Glaube in Krisen

Sonnengruß statt Glaubenspraxis

Der christliche Glauben kann helfen, besser mit beruflichen und persönlichen Herausforderungen umzugehen. Doch für immer weniger Menschen ist das eine Option. Erfahrungen eines Coaches.
Gebet
Foto: Adobe Stock | Der Glaube löst nicht per se Probleme, das Gebet kann Menschen jedoch helfen, Krisen zu überwinden.

Es war gerade zwei Wochen nach Beginn der Coronakrise, als ich von den ersten hörte, denen im ständig beschworenen „reichen Deutschland“ das Geld ausging. Zuerst waren es Freiberufler und Kleinunternehmer, die ihren Umsatzeinbruch nicht einmal im laufenden Monat auffangen konnten. Danach Arbeiter und Angestellte in Kurzarbeit, die – wie sich in der Krise herausstellte – keine zehn Prozent Spielraum im Haushaltsbudget hatten. Doch fehlende Reserven zeigten sich nicht nur im finanziellen Bereich, sondern bald noch deutlicher im spirituellen. Eine längere Phase von Anstrengungen, Unsicherheit und Ängsten – und für viele nichts da, um sich zu trösten, zu beruhigen und zu ermutigen. Bestürzend die Zahl an Verwandten, Freunden und Kollegen, die lieber in grotesken Verschwörungstheorien oder totalitären Ideologien, links wie rechts, nach Erklärungen, Halt und Richtung suchen.

Lebensbegleiter

Als Coach begleite ich Menschen, die ihr berufliches oder persönliches Leben verbessern wollen: Eine neue, interessantere oder besser bezahlte Stelle finden, effektiver und organisierter arbeiten, mehr Zeit für die Familie und sich selbst finden. Häufige Themen sind natürlich auch Erfolgsdruck, Stress, Zweifel an der Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns. Was mich dabei in fast allen Gesprächen verblüfft, ist das weitgehende Verschwinden des christlichen Glaubens und auch nur Weltbildes als Referenzrahmen, obwohl Deutschland offiziell noch immer mehrheitlich christlich ist. Aber eher greift heute jemand zur buddhistisch angehauchten Meditations-App aus Kalifornien als zum Stundenbuch, reist eher zum „spirituellen Yoga-Retreat“ nach Bali als zur Klosterwoche in der eigenen Region.

Kulturchristen

Im Erstgespräch erfrage ich von jedem Klienten die Zufriedenheit in acht Lebensbereichen, darunter auch „Lebenssinn und Spiritualität“. Die Antworten geben mir einen guten Eindruck davon, was er sich persönlich darunter vorstellt, bisherige Erfahrungen und Aktivitäten.

Geschätzte 80 Prozent sind Kulturchristen, oft schon aus der Kirche ausgetreten. Die eigene religiöse Verortung ist ungeklärt („Ich glaube schon irgendwie an eine höhere Macht, aber eigentlich spielt das in meinem Leben keine Rolle“), das faktische Wissen zum Christentum fragmentarisch. Das schließt die Rolle der Kirche ein, meist reduziert auf die Vermittlung von humanitären Werten und soziale Aktivitäten, ansonsten höchst kritisch gesehen.

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Spiritueller Mix

Etwa zehn Prozent würden sich selbst als „spirituell“ bezeichnen, dabei fast durchweg im Bereich von Esoterik und New Age. Meist beschränkt auf einige fernöstliche Elemente und Praktiken, etwa Yoga oder Meditieren per App. Häufig sind Kombinationen von inhaltlich eigentlich konträren Glaubensfragmenten, etwa aus Anthroposophie und Buddhismus, und wieder anders konzipierter Bücher (etwa „The Secret“, „Bestellungen beim Universum“).

Die verbleibenden zehn Prozent sind aktive Kirchenchristen, mehrheitlich in evangelikalen Freikirchen, ansonsten in katholischen oder evangelischen Gemeinden. Hier ist all das, was Christsein ausmacht, zwar unterschiedlich ausgeformt, aber eine Selbstverständlichkeit: Die aktive Mitwirkung in einer Kirchengemeinde, eine tiefergehende Kenntnis der christlichen Lehre und ihrer Praktiken, damit auch ein damit verbundenes Lebensmodell im Alltag.

Jeder dieser Ansätze hat für die betreffende Person eine Vorgeschichte und Erklärung, erscheint ihr auch offenkundig als der beste. Als Coach erkundige ich das mit einem Klienten nur, wenn er Glaubens- und Wertefragen thematisieren möchte.

Substanzverlust

Gleichzeitig habe ich natürlich persönliche Überzeugungen, und eine davon ist: Wer seine religiöse Seite vernachlässigt, bezahlt dafür langfristig ebenso einen Preis wie jemand, der seine körperliche Seite ignoriert, beispielsweise schlecht isst und sich Sport verweigert. Lange geht das gut, irgendwann – nämlich in einer Krise – fehlt plötzlich die Substanz. Das heißt nicht, dass Glauben per se sämtliche Probleme löst, bietet aber in sich stimmige und in der Praxis bewährte Konzepte, Methoden und Praktiken, die dabei helfen können.

Gebet

Als Coach wie als Privatperson bin ich davon überzeugt, dass jede Beziehung irgendwann einen Entschluss zu Richtung und Verbindlichkeit braucht. Nur dann kann sich Tiefe entwickeln, die Entdeckung der Möglichkeiten und Details innerhalb eines gewählten Rahmens. Das gilt für zwischenmenschliche Beziehungen, also Partnerschaft und Ehe, Freundschaften und geschäftliche Kooperationen ebenso, wie für den Glauben. Ein ewiges Hin und Her zwischen lauter Patchwork-Lösungen trägt auf Dauer niemanden.

Achtsamkeitsprogramme

Ein interessantes Gespräch dazu hatte ich kürzlich mit einer Freundin, die im Human Ressources-Bereich arbeitet. Sie erzählte mir von einem neuen Achtsamkeits- und Meditationsprogramm für Unternehmen, das wieder einmal buddhistische Traditionen mit neurowissenschaftlicher Forschung verbinden will. Erst wollte ich nicht viel dazu sagen, jeder soll seinen eigenen Weg finden. Doch dann musste ich zugeben, dass ich in dreifacher Hinsicht Probleme mit derartigen Programmen (typisch etwa für „Search Inside Yourself” von Google) habe.

  1. Wir leben in Europa inmitten einer reichen spirituellen Kultur und Tradition. Gebete, Meditationen, heilige Schriften und Orte, spirituelle Praktiken, Mönchsorden – alles in direkter Nähe und mit 2000-jähriger Erfahrung da. Niemand muss dafür nach Tibet. Wir habe alles hier verfügbar, passend zu unserer Kultur und Gesellschaft.
  2. Die Menschheit lebt derartige Traditionen und Praktiken, seit es sie gibt. Es bedarf keiner biologistischen Bestätigungen von Neurobiologen, welche Gehirnzonen zu, Beispiel durch Gebete angeregt werden und dass Empathie den Stresspegel senkt. Es liegen tausende Jahre Erfahrung vor. Man kann darauf vertrauen, „es glauben“.
  3. In Unternehmen (zum Beispiel Startup- und Tech-Szene) habe ich oft genug gesehen, wie Praktiken aus Mediation und Coaching missbraucht werden, um noch das Letzte aus Mitarbeitern herauszuholen. Da beobachte ich immer wieder Fälle, wo ich klar sagen würde: Du musst nicht mehr meditieren, du brauchst einen neuen Job.

Religion für Atheisten

Ich sehe derartige Konzepte als Versuche, die ein Fremdeln mit der eigenen Historie, Kultur und Spiritualität ausdrücken. Auch den Wunsch, die erkannten Vorteile von Religion haben zu wollen, ohne sich darauf einzulassen oder gar zu binden. Wie etwa „Religion für Atheisten“ von Alain de Botton, wo die Form (zum Beispiel gewisse Traditionen) ohne Inhalt genügen soll. Mir erscheint das als kulturelle und intellektuelle Verarmung, auch als Entfremdung von den eigenen Wurzeln. Auffällig ist zudem der Selbst- und Zweckbezug (zum Beispiel Meditieren für die Karriere), also das Gegenteil von innerer Freiheit und Selbstüberwindung.

Würde ich nun davon abraten, sich auf derartige Programme einzulassen? Nein, sie können ein wertvoller Meilenstein in der persönlichen Entwicklung sein. Ich würde allerdings sagen, dass man das gleiche – oder sogar wesentlich mehr – viel einfacher und billiger bekommen würde. Was bei der körperlichen Ernährung ständig eingefordert wird – Einfachheit, Nachhaltigkeit, Regionalität –, darf durchaus auch bei der seelischen gelten.

Der Autor ist Coach und Buchautor. Er veröffentlichte 2020 „Ich mach da nicht mehr mit“ (Gräfe und Unzer). Er wurde 1972 in Chemnitz geboren und lebt jetzt in Zürich.

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