Unmenschliche Preistreiberei zu Lasten der Ärmsten

Der Textil-Discounter KiK nutzt seine Marktmacht zum Lohndumping hierzulande und in der Dritten Welt – Fernsehberichte sorgen für Aufsehen Von Reinhard Nixdorf

„Der Preis ist so klein, den kann man schon mal übersehen“, quietscht Verona Pooth in der Fernseh-Werbung des Textil-Discounters KiK. Da hat sie Recht, die Preise bei KiK sind winzig – fast so winzig wie die Löhne, die KiK seinen Mitarbeitern bezahlt. Am Mittwoch brachte „Die KiK-Story – die miesen Methoden des Textildiscounter“ im ARD-Fernsehen die Ursachen dieser Preisdrückerei ans Licht: Eine KiK-Mitarbeiterin berichtet, dass ihr Stundenlohn von 4,75 Euro auf fünf Euro angehoben wurde – nachdem KiK wegen Lohndumpings in die Schlagzeilen geraten war. Sechs Jahre lang musste sie in einer Filiale arbeiten, in der die Heizung nicht funktionierte. Nun klagt sie auf Auszahlung von vorenthaltenem Lohn. Sicherheitsstandards sind mit Spät-, Spind- und Taschenkontrollen hoch. Filmautor Lütgert spricht von einem „System von Ausbeutung und Einschüchterung“.

Dumpinglöhne auch bei Zuliefer-Betrieben in Bangladesch: Fünfundzwanzig Euro beträgt der Monatslohn der Näherin Alea, die in Dakha in einer Fabrik arbeitet, die Textilien für den deutschen Discounter herstellt. Als Lütgert sie besucht, sitzt neben ihr ihr sterbenskranker Cousin. Da sich Alea und ihre Familie keinen Arzt leisten können, ist ihm nicht mehr zu helfen. Als Lütgert Stefan Heinig, den Geschäftsführer von KiK, mit dem Foto des sterbenskranken Jungen konfrontiert, wendet sich Heinig ab. Auch Verona Pooth bricht ein Interview ab, als sie auf die Produktionsmethoden von KiK angesprochen wird. Dafür reden vier KiK-Näherinnen aus Bangladesch. Bei ihrer Arbeit sei es schlimmer als im Gefängnis, „weil man da wenigstens mit dem Nachbarn sprechen darf“. Eine andere erzählt, dass sie wochenlang von morgens acht bis nachts um drei schuften musste.

Bis zuletzt hatte KiK gegen die Ausstrahlung gekämpft. Schon im April hatte der Sender eine Dokumentation über KiK gezeigt, dort berichteten die vier Näherinnen aus Bangladesch über die menschenunwürdigen Bedingungen, unter denen sie arbeiten. Mit der Begründung, die Näherinnen arbeiteten nicht für einen KiK-Zulieferer, wollte KiK dem NDR die weitere Ausstrahlung juristisch untersagen lassen – zunächst mit Erfolg. Nach weiteren NDR-Recherchen entschied das Gericht zugunsten des Senders. Am Mittwoch zeigte die ARD die Dokumentation nochmals, im NDR lief ein zweiter Teil.

Aus Bangladesch stammt etwa die Hälfte der Kleidung, die KiK verkauft. In den Zulieferbetrieben von KiK sind Zwölf- bis Sechzehn-Stunden-Schichten auf der Tagesordnung, für einen Monatslohn von 25 Euro. In den Fabriken arbeiten Kinder unter vierzehn Jahren, es fehlt an Wasser, Arbeiter leben zusammen in winzigen Zimmern. Allerdings beliefern solche Betriebe auch andere westliche Konzerne. Ende Juli erstritten Textilarbeiter in Bangladesch einen Mindestlohn von 34 Euro pro Monat – fast eine Verdoppelung.

Werden Kik die unmenschlichen Arbeitsbedingungen bei Zulieferern vorgeworfen, verweist das Unternehmen auf den „Code of Conduct“, den sich der Discounter seit 2006 von allen Partnern unterschreiben lässt. Der Code soll garantieren, dass diese Betriebe beispielsweise keine Kinder arbeiten lassen und Mindestlöhne einhalten. Kritiker, wie die Kampagne für Saubere Kleidung, heben hervor, dass dieser Verhaltenskodex nur einige international anerkannte Sozialstandards nenne und gemessen an den Verhaltenskodizes anderer Unternehmen eher dünn sei. Vor allem erkläre KiK nicht, ob und wie das Unternehmen die Einhaltung der Sozialstandards überprüfe: Eine Studie über Arbeitsbedingungen bei einem KiK-Zulieferer in Bangladesch, mit der die Kampagne für Saubere Kleidung die Gesellschaft „Alternative Movement for Resources and Freedom Society“ (AMRF) beauftragt hatte, habe etwa ergeben, dass fast alle interviewten Mitarbeiter das Wort „Verhaltenskodex“ nie gehört hätten. Zwar hätten Unternehmer, Einkäufer und Auditoren die Fabriken besichtigt und auch mit Arbeitern und Arbeiterinnen geredet, aber während dieser Besuche hätten die Fabrikbesitzer eine Show veranstaltet: Toiletten würden gesäubert, Mitarbeiter angehalten, zu erklären, dass es keine Kinderarbeit gäbe, die Arbeitsatmosphäre angenehm sei, der Lohn pünktlich gezahlt werde, sie regelmäßig Urlaub erhielten, keine erzwungenen Überstunden leisten und auch nicht nachts arbeiten müssen. Auf Fragen nach ihrem Lohn hätten Arbeiter und Arbeiterinnen einen höheren Lohn angeben müssen als sie tatsächlich erhielten. Wer zu jung aussehe, sei bei solchen Besuchen gezwungen worden, von der Arbeit wegzubleiben oder auf den Toiletten eingesperrt worden. Fälle seien bekannt, bei denen Mitarbeiter den Einkäufern die reale Situation darlegten und ihren Arbeitsplatz verloren hätten.

Aber dies spiegelt nur die Marktmacht von Discountern wie KiK wieder, die aufgrund des Konzentrationsprozesses im Textilhandel Preise drücken, Lieferfristen kürzen und immer mehr Verantwortung an die Lieferanten abschieben können. Die Produzenten geben diesen Druck an die Näherinnen weiter. Auf ihrem Rücken wird der Kampf um die niedrigen Preise ausgetragen. KiK-Chef Stefan Heinig demonstrierte jedenfalls am Tag vor der Ausstrahlung der „KiK-Story“ Reue: Man habe „sicher Fehler gemacht“, ließ er verkünden und erweiterte die Geschäftsführung um den ehemaligen Otto-Manager Michael Arretz: Er soll sich bei KiK um Qualitätssicherung und Unternehmenskommunikation kümmern. Ob das mehr als Tünche ist? Freiwillig wird KiK wohl nicht den Mitarbeitern in seinen Filialen und bei seinen Zulieferern bessere Löhne und Arbeitsbedingungen geben. Das dürfte erst gelingen, wenn wirtschaftlich mächtige Staaten oder Staatengemeinschaften wie die Bundesrepublik und die Europäische Union grenzüberschreitende Unternehmensregeln aufstellen und über ihre Einhaltung wachen.

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