Sparst Du noch oder lebst Du schon?

Auch wenn es von der Politik noch verdrängt wird: Altersarmut wird zum Problem.
Situation bei Altersarmut
Foto: dpa | Altersarmut ist komplex: Materielle Probleme gehen meist auch mit sozialen einher. Zum Beispiel Einsamkeit.

Mutter Teresa wird die Aussage zugeschrieben, Einsamkeit und das Gefühl unerwünscht zu sein, seien die schlimmste Form der Armut. Um diese Form der Armut, ja diese Form der Altersarmut, geht es in politischen und sozialwissenschaftlichen Debatten leider so gut wie nie.

Denn nach wie vor gilt: Einsamkeit, aber auch das Gefühl unerwünscht zu sein sind gesellschaftliche Tabus in einer Gesellschaft von Leistungserbringern und Berufsoptimisten. So manchem verbietet die Religion, anderen der Arbeitgeber, die Herkunftsfamilie oder der Partner, in Bezug auf die Zukunft schwarz zu sehen, auch hinsichtlich des Themas Alter. Ist die Zukunft also für gute Gläubige, vertrauensvolle Arbeitnehmer und treue Kinder und Partner zwangsläufig rosig?

Thema Altersarmut wird in der Politik gerne großzügig ausgespart

Nicht unbedingt, wie ein Blick auf die Statistik zur Rentenentwicklung in Deutschland klarmacht. Denn es steht fest, dass die Höhe der verfügbaren Renten in den kommenden Jahren weiter sinken, die Höhe der Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung jedoch zeitgleich steigen wird. Das fordert den heute Dreißig- bis Fünfzigjährigen ein besonderes Maß an Zuversicht und Humor ab. Humor auch deshalb, weil das Thema der Altersarmut in der Politik gerne großzügig ausgespart wird. Der Bundestagswahlkampf und die sogenannten Sondierungsgespräche machten da keine Ausnahme.

Ausgespart? Ein derart wichtiges, in seinen Konsequenzen für Gemeinwohl und Volkswirtschaft derart weitreichendes Thema? Leider ja, denn Themen, die mit negativ konnotierten Phänomenen des Lebens wie Krankheit, Armut oder gar dem Tod zu tun haben, gelten in der Politik als unattraktiv. Eine erfreuliche Ausnahme-Politikerin ist hier Ursula Eiling-Hütig, die den Landkreis Starnberg im Bayerischen Landtag vertritt. Sie ist sich der enormen Diskrepanz zwischen dem Ruf ihres Wahlkreises als statistisch vermögendster Kommune Deutschlands und der Realität vor Ort bewusst und weiß um die mit Händen zu greifenden realen Probleme Einzelner, etwa die durchaus auch im Landkreis Starnberg anzutreffende Kinderarmut oder die prekäre Existenz mancher Rentner.

Allgemein steht fest: Bei den heutigen Rentenbezugsberechtigten beträgt die Quote derer, die als „arm“ gelten, also auf eine Grundversorgung durch die gesetzliche Rentenversicherung angewiesen sind, zwar nach den Berechnungen der Deutschen Rentenversicherung nur 2,7 Prozent (und nicht, wie unlängst eine WDR-Reportage insinuierte, 50 Prozent aller Rentner), die Quote derjenigen unter den Leistungsbeziehern der gesetzlichen Rentenversicherung, die als armutsgefährdet gelten, nur 11,3 Prozent, doch verschleiern diese Zahlen die zahlreichen nicht bezugsberechtigten Personen, also den Anteil der Obdachlosen, „Lebenskünstler“, Selbstständigen sowie der Beamten und Pensionisten in den berufgenossenschaftlichen Versorgungskammern.

Hinzu kommt, dass bei derlei Statistiken im Hinblick auf Zukunftsszenarien weder die aktuelle politische Lage wie beispielsweise die akuten Herausforderungen für Sozialversicherungssysteme und Krankenkassen durch den starken Zuzug an Migranten und die Abnahme an Leistungsträgern im Verhältnis zu Leistungsempfängern – noch absehbare volkswirtschaftliche Faktoren wie die zu erwartende Inflation oder der demographische Wandel berücksichtigt sind.

Solidargemeinschaft geht zusehends verloren

So kommt es, dass nicht nur die heute bereits „Alten“, sondern auch die Jüngeren sich Sorgen um die Zukunft der Absicherung im Alter machen. Und dies zu Recht. Für viele Jüngere stellt sich die Frage, ob sie wirklich erst ein Leben lang auf ein zunehmend unsicheres Versprechen hin sparen und Beiträge einzahlen, diese bei Auszahlung nochmals versteuern und dann erst leben sollen. Mit anderen Worten, die Liebe zur Solidargemeinschaft geht zusehends verloren – nicht zuletzt deshalb, weil sie zunehmend als unüberschaubar und unzuverlässig erscheint. Denn: Wo Politik und Kirche für die Solidarität mit der ganzen Menschheitsfamilie (also de facto der gesamten Weltbevölkerung) plädieren, zieht sich der Einzelne immer stärker auf sein eigenes Terrain zurück – und sei es nur das seiner virtuellen Existenz im Netz.

Die allgemeine Entwicklung des Rentenniveaus (das sogenannte „langsame Abschmelzen“ des Rentenniveaus von 70 Prozent bis 1998 auf 43 Prozent im Jahr 2030), aber auch die sozialpolitischen Vereinbarungen der sogenannten Großen Koalition im unlängst verabschiedeten Sondierungspapier zeigen: Die Rentenpolitik der Bundesrepublik Deutschland ist auf dem Weg von einem Prinzip der Einkommensgerechtigkeit zum Prinzip der Verteilungsgerechtigkeit. Armut trifft dann in der Konsequenz weite Teile der Bevölkerung gleichermaßen – unabhängig davon, ob die betroffenen Personen nie erwerbstätig waren, prekär angestellt waren, eine lückenhafte Erwerbsbiographie haben oder durch Kindererziehung oder Lohndiskriminierung geringere Rentenbeträge ihr eigen nennen.

Altersarmut beinhaltet zahlreiche Kernthemen der Sozialpolitik

Die Folgen, der vermeintlich versteckten, also nicht in volkswirtschaftlichen und sozialpolitischen Statistiken aufscheinende Armut im Alter und die Folgen des demographischen Wandel sind schon heute sichtbar. Stark unterschiedlich sind Rentenniveau, aber auch Kaufkraft in den einzelnen Regionen und innerhalb der Bundesländer, was die Gestaltung der Rentenpolitik, die einheitlich für das gesamte Bundesgebiet festgelegt wird, nicht gerade einfacher macht.

Und auch wenn die individuelle Berufsbiographie entscheidend für das Risiko Altersarmut ist, gilt: In letzter Konsequenz beinhaltet das Thema der Altersarmut zahlreiche Kernthemen der Sozialpolitik – die Generationengerechtigkeit, die Solidarität mit Schwächeren, die Wertschätzung von Kindererziehung, Kranken- und Altenpflege sowie die Freude über junges wie altes, gesundes wie krankes Leben. Kernthemen der christlichen Soziallehre, mit denen die beiden großen Kirchen gerade heute an Glaubwürdigkeit und Zukunftsfähigkeit gewinnen könnten. Denn unbestritten ist allen statistischen Werten über die Altersarmut zum Trotz: Noch nie gab es so viele Rentner mit Minijobs und als Kunden von sogenannten Tafeln. Der Verteilungskampf hat vielleicht bereits begonnen, denn wir erleben heute nach Einschätzung von Volker Meier, Professor am ifo-Institut München, „die letzten goldenen Jahre“ des Sozialversicherungssystems.

Weitere Artikel
Themen & Autoren
Marie-Thérèse Knöbl Altersarmut Arbeitgeber Arbeitnehmer Armut Bayerischer Landtag Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung Bundestagswahlkampf Gesellschaft und Bevölkerungsgruppen Gesetzliche Krankenversicherung Gesetzliche Rentenversicherung Große Koalition

Kirche

Einsame Kirche am Meer
Vatikanstadt

Ins Niemandsland der Kirche Premium Inhalt

Kirchenfunktionäre in Europa müssten den Untergang des Christentums fürchten, wenn Afrika und Asien nicht zeigen würden, dass Evangelisierung fruchtbar sein kann.
27.10.2021, 17 Uhr
Guido Horst