Intensivmedizin

Uwe Janssens: „Wir müssen das Virus in die Knie zwingen“

Uwe Janssens ist einer der führenden Intensivmediziner Deutschlands. Im Interview mit der Tagespost zieht er eine Bilanz seiner Erfahrungen mit der Pandemie.
Prof. Dr. Uwe Janssens
Foto: Thomas Weiland | Prof. Dr. Uwe Janssens.

Herr Janssens, wie war die Situation in Eschweiler im ersten Lockdown?

Im März 2020 gingen die Zahlen auf allen deutschen Intensivstationen rasch nach oben. Das Maximum lag damals bei 2 900 Covid-19-Patienten auf allen deutschen Intensivstationen. Zum Vergleich: In den letzten Wochen lag das Maximum bei fast 6 000 Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen. Die Intensivstation des St. Antonius-Hospitals in Eschweiler umfasst 19 Intensivbetten, von denen in der Spitze bis zu fünf Betten gleichzeitig mit Corona-Patienten belegt waren. In der ersten Phase hatten wir viele hochbetagte Patienten mit sehr schlechten Prognosen, von denen leider auch einige verstorben sind. Immer wieder haben wir Patienten aus dem Kreis Heinsberg aufgenommen. Nicht vergessen darf man dabei, dass wir auch viele andere Patienten mit schweren Erkrankungen behandeln müssen.

Worin bestand anfangs die größte Herausforderung?

Vor allem waren wir mit einem eklatanten Mangel an Schutzausrüstung konfrontiert und haben deshalb zum Beispiel Masken mehrfach verwendet. Von Vornherein habe ich die Maxime ausgegeben: Hier wird kein Patient behandelt, wenn wir nicht selbst geschützt sind. Eine deutliche Warnung war für mich, als ich bereits in der Anfangsphase einen schwer an Covid-19 erkrankten Arztkollegen mit betreut habe. Wir haben dann alles getan, um das Risiko zu minimieren. Zeitweise gab es auch ein Riesenproblem mit fehlenden Tests beziehungsweise deutlichen Zeitverzögerungen bei der Mitteilung der Testergebnisse. Letztlich bin ich aber zweimal negativ getestet worden. Wir hatten zwar bei unseren Mitarbeitenden in der Pflege und im Personal Infektionen mit Sars-CoV-2; diese Infektionen sind in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle aber nicht innerhalb des Krankenhauses erfolgt.

Was macht es mit Ihnen als Arzt, wenn Sie auf einmal selbst gefährdet sind?

Das ist unser Beruf, in dem wir ständig mit infektiösen Materialien zu tun haben. Wir Intensivmediziner sind stets einem Risiko ausgesetzt, und deswegen muss man sich dieser Gefahr bewusst und sehr vorsichtig sein. Durch unsere guten Hygienekonzepte haben wir uns all diese Monate hindurch bestens schützen können. Mediziner und Pflegekräfte bezeichnen ihren Beruf zu Recht als Berufung. Wir alle sind jetzt seit einem Jahr im Thema „Corona“, haben ständig durchgearbeitet und sind aus dem Krisen-Modus nicht mehr herausgekommen; Covid-19 ist von morgens bis abends unser Thema.

Die letzten Monate sind vergangen wie im Fluge, haben aber sicherlich bei vielen Mitarbeitenden Spuren hinterlassen.

Hat sich die Lage im Sommer entspannt?

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Im Sommer hatten wir manchmal überhaupt keinen Corona-Patienten, andererseits aber auch den einen oder anderen Langzeit-Patienten zu versorgen. Im Großen und Ganzen aber war das alles andere als ein ruhiges Jahr, und das „Sommerloch“, das sich manchmal auch auf der Intensivstation einstellt, hat es im Jahr 2020 nicht gegeben. Unter dem Strich hatten wir dann im Herbst im Vergleich zur ersten Welle die dreifache Zahl an Covid-19-Patienten, vor allem auch im normalstationären Bereich. Insgesamt ist das Jahr 2020 sicherlich als Katastrophenjahr zu bezeichnen. In meinem Berufsleben habe ich so etwas sowohl im Hinblick auf den Umfang wie auch die Art der Herausforderung noch nicht erlebt.

Die Behandlung von Covid-19-Patienten ist also auch für Sie trotz Ihrer Erfahrung alles andere als Routine?

Die Behandlung der Corona-Patienten ist extrem aufwendig und stellt uns hinsichtlich der Quantität und Qualität unserer medizinischen Tätigkeit vor enorme Herausforderungen. Da ist auch für mich nichts Routine. Die psychische und physische Belastung ist enorm für Intensivmediziner, aber vor allem für Intensivpflegekräfte. Patienten mit Covid-19 auf einer Intensivstation sind, auch wenn sie noch nicht beatmet werden, außerordentlich betreuungsintensiv. Bei denen, die beatmet werden müssen, steigert sich das noch einmal. Sie benötigen eine ganz intensive pflegerische Betreuung, müssen regelmäßig alle 16 Stunden in eine Bauchlage gebracht werden, damit die Lunge sich besser belüften lässt. Beatmete Patienten mit Covid-19 haben insgesamt eine bedauerlicherweise sehr hohe Sterblichkeit. In Abhängigkeit vom Alter versterben sicherlich 50 Prozent der Patienten.

In diesen Tagen und Wochen erntet die Bundesregierung viel Kritik, weil das Impfen zu langsam vonstatten geht. Wie stehen Sie dazu?

Diese Debatte ist mal wieder typisch deutsch. Was ich damit sagen will: Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass wir so schnell einen Impfstoff bekommen. Die Entwicklung der Impfstoffe gegen das Corona-Virus ist eines der unglaublichsten Ereignisse unserer Zeit und ein unvergleichliches Geschenk für die Menschheit und die Wissenschaft. Kaum aber ist der Impfstoff da, da schreien schon wieder viele los und werfen der Bundesregierung „Totalversagen“ vor.

Wie wirken die Demonstrationen der Corona-Leugner und Verschwörungstheoretiker auf Sie?

Mich erschreckt, wie stark das Thema „Corona“ von Leuten gekapert wird, die Staat und Gesellschaft aufmischen wollen. Da das Thema stark polarisiert, benutzen rechte Kreise die Corona-Pandemie dazu, Unfrieden zu stiften und möglichst die Demokratie ins Wanken zu bringen. Auch ich werde im Internet beschimpft und bedroht, aber ich lasse das von mir abprallen.

Wie bewerten Sie die Maßnahmen der Politik gegen das Virus?

Ich bin kein Politiker und will es auch nicht werden. Außerdem weiß man hinterher immer alles besser. Aber wenn uns Corona etwas gezeigt hat, dann, dass die Zuständigkeit der Bundesländer für die Schul- und Gesundheitspolitik deplatziert ist. Letztlich dominiert bei vielen Ministerpräsidenten das „Ich“ und nicht das „Wir“, aber alle Bundesländer haben dieselben Probleme mit demselben Virus. Das kann man, auch weltweit, nur gemeinschaftlich in den Griff bekommen. Belgien und Griechenland haben bewiesen, dass man durch harte Lockdowns die Zahlen drastisch herunterkriegt. Das hätten wir auch geschafft, wenn die Ministerpräsidenten Mitte Oktober 2020 auf die Bundeskanzlerin gehört hätten.

Wie ist die Lage auf den Intensivstationen momentan? Und wie sehen Sie die weitere Entwicklung?

Es gibt eine kontinuierliche Beruhigung und einen sanften Rückgang. Wir müssen die Infektionszahlen möglichst auf einen Inzidenzwert von 10 auf 100 000 Personen in sieben Tagen bringen, denn sonst schaffen die Gesundheitsämter die Nachverfolgung der Fälle nicht mit hinreichender Genauigkeit. Wir müssen alles daransetzen, das Virus in den nächsten Monaten in die Knie zu zwingen, denn die Begleitschäden für Wirtschaft und Gesellschaft sind enorm. Wenn die Ministerpräsidenten allerdings zu früh alles öffnen, werden wir bald darauf die dritte Welle erleben. Das muss vermieden werden, zumal die neuen Mutationen Sorgen bereiten. Bis in den Herbst hinein müssen wir durch das tiefe Tal der Tränen hindurch.

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