im wirtschaftlichen Bereich der Geschäftsführer einer einzelnen Firma. Und der lässt sich von einem anderen Geschäftsführer natürlich nicht reinreden.

Ein Geschäftsführer eines großen Unternehmens muss sich aber an die Vorgaben des Handelsrechts halten. Ein Bischof muss das nicht.

Nein, solche Vorgaben gibt es nicht. In der Kirche gibt es aber auch spezielle Probleme, etwa im Bereich der Bilanzierung. Ein zweites Problem sind die parallelen Stränge zwischen dem Kirchensteueraufkommen und dem Vermögen des jeweiligen Bischöflichen Stuhls.

Man könnte sagen, dass das Vermögen des Bischöflichen Stuhls das „Privatvermögen“ des geschäftsführenden Gesellschafters ist. Das wäre jedenfalls die passende Ausdrucksweise in Wirtschaftsunternehmen. Sie merken, hier stoßen wir an Grenzen in der Sprache und in der Sache.

Kann man damit Bistümer aus der Pflicht entlassen, sich an bestimmte Standards zu halten?

Nein, das möchte ich nicht sagen. Andere Unternehmen haben diesbezüglich auch schwierige Aufgaben zu erfüllen.

Ich will nur die Herausforderung zeigen, die wir zu lösen haben.

Das ist aber machbar. Wir müssen nur sehr gut unterscheiden, wo Kirche tickt wie ein normales Unternehmen und sich entsprechenden Standards zu unterwerfen hat, und wo es eben den zusätzlichen, spirituellen Mehrwert gibt, der aber dann auch nicht so ohne weiteres zu bilanzieren ist.

Sehen Sie sich bei dem von Ihnen angemahnten Systemwechsel als Vorsitzender des Bundes katholischer Unternehmer besonders in der Pflicht, den Bischöfen in dieser Frage Druck zu machen?

Nein, wir sind keine Einheizer. Wir sind Christen, wie die Bischöfe auch.

Wir sind nicht die berufenen Kritiker der Bischöfe. Es gibt in der Gesellschaft viele Menschen, die das tun.

Wir leiden eher mit. Wir haben überhaupt kein Interesse daran, dass Bischöfe wegen Finanzskandalen in die Schlagzeilen kommen. Wir stehen zur Verfügung für einen sicher kritischen, aber konstruktiven Dialog.

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05.09.2019, 18  Uhr
Heinrich Wullhorst
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