Roboter werden Kampf um Arbeitsplätze forcieren

„Die Einstellung zur Leistung muss sich ändern, soll die berufliche Standfestigkeit in der Arbeitswelt 4.0 gesichert werden“, sagt Thomas Weegen, Deutschland-Geschäftsführer der Unternehmensberatung Coverdale. Von Hartmut Volk
Foto: Hartmut Volk | Sorgt sich um fehlendes Leistungsdenken: der Münchener Unternehmensberater Thomas Weegen.
Foto: Hartmut Volk | Sorgt sich um fehlendes Leistungsdenken: der Münchener Unternehmensberater Thomas Weegen.
Herr Weegen, was veranlasst Sie zu dieser Feststellung?

In der Arbeitswelt steuern wir auf eine sich markant verschärfende Konkurrenzsituation von menschlicher mit digitalisierter maschineller Arbeitskraft zu. Das Stichwort heißt Arbeitswelt 4.0. Die Digitalisierung der Wirtschaft macht den arbeitenden Menschen keineswegs überflüssig. Gleichwohl werden ihn die enormen neuen technologischen Möglichkeiten einerseits und Kosten- und Wettbewerbsgründe andererseits zunehmend in Bedrängnis bringen. Im Zusammenspiel des einen mit dem anderen baut sich zunehmender Druck auf, Arbeitsplätze anstatt mit Menschen mit Maschinenkraft zu besetzen.

Lässt sich das konkretisieren?

Konkret heißt das, die vierte industrielle Revolution wird Realität. So wie die Erfindung der Dampfmaschine und des mechanischen Webstuhls die Wirtschafts- und Berufswelt von Grund auf verändert hat, werden auch Big Data und Digitalisierung das Arbeitsleben tiefgreifend umgestalten. Automatisierte Systeme treten in Konkurrenz mit der menschlichen Arbeitskraft. Einer vor einiger Zeit veröffentlichten Studie der London School of Economics (LSE) zufolge sind die Revolutionäre 4.0, allen voran Roboter und Algorithmen modernster Provenienz, bereits dabei, in Deutschland 51,1 Prozent der Jobs zu übernehmen.

Wer ist davon betroffen?

Fertigungsprozesse gleich welcher Art. Aber zunehmend sehen die LSE-Forscher auch Tätigkeiten und Berufe im Wetterleuchten dieser Entwicklung, die sich vor Revolutionen im IT-Bereich weitgehend sicher wähnten wie Rechtsanwälte, Ingenieure, Ärzte, Designer, Journalisten. Die Vorstellung, fest und sicher im beruflichen Sattel zu sitzen und in seiner Qualifikation unersetzlich zu sein, entpuppt sich bei näherem Hinsehen überall als Irrtum.

Und daraus erwächst die Notwendigkeit einer veränderten Einstellung zur Leistung?

Wir reden von einem sich abzeichnenden Verdrängungsprozess. Wer dem standhalten will, muss sich unweigerlich sowohl veränderten als auch höheren Leistungsanforderungen stellen. Dieser Verdrängungsprozess hat nun aber nicht nur eine technologische, sondern auch eine bevölkerungspolitische Komponente. Es drängen mehr Menschen auf den mit zunehmend weniger Arbeitsplätzen ausgestatteten Arbeitsmarkt. Und immer da, wo Mehr auf Weniger drückt, muss sich das Mehr darüber Gedanken machen, wie es sich behauptet. Das altbekannte Spiel von Angebot und Nachfrage.

Lässt sich diese Entwicklung in Zahlen fassen?

Aufschlussreiches zu den sich abzeichnenden Umbrüchen steuert der Vorsitzende des Weltwirtschaftsforums Klaus Schwab in seinem Buch „Die Vierte Industrielle Revolution“ bei. Ganz deutlich wird Jim Clifton vom Meinungsforschungsunternehmen Gallup in seinem Buch „The Coming Jobs War“. Er weist darauf hin, dass von den künftig über fünf Milliarden Menschen über 15 Jahren drei Milliarden arbeiten wollen, Vollzeitjobs aber wird es nur für 1,2 Milliarden geben Seine Prognose: Ein globaler Wettbewerb um die verfügbaren Arbeitsplätze ist zu erwarten. Um nicht zum Strandgut dieses Wettbewerbs zu werden, braucht es eine überlegtere Einstellung zu Leistung und Anstrengung.

Wo genau orten Sie hier den Verbesserungsbedarf?

Vor einiger Zeit fand ich in der Neuen Zürcher Zeitung einen aufschlussreichen Leserbrief der in Zürich lebenden Psychotherapeutin Gisela Ana Cöppicus. Ich meine, was Frau Cöppicus da anmerkte, muss nachdenklich stimmen: „In der psychotherapeutischen Praxis werden oft narzisstisch gestörte, intelligente, aber überhebliche junge Menschen gesichtet, die sich vom Internetwissen nähren, aber beruflich kaum auf die Beine kommen. Sie machen den Eindruck von hochintelligenten Möchtegern-Nerds, sind aber untauglich gegenüber den Anforderungen des Alltags.“

Trifft das tatsächlich zu?

Ich bin Unternehmensberater und bekomme hinter den Kulissen so einiges mit. Führungskräfte, Unternehmer, Handwerksmeister und verbiesterte Altgesellen im Handwerk verweisen auf teilweise atemverschlagende Lust- und Interesselosigkeit vieler junger Berufstätiger. Was beklagen sie? Deren fehlende Belastbarkeit, mangelnde Bereitschaft zu Einsatz und Anstrengung, die Unfähigkeit, Kritik zu ertragen, ausgeprägte Ichbezogenheit, ein in keiner Relation zur erbrachten Leistung stehendes Anspruchsdenken. Dass das nicht aus der Luft gegriffen ist, zeigt auch ein Blick in die Jobstudie 2015 der Unternehmensberatung EY Ernst & Young.

Sie bestätigt das?

Nun, sie kommt zu dem Schluss, dass die Angehörigen der jungen Generation schwieriger zu motivieren sind. Das ist sehr feinfühlig formuliert. Läuft aber letztlich wohl doch darauf hinaus, dass Viele von ihnen zum Jagen getragen werden müssen. Selbstverständlich nicht alle. Es gibt prächtige Ausnahmen. Aber augenscheinlich doch eine ganze Menge. Freizeitbedürfnisse, so vermelden andere Studien, stehen deutlich höher im Kurs als der Aufbau einer beruflichen Standfestigkeit, die auch die heute schon unumgänglich zum Arbeitsleben dazu gehörenden beruflichen Brüche und Neuanfänge ins Kalkül zieht. In der Konkurrenz von Leistungs- und Anspruchsdenken hat Ersteres augenscheinlich derzeit zumindest die schlechteren Karten.

Und im Blick auf die Entwicklung ist das für Sie Ausdruck einer bedenklichen Kurzsichtigkeit?

Bricht die äußere Stabilität weg, kommt dem Bemühen um innere Stabilität schicksalhafte Bedeutung zu. Ohne das begründete Gefühl, sich gegen Widerstände behaupten zu können, gibt es keine Halt gebende innere Stabilität. Je fester ein Mensch aufgrund gemachter Leistungs-Erfahrungen davon überzeugt ist, auch kommenden Herausforderungen standhalten zu können, desto sicherer kann er dem Kommenden entgegensehen und -gehen. Sich mit diesen Zusammenhängen vertraut zu machen, gehört zur beruflichen Lebensversicherung.

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