Varoufakis wollte den Grexit

Vor den Verhandlungen mit Athen über das dritte Hilfspaket: „Die Griechen haben alle Zeit der Welt.“ Ein Gespräch mit dem Ökonom Hans-Werner Sinn. Von Jürgen Liminski
Foto: dpa | Manchmal kann man nicht mehr hinsehen: ifo-Präsident Hans Werner Sinn geht davon aus, dass auch das dritte Hilfspaket für Griechenland nicht ausreichen wird.
Foto: dpa | Manchmal kann man nicht mehr hinsehen: ifo-Präsident Hans Werner Sinn geht davon aus, dass auch das dritte Hilfspaket für Griechenland nicht ausreichen wird.

Griechenland hat erste Auflagen der Gläubiger erfüllt, jetzt wird wieder verhandelt. Aber wie wahrhaftig sind die öffentlichen Debatten über Griechenland und diese Verhandlungen sowie über die Milliarden, die nach Hellas fließen? Rutscht Deutschland da mit den anderen europäischen Euro-Partnern in eine Transferunion, sozusagen mit geschlossenen Augen? Die Geschichte wird es zeigen, würden die alten Griechen sagen und einer von ihnen, der Geschichtsschreiber Polybios, hatte dafür auch ein eindringliches Wort parat: Geschichte ohne Wahrheit ist wie ein Gesicht ohne Augen. In der öffentlichen Diskussion wird über Stimmungen und mit Schuldzuweisungen debattiert, grundsätzliche Fakten bleiben meistens unerwähnt.

Ein Grundproblem Griechenlands ist zum Beispiel die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit. Deutschlands renommierter Ökonom, der Präsident des ifo-Wirtschaftsforschungsinstituts in München, Professor Hans-Werner Sinn, nennt diesen Mangel „chronisch“. Im Gespräch begründet er diese chronische Wettbewerbs-Unfähigkeit mit dem Lebensstandard und den hohen Löhnen. Durch die Einführung des Euro und der damit verbundenen preiswerten Kredite sei Griechenland in eine „inflationäre Kreditblase gerutscht“, bei der die Löhne schneller gewachsen seien als die Produktion. Der Durchschnittslohn in Griechenland betrage 15 Euro, in den Nachbarländern Türkei, Rumänien, Bulgarien liege er zwischen drei und fünf Euro, so dass jeder Investor „einen Sprung über Griechenland macht, wenn er eine Standortentscheidung zu fällen hat“. Griechenland komme in dem Kalkül gar nicht mehr vor, das Land sei schlicht zu teuer. Es habe sich durch Kredite einen Lebensstandard erlaubt, der von der Produktion in keiner Weise gedeckt werde. Dieser Lebensstandard werde nun auch weiter durch Kredite finanziert. Solange „die Löhne im Himmel bleiben, kann die Produktion nicht mithalten und deshalb bleibt es auch bei der Abhängigkeit von diesen Krediten“.

Mittlerweile habe das Land 340 Milliarden an Krediten aufgenommen, das seien „190 Prozent der Wirtschaftsleistung oder 31 000 Euro für jeden griechischen Bürger. Das ist eine Menge Geld“. Das Vermögen deutscher Haushalte liege im Schnitt bei 50 000 Euro. Die öffentliche Debatte hierzulande und auch andernorts aber nehme diese grundsätzlichen Zahlen gar nicht wahr, man diskutiere „aus einem Bauchgefühl in eine ganz andere Richtung“. Auch die Schuldenlast anderer Staaten, etwa Italien, sei damit nicht vergleichbar, so Sinn. Denn die italienischen Schulden liege bei den eigenen Bürgern, Griechenlands Schulden dagegen zu etwa 100 Prozent im Ausland, bei Italien nur zu 30 Prozent. „Die Italiener können das also unter sich selbst ausmachen.“

Die absurde Situation, dass Deutschland Geld gibt und dafür übel beschimpft wird, kann man vielleicht als fehlgeleitete emotionale Eruptionen abtun – wenn Griechenland mit diesem Geld wieder auf die Beine käme. Ist es realistisch, dass Griechenland in drei Jahren ohne ein neues Hilfspaket auskommen kann? Der ifo-Präsident verneint diese Frage. „Ich glaube, es geht immer so weiter.“ Es werde wahrscheinlich auch zu einem vierten Hilfspaket kommen. Man befinde sich bereits auf der schiefen Ebene in die Transferunion. Mit den Entscheidungen von Brüssel sei eine „Weichenstellung“ erfolgt. Denn nach dem Referendum hätte man über den Plan B reden können; der damalige Finanzminister Varoufakis sei dazu auch bereit gewesen. „Varoufakis wollte den Grexit“, er selbst habe am Abend des Referendums im griechischen Kabinett vorgeschlagen, aus der Eurozone auszutreten und eine Parallelwährung einzuführen. „Deswegen musste er gehen“, so Sinn. Denn Paris und Brüssel hätten das durch Tsipras erfahren und daraufhin auf den griechischen Ministerpräsidenten Druck ausgeübt, Varoufakis zu entlassen und Verhandlungen aufzunehmen. Darauf habe sich auch die Kanzlerin eingelassen. „Aus solchen Verhandlungen kommt man nicht ohne Ergebnis heraus.“ Jetzt würden die privaten Gläubiger durch staatliche Gläubiger ersetzt werden „und in ein paar Jahren wird man die griechischen Schulden dann abschreiben beziehungsweise vergemeinschaften“. Das werde teuer werden. Besser wäre gewesen, frühzeitig und selbst unilateral einen Schuldenschnitt zu machen und aus der Rettungsarchitektur auszusteigen.

Von den beginnenden Verhandlungen erwartet Sinn nicht viel. Schon die Verhandlungen über die Überbrückungsfinanzierung seien irgendwie irreal gewesen. Denn während man über die 7,5 Milliarden verhandelte, hat die Europäische Zentalbank 90 Milliarden Notkredite an die griechische Nationalbank ausgegeben. So werde es bleiben, die Griechen hätten „alle Zeit der Welt“, solange die EZB diese Kredite weiter toleriert. Dass die EZB diesen Geldfluss stoppen könnte, hält Sinn für unwahrscheinlich. Dazu bedürfe es einer Zwei-Drittel-Mehrheit im EZB-Rat. Die kam kurzfristig nach dem Referendum zustande, wurde aber wieder aufgehoben, als Athen sich für Verhandlungen bereit erklärte. Jetzt gehe die EZB wieder davon aus, dass Griechenland liquide sei und werde weiter tolerieren, dass die griechische Nationalbank Geld nachdruckt, das durch die EZB gedeckt ist. Athen werde das auch tun und erst dann wirklich auf die Wünsche der Geldgeber eingehen, wenn der Kassenautomat abgestellt werde, so wie es nach dem Referendum der Fall war.

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