Reichtum, Armut, Jobverlust

Das Weltwirtschaftsforum in Davos beschäftigt sich mit der „Vierten Industriellen Revolution“. Von Reinhard Nixdorf
Foto: dpa | Weltwirtschaftsforum in Davos: Nachdenken und Kontakte knüpfen.
Foto: dpa | Weltwirtschaftsforum in Davos: Nachdenken und Kontakte knüpfen.

„Vergessen Sie die Armen nicht! Das ist die hauptsächliche Herausforderung, die vor Ihnen als Führungskräften der Wirtschaftswelt liegt.“ Dieser Appell von Papst Franziskus an die Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos, das heute endet, rückte den Fokus auf die Ungleichheit zwischen Arm und Reich – so wie die zu Beginn des Treffens vorgestellte Studie der Hilfsorganisation Oxfam, die vorrechnet, dass ganze 62 Superreiche genauso viel besitzen, wie die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung zusammen, nämlich 3,6 Milliarden Menschen.

Das Weltwirtschaftsforum stand unter dem Motto „Die 4. Industrielle Revolution“. In der Wirtschaft von morgen werden künstliche Intelligenz, Nanotechnologie, Roboterisierung und 3D-Druck in den Vordergrund treten. Ökonomen wurden nicht müde, die digitale schöne neue Welt zu preisen: künstliche Organe aus dem 3D-Drucker, Arztvisiten per Video-Übertragung vom Smartphone. Einerseits ein Fortschritt. Andererseits stellt die Digitalisierung der Wirtschaft über kurz oder lang die Arbeitswelt auf den Kopf: Setzt sich das selbstfahrende Auto durch, braucht man keine Lastwagen-, Bus- oder Taxifahrer mehr. Steigen Roboter in die Servicebranche ein, versorgen Kranke und servieren im Restaurant das Essen, werden Pflegekräfte und Kellner überflüssig. Erledigen Roboter die Büroarbeit, ist die Sekretärin ein Job von gestern. Rund sieben Millionen Arbeitsplätze sind bis 2020 in den großen Industrieländern gefährdet, so eine Studie des Weltwirtschaftsforums, die auf einer Umfrage unter Strategieverantwortlichen und Personalchefs von neun Branchen in fünfzehn Volkswirtschaften basiert. Freilich: Der technologische Fortschritt würde auch neue Jobs schaffen – aber eben nur zwei Millionen. Macht unterm Strich einen Verlust von fünf Millionen Stellen.

Dieser Trend sollte nach Klaus Schwab, dem Gründer des Weltwirtschaftsforums, beunruhigend sein, da Regierungen vor neue Herausforderungen gestellt werden und der Wirtschaft die Konsumenten wegbrechen. Auch Papst Franziskus warnte in seiner Botschaft an die Teilnehmer des Forums, dass die technologischen und wissenschaftlichen Fortschritte der vierten industriellen Revolution nicht zur Zerstörung der menschlichen Person führen und sie durch eine seelenlose Maschine ersetzen dürften.

Wie sehr gerade das globale Geschäftsmodell der großen Konzerne heute auf sozial untragbaren Grundlagen aufbaut, zeigt eine Studie, die der Internationale Gewerkschaftsbund (ITUC) im Vorfeld des Forums veröffentlichte. Danach stehen in den globalen Lieferketten von fünfzig großen Konzernen nur sechs Prozent der Beschäftigten in einem direkten Vertragsverhältnis zu den Unternehmen; die übrigen 94 Prozent bilden ein „verstecktes Arbeitskräftereservoir“ in oft prekärer und schlecht bezahlter Beschäftigung, ohne sozialen Schutz und Gewerkschaftsrechte am Arbeitsplatz. Die Unternehmen hätten genug Möglichkeiten, dies zu ändern, folgten sie nur einem 4-Punkte-Plan, den der ITUC in Davos vorstellte.

Danach könnte schon die Einführung von Mindestlöhnen und Tarifverträgen, die Verbesserung von Sicherheitsstandards in der gesamten Lieferkette und die Gewährleistung von Rechtestandards, wie sie in den Leitlinien der Vereinten Nationen für Wirtschaft und Menschenrechte festgelegt sind, viel ändern. Ob sich die Teilnehmer in derlei Niederungen begeben, ist fraglich. Vorträge, Diskussionen und Workshops sind eben nur die eine Seite des Forums, die andere Seite ist „big buisiness“: Nirgends lassen sich in kurzer Zeit so viele Kontakte knüpfen wie beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Der praktische Nutzen für Konzernchefs besteht darin, dass der viertägige Aufenthalt in den Schweizer Bergen eine mehrwöchige Geschäftsreise rund um den Globus glatt ersetzt. Und wer so rechnet, lässt auch manchen moralischen Appell über sich ergehen.

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