Rheda-Wiedenbrück

Tönnies und die Moral in der Marktwirtschaft

Clemens Tönnies gilt pötzlich als Inbegriff eines nur auf Gewinn ausgerichteten Unternehmers. Ist das gerecht? Ein Zwischenruf

Coronavirus - Infektionswelle bei Fleischverarbeiter Tönnies
Clemens Tönnies, Geschäftsführer der Tönnies-Holding, äußert sich vor Journalisten zu den Vorwürfen zum Corona-Ausbruch im Fleischwerk in Rheda-Wiedenbrück. Foto: David Inderlied (dpa)

Das ist sein Narrativ: Er ist die Idealbesetzung für den klassischen bad guy des Kapitalismus. Rücksichtsloses Gewinnstreben zur Befriedigung von Geldgier gepaart mit Geltungssucht kennzeichnen seinen verachtenswerten Charakter. Er schreckt vor keiner menschenverachtenden Ausbeutung zurück und geht zur Not auch über Leichen. Solch‘ moralische Minderwertigkeit sucht nach jedem Schlupfloch im Gesetz, um unmenschliche Arbeitsbedingungen zu kreieren, Menschen zu versklaven und zu knechten, sie gegebenenfalls gesundheitlich auch bedenkenlos zu schädigen, Sozialdumping zu betreiben und sogar die eigene Familie zu terrorisieren.

Er ist der Sündenbock par excellence und erwirtschaftet sein Geld in einer Branche, deren Reputation auf unterstem sittlichen Niveau angekommen ist: Dem Schlachten, vorzugsweise von Schweinen, und der Fleischverarbeitung. Europas größter Fleischlieferant steht für Billigfleisch und quälende Massentierhaltung. Sein Name ist in aller Munde, brandmarkt eine ganze Region und wurde zum Synonym für soziale Ungerechtigkeit und Ausbeutung: Clemens Tönnies.

Vom Pfarrer attackiert

Ihn persönlich zu kennen und auch als Boss des Rurpott-Traditionsklubs „Schalke 04“ anerkannt zu haben, beschämt heute die politische Elite im Städtchen Rheda-Wiedenbrück, im Landkreis Gütersloh, in ganz NRW und darüber hinaus. Sogar ein katholischer Priester attackiert Tönnies; Peter Kossen urteilt von hohem moralischem Thron, spricht von Sklaverei und bringt Tönnies mit der organisierten Kriminalität der Mafia in Zusammenhang. Alle vereint im Ruf, dem einstigen Vorzeigemäzen und einflussreichen Steuerzahler nun das Handwerk zu legen, seine ganze Branche umzukrempeln und ihn auch persönlich schadensersatzpflichtig zu machen. Auch der Staatsanwalt ermittelt. Schlimmer geht's nimmer.

Über 1 500 der 7 000 Mitarbeiter der Firma Tönnies, viele von ihnen aus Osteuropa, haben sich mit dem Corona-Virus infiziert und stehen unter Quarantäne. 21 davon werden stationär im Krankenhaus behandelt, eine Handvoll intensivmedizinisch. Alarmisten vom Schlage des SPD-Abgeordneten Karl Lauterbach, einem Medizinprofessor, forderten sofort drastische Maßnahmen. Der Kandidat für den CDU-Bundesvorsitz, NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, mag nicht mitschuldig sein an einer neuen Ausbreitung der Pandemie; arg bedrängt ordnete er einen abermaligen Lockdown bis vorläufig zum 30. Juni für den Landkreis Gütersloh und Teile des angrenzenden Bezirks Warendorf an.

Unternehmerische Veranstwortung

Gemutmaßt wird, dass eine hygienisch miserable und beengte Unterbringung der mit Werk- und Kettenverträgen sozusagen fremdbeschäftigten Mitarbeiter von Tönnies die Masseninfektion zumindest begünstigt habe. Dass das Virus mit dem sommerlichen Wetter offenbar nicht gut zurechtkommt und sich ansonsten, ausgenommen wenige Festivitäten in einem Wohnblock in Göttingen, kaum noch verbreitet, wird in der allgemein wieder aufkochenden Pandemie-Panik kaum zur Kenntnis genommen. Auch Lauterbach stolpert intellektuell nicht über die eigene Erkenntnis, dass Corona-Ausbrüche bevorzugt auch in US-Schlachthöfen stattfinden und Covid-19 offenbar von der Kälte von Kühlhäusern profitiert.

Wer sich ein moralisch derart vernichtendes Urteil über eine andere Person anmaßt, der sollte einen tiefen Einblick in alle Fakten haben oder die betreffende Person sehr gut kennen. Renommierte Medien berichten von familiären Querelen und einer gewissen Rabiatheit von Tönnies. Ob er aber gegen Gesetze verstoßen und rechtswidrig gehandelt hat, das werden aller Voraussicht nach bald die Gerichte überprüfen. Dann wird man ihn gegebenenfalls zur Verantwortung ziehen. Er selbst bekundet, dass er sich „in voller Verantwortung“ sieht, „als Unternehmer und Unternehmen insgesamt“. An diese Worte wird man ihn sicher erinnern.

Auch der Unternehmer an sich steht am Pranger

Mit Tönnies stehen aber wieder einmal die marktwirtschaftliche Ordnung und mit ihr der Beruf des und die Berufung zum Unternehmer am Pranger. Vorneweg die Zeitarbeit, unzutreffend auch Leiharbeit genannt, und das System der Werkverträge. Diese Instrumente würden gezielt eingesetzt, um gesetzliche Verpflichtungen der sozialen Gerechtigkeit auszuhebeln, heißt es. So will SPD-Arbeitsminister Hubertus Heil künftig das Schlachten und die Fleischverarbeitung „nur noch durch Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern des eigenen Betriebes“ erlauben. Werkverträge und Arbeitnehmerüberlassungen sollen verboten werden. Doch das ist wohlfeile Augenwischerei.

Denn bei rumänischen und bulgarischen Arbeitskräften handelt es sich nicht um Zeitarbeitnehmer, sondern um im Rahmen von Werkvertragsketten mit Subunternehmen Beschäftigte, die gänzlich anderen gesetzlichen Regeln unterliegen. In Deutschland aber sind für eine sogenannte Arbeitnehmerüberlassung allgemeinverbindliche Mindestlöhne vorgeschrieben, es gibt soziale Tarifstandards und klare gesetzliche Arbeitsschutzregeln. Die Rechtsform der Beschäftigung aber hat mit der Form der Unterbringung von Mitarbeitern, mit der Einhaltung von Hygienestandards in Schlachtbetrieben und der Tierhaltung und Aufzucht nichts zu tun.

Der Unternehmer ist auch „nur“ ein Mensch

Der Unternehmer, ob zugleich auch Gründer, Investor, Erfinder oder „nur“ Manager, ist aber auch „nur“ ein Mensch wie alle Menschen. Inspiriert und auch affektiert, mit Kämpfergeist beseelt oder von einer Idee besessen, mit charakterlichen Stärken ausgestattet und ebenso auch mit menschlichen Schwächen und persönlichen Fehlern behaftet. Begrenzt in seiner Wahrnehmung, mit Emotionen und Leidenschaften ringend. Erfolgreich ist er dann, wenn er versucht, immer mehr empathisch zu sein: Die Bedürfnisse seiner Kunden wahrnehmen und aufgreifen, die besten Mitarbeiter finden und die Kosten bei der Herstellung von Gütern, Waren und Dienstleistungen in Schach und Proporz halten.

Wenn er seine Begabungen und Talente und damit sein Kapital im Sinne des biblischen Gleichnisses vermehrt, wenn er in diesem Sinne nach Gewinn strebt und diesen risikobehaftet wieder neu investiert, dann schafft er einen Mehrwert. Für sich, für seine Familie und für sein Unternehmen. Für seine Mitarbeiter und für das Wohl aller. Dann trägt er zum Gemeinwohl bei und schafft eine zentrale Voraussetzung für den Wohlstand aller in der Gesellschaft. Indem er ständig nach neuen und besseren Produkten Ausschau hält und nach einer Steigerung der Produktivität bei gleichzeitiger Kostensenkung trachtet, sucht er einen Wettbewerbsvorteil zu erlangen und damit zugleich das Überleben seines Unternehmens zu sichern.

Die Verantwortung und die Rolle des Staates

Der Staat aber ist verantwortlich für eine sach- und damit auch menschengerechte Gestaltung der Rahmenbedingungen des Wirtschaftens. Er hat zu regeln, welche Waren und Güter und welche Dienstleistungen gesellschaftlich erwünscht und welche für Mensch, Tier und Umwelt schädlich und zu verbieten sind. Er hat eine faire Wettbewerbsordnung zu garantieren und Regelverletzungen zu sanktionieren. Mit Steuern und Abgaben kann er Anreize setzen oder Fehlentwicklungen Einhalt gebieten; die Tabak- und Alkoholsteuer sind dafür Beispiele. Tönnies verspricht, sich künftig daran zu halten; er will seinen Betrieb und auch die ganze Branche grundlegend verändern und völlig neu gestalten. Auch an diesen Worten wird man ihn festhalten.

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